Kathrin Reitz schreibt

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Autor: Kathrin Reitz Seite 2 von 10

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 07. Juni 2020

Noch eine Woche. Dann öffnen die meisten der innereuropäischen Grenzen wieder und geben den Touristen die Möglichkeit, kostbare Ferienzeit im Ausland zu verbringen. Die Sehnsucht nach Freiheit, Reisen, dem Unterwegssein zu Freunden oder auch in die Fremde, um Neues zu entdecken ist jetzt schon groß – verständlicherweise.
Was mich derzeit allerdings mehr beschäftigt als die Grenzen zwischen den Ländern sind die, die wir in unseren Köpfen spazieren tragen. Diese Grenzen kann man nicht sofort erkennen und trotzdem sind sie viel gefährlicher als die, die uns zum Halt an Schranken und Schlagbäume zwingen.

Innere Grenzen „begrenzen“ uns wortwörtlich. Es ist immer gut, sich damit auseinander zu setzen.

Warum?

* Weil wir selten Neues über uns lernen, wenn wir in unseren eigenen Komfortzonen stecken bleiben.
Ängstlich, vorsichtig, bequem.
* Weil es gefährlich ist, die Grenze als feindliche Abgrenzung zu sehen. Gut und Böse. Wer ist gut, wer böse?
* Weil es bösartig und gemein ist, innerhalb dieser inneren Grenzen zu meinen, man sei normal. Die anderen sind die, die „anders“ sind, wir doch nicht! Damit hat man quasi das Recht, diese „Anderen“ zu mobben, zu kränken und zu demütigen. Wir schaffen die Grenze höchstpersönlich:
ich bin drin und du bleibst draußen. Basta.
Ausgrenzung ist in vielen Fällen nicht nur widerlich und asozial, sie kann Menschen krank machen, im schlimmsten Fall sogar in den Selbstmord treiben.

Wenn ein Mensch innerhalb einer falsch definierten Grenze selbstherrlich und arrogant agiert – einfach, weil er es kann, weil er Brutalität in seinem Geltungsbereich völlig in Ordnung findet und Menschen schindet statt sie zu beschützen, wie es eigentlich sein Job wäre, dann geschehen solche Tragödien wie die des Todes von George Floyd.
Ein 46 Jahre alter Afroamerikaner, grundlos ermordet bei einem Polizeieinsatz am 25. Mai 2020 von einem „normalen weißen Polizisten“. Normal? Wohl kaum. Er ist ein Mörder.

Seither gehen die Menschen auf die Straße. Auf der ganzen Welt. Meistens friedlich, oft führt der angestaute Hass, den unfaire, herrschsüchtig-dominante Behandlung ohne eine Chance auf Wiedergutmachung, Hilfe und Unterstützung nun einmal nach sich zeigt, aber auch zu Gewalt.
Rassismus ist die schlimmste Ausgrenzung, die es geben kann. Und es gibt sie überall. Ich glaube, wir werden in den kommenden Wochen noch oft darüber staunen, welche Geschichten jetzt an die Öffentlichkeit dringen werden; Wir werden angewidert darüber staunen, denn ähnlich wie bei der „me too“ Bewegung, die sexuelle Übergriffe öffentlich werden ließ, können wir schon erahnen, was nun an die Oberfläche schwappen wird.

Und es reicht tatsächlich. Es ist wirklich an der Zeit, Grenzen zu öffnen, ganz besonders die inneren! Jeder kann mitmachen. Wie beim „stay home, stay safe“ könnte jeder und jeder von uns „stay friendly, stay safe“ sagen – und entsprechend handeln. Wir sind schließlich alle „Fremde“ in anderen Ländern außer dem Heimatland. Im Urlaub, in den wir ja bald alle wieder reisen dürfen, wird es übrigens auch so sein. Da sind wir „Fremde“. Alle. Fremdsein fängt gleich hinter der Grenze an, Anderssein zu verurteilen, gleich hinter der eigenen Stirn.

Ich würde es wirklich begrüßen, wenn die menschliche Gesellschaft endlich mehr Respekt zeigen würde: vor dem Leben aller Mit-Menschen, aller Tiere und Pflanzen, der Natur. Wenn wir alle gemeinsam den Lockdown geschafft haben, warum sollten wir das nicht auch schaffen?
Wann also öffnen wir unsere inneren Grenzen? Damit müssen wir nicht bis zur nächsten Woche warten …. Lasst uns doch gleich damit anfangen! Auf einen Impfstoff, der gegen die Verursacher der inneren Grenzen wirkt, müssen wir nicht warten, der wird nie gefunden werden. Das, was neben Respekt vielleicht noch am besten helfen könnte, wäre vielleicht eine gute Portion Selbsterkenntnis gepaart mit Reflexionsfähigkeit. (Definition: Selbsterkenntnis ist die Erkenntnis einer Person über das eigene Selbst. Selbsterkenntnis ist eng verwandt mit Selbstreflexion, dem Nachdenken über sich selbst (Selbstbeobachtung), und der Selbstkritik, dem kritischen Hinterfragen und Beurteilen des eigenen Denkens, der eigenen Standpunkte und Handlungen).

Also: „stay friendly, stay safe”!
Schöne respektvolle Woche noch.

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 31. Mai 2020

Pfingsten ist, wenn überall Stau auf den Autobahnen herrscht, Wohnwagen mit gelben Nummernschildern kolonnenmäßig in Richtung Meer donnern, Ferienflieger mit quengelnden Kindern in Richtung Malle abheben oder Motorräder gnadenlos die ruhegewohnte Eifel mit einem ohrenbetäubenden Klangteppich belästigen.

Das war so, bevor Corona eine Angst- Krankheits- und Todesschneise durch die Welt gezogen hat.

Heutzutage warnen die Holländer die Deutschen und bitten sie, nicht zu kommen, obwohl man sie doch schätze. Wenn sie doch kommen, dann gibt es Vorgaben, wie viele deutsche Menschen in einem Auto sitzen dürfen – mit Mindestabstand natürlich, sonst wird es teuer. Die belgischen Nachbarn wollen noch gar keine Touristen, öffnen aber immerhin die Grenzen einen Spalt breit und andere Länder in Europa schnitzen ihre eigenen, teils wenig nachvollziehbaren Vorgaben.
Pfingsten 2020 ist ein Corona-Regel-Fleckenteppich mit Masken- und Abstandspflicht für Ausflugswillige. Eigentlich ist das wohl eine Einladung, im Garten oder auf dem Balkon zu bleiben, was wir ja als quarantäne-geübte Bürger schon gut kennen und können.
Aber Pfingsten ist nunmal Kurzurlaub.
Ein kirchliches Fest?
Da war doch was … für mich ist Pfingsten ehrlich gesagt auch kein kirchliches Fest. Ich würde mich zwar als gläubig beschreiben aber eben nicht im kirchlichen Sinne. Deswegen habe ich dieser Institution schon seit Langem den Rücken gekehrt. Aber warum wird Pfingsten eigentlich überhaupt gefeiert?
Es heißt, dass dieses Fest nach Weihnachten und Ostern das dritte große Fest im christlichen Kirchenjahr ist. Es bedeutet ungefähr „der fünfzigste Tag“, denn es wird am 50. Tag nach dem Osterfest gefeiert. Interessant ist, dass es an die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die in Jerusalem versammelten Apostel erinnern soll, die plötzlich in verschiedenen Sprachen reden und so das Wort Gottes zu allen Völkern bringen konnten. Pfingsten gilt daher als „Geburt“ der Kirche. Wobei das Wort „Kirche“ interessanterweise von dem griechischen Wort „kyriakos“ („zu einem Herrn gehörend“) definiert wird. Die Grundbedeutung von „Kirche“ bezieht sich also weder auf ein Gebäude noch auf irgendeine Organisation, sondern allein auf den „Kyrios“, den „Herrn“ Jesus Christus. Jesus hat nie den Bau von Kirchen oder die Bildung von Organisationen angeordnet. In deutschen Bibelübersetzungen kommt meistens das Wort „Gemeinde“ (manchmal auch „Versammlung“) vor. Doch sind „Gemeinde“, „Versammlung“ oder „Kirche“ jeweils nur interpretierende Wiedergaben der griechischen Bezeichnung „ekklesia“, die wörtlich „Herausgerufene“ bedeutet. Die Gemeinde oder Kirche im biblischen Sinn steht für eine Gruppe von Menschen, die Gott aus einem Leben der Sünde und des Todes herausgerufen hat: „der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat“
(1. Petrus 2,9).
(Quelle: www.gotquestions.org/Deutsch/definition-kirche.html)

Tja, Gemeinde, Versammlung, Gruppe von Menschen, das Wort Gottes zu allen Völkern tragen … wenn ich das so lese, hätte Pfingsten 2020 eigentlich gar nicht stattfinden dürfen, oder?
Ich schicke besser dem Herrn Drosten, den ich ziemlich schlau und großartig finde, eine Mail und frage nach.
Wenn euch in der Zwischenzeit dazu noch was Gutes einfällt, lasst es mich wissen. Bis dahin mache ich es wie immer, seit über 50 Tagen, stay home usw. … ihr wisst schon, was ich meine.

Genießt die Pfingstrosen, den Sonnenschein und alles, was geht. Ist ja immer noch `ne Menge!

Schöne frei Tage und schöne erfüllte (kurze) Woche noch!

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 24. Mai 2020

Vor drei Tagen bin ich mir untreu geworden.

Es gibt so ein paar Umweltsünden, die ich abgrundtief verabscheue und dazu gehören in Zeitschriften eingeklebte Probepackungen von Cremes, Shampoos, Body-Lotions und ähnlichem Zeug. Seit Jahren schon habe ich mir geschoren, dass ich Kosmetik aus so einen Verpackungsmist NIE ausprobieren werde, egal welche Versprechungen auch immer auf den stylischen Packungen stehen.
Das ist zu einem feststehenden Prinzip, einem Grundsatz von mir geworden.
Aber die Quarantäne scheint mich verändert zu haben.
Ich habe es tatsächlich getan. Ich habe eine Probe einer Creme „für reifere“ Haut von der Seite gelöst und sie näher betrachtet. Dann habe ich verantwortungsbewusst im Internet nachgeschaut, ob der Konzern Tierversuche macht. Tut er laut Infos nicht. Na gut. Aufmachen ist ja noch nicht verboten. Okay, dabei ist es nicht geblieben.
Ich habe diese Creme ausprobiert und meinen ureigenen Grundsatz gebrochen. Die Probe war gut, angenehm, richtig schön auf der Haut. Mit schlechtem Gewissen habe ich mir tatsächlich einen Topf davon gekauft.

Tja und nun kommt der Teil mit der Überschrift:
„Das hast du nun davon“:

Ich habe diese Creme gleich am anderen Morgen aufgetragen, bin anschließend noch schnell zum Einkaufen, ehe die Arbeit beginnen würde. Kaum am Supermarkt angekommen, spürte ich, dass sich ein dünner Schleier über meine Augen legte. Seltsam. Ein paar Mal geblinzelt, weg. Prima. Also raus aus dem Auto, Corona-Maske auf, Tasche und Brille geschnappt. Den Einkaufswagen habe ich ja noch irgendwie gesehen, aber dann wurde meine Sicht doch immer deutlicher immer verschwommener.
Die Schlieren und Schleier kehrten erbarmungslos zurück. Hm, erstmal die Brille auf. Es wurde nicht besser. Da ich mich ansonsten körperlich wohl fühlte, musste es etwas anderes sein.
So ganz allmählich schwante mir, was ich Jahre zuvor schon einmal mit irgendeiner anderen „neuen“ Creme erlebt hatte: es gibt welche, die scheinen entweder irgendwie in meine Augen zu wandern, selbst, wenn ich sie nur auf die Wangen aufgetragen habe oder aber sie haben Inhaltsstoffe, die ich nicht vertrage und die zu seltsamen Schleiersehen führen. Ich hatte das vergessen und nicht erwartet.
Zudem haben wir ja auch noch Corona-Zeiten.
Ihr könnt ja mal versuchen, durch
a.) eine Brille über der Maske, die immer wieder beschlägt und dann noch durch
b.) wolkenähnliche Schleier im Tempo Einkaufen zu gehen. Ninja-Warrior-Aufgaben sind ein Kinderspiel dagegen!
Viel Zeit hatte ich nicht, viel Glück aber schon, denn ich habe es mit vollem Einkaufskorb, schmierigen Schleiern vor den Augen und wenig Verkehr sicher wieder nach Hause geschafft.
Nachdem ich nicht nur meine Hände sondern diesmal auch mein Gesicht samt Äuglein gründlichst gewaschen hatte, war ich, sagen wir mal, doch ein bisschen erstaunt über das, was ich in meinem Einkaufskorb gefunden habe. Das hatte ich so jetzt auch nicht erwartet …
1. Fazit: diese neuartige Creme hat dazu geführt, dass ich eine vollkommen andere Produktpalette des Supermarktes kennen gelernt habe (und beides ist mir nicht bekommen!).
2. Fazit: Scheiß Karma.

In diesem Sinne: Bleibt Euch treu.

Schöne Woche mit klarer Sicht noch!

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 17. Mai 2020

Die meisten Menschen, mit denen ich dieser Tage spreche, reden davon, wie sie bisher durch die Krise gekommen sind. Bei den vollkommen unterschiedlichen Schilderungen dieser persönlichen Glücks- und Leidensgeschichten ist mir etwas aufgefallen, was ich aus psychologischer Sicht höchst interessant finde:
Jeder Konflikt, jede Krise, die im Außen stattfindet, triggert etwas zutiefst Persönliches im Inneren des Einzelnen an, das beachtet werden möchte.

„Jede Krise ist Selbstbegegnung und dient der Selbstvervollständigung“.
(Ein Zitat von Dr. Reinhard Sprenger, der ein großartiger Denker und Verfasser mehrerer erfolgreicher Bücher ist).

Jede Krise ist Selbstbegegnung – wie wahr! Das erlebe ich tatsächlich gerade, denn ich habe das große Glück, mich mit Menschen befassen zu dürfen, die mit mir ihre Lebensgeschichten und Aufgaben teilen, um gemeinsam nach Lösungen, nach Heil-Werden, nach Selbstvervollständigung zu suchen.
Und wirklich jeder „begegnet“ sich in dieser Krise auf andere Art und Weise. Das kann beglückend oder schmerzvoll sein.
In der Zurückgezogenheit des „social-distancing“ werden wir tatsächlich mehr oder weniger gezwungen, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Diese Auseinandersetzung ist nicht einfach, kostet Mut und gute Reflexionsfähigkeit, lohnt sich aber. Warum?
Weil jeder Mensch, jedes Wesen „heil“ werden und sein möchte, GANZ sein möchte.
(Gut, bis auf die Verschwörungstheoretiker, die nicht nach innen gucken wollen, sondern die Verantwortung lieber an „das Böse“ abgeben, das ist leichter als Arbeit am Selbst).

Um aber nun tatsächlich GANZ sein zu können, sollte jeder einzelne Anteil der eigenen Persönlichkeit Beachtung finden, da das große Ganze sonst aus der Balance zu geraten droht. Eine Weile kann jede Persönlichkeit eine Disbalance, ein Leben auf einer Art schiefen Ebene kompensieren, dauerhaft aber drohen Burnout und andere Krankheiten. Wer z.B. nur Power im Job gibt, ein Schneller-Höher-Weiter-Prinzip ohne Rücksicht auf die leisen, erholungsbedürftigen Seiten des eigenen Ich lebt, der bekommt irgendwann die Quittung.

Um deutlicher werden zu lassen, was ich damit meine, wenn ich von einer ausgeglichenen Persönlichkeit rede, benutze ich manchmal das Bild eines Chores, bei dem es auf jede Stimme ankommt, damit das Ganze harmonisch klingt, miteinander schwingt und keine Misstöne entstehen.
Manchmal wähle ich auch das Beispiel eines einfachen runden Tisches mit drei Beinen. Diese Beine haben Bedeutungen: eines steht für das soziale Leben, das andere für die Arbeit und das dritte für Hobbies und Ausgleich.

Wenn ich zum Beispiel das berufliche Tischbein „höher“ stelle, ihm also mehr Bedeutung zumesse, kommt meine Tischplatte automatisch in eine Schieflage. Das wird eine Weile funktionieren, dann aber wird es anstrengend. Gesund wäre es, dieses Tischbein wieder auf das normale Niveau zurückzuschrauben und vielleicht das Private für eine Weile bewusster wahrzunehmen, „höher zu stellen“. Bewegung innerhalb dieser Standbeine des Tisches ist vollkommen okay. Das Leben stellt uns immer wieder vor Herausforderungen, in denen es turbulent zugeht, wir unsere Kräfte auf einen Bereich unseres Lebens konzentrieren müssen, das ist auch gut so. Wir wachsen und entwickeln uns schließlich nur dann weiter, wenn wir unsere Komfortzone auch mal verlassen. Kompletter Stillstand ist ebenfalls nicht das Wahre.
Manche Menschen versuchen aber sogar, auf einem Tisch mit zwei Beinen zu „performen“, wie es neudeutsch so schön heißt und wundern sich, warum das nicht klappt, warum sie später, in der Mitte ihres Lebens (manchmal auch erst mit Einsetzen der Rente oder Pension) aufwachen, krank, einsam oder unglücklich sind.

In einer Krise haben wir die Chance, wieder in eine gesunde Balance zu kommen – wenn wir uns die Zeit nehmen, um uns mit dem auseinander zu setzen. Es ist ein bisschen wie eine Diagnose, bei der ich feststellen kann, was überhaupt in „Schieflage“ gekommen ist, hinschaue, welcher Teil von mir deutlich mehr Beachtung braucht, welchem es ein wenig zu gut geht, welcher zu kurz gekommen ist.
Diese Selbstbegegnung ist eine Art persönliche Bilanz und gleichzeitig eine Chance dazu, Prioritäten neu zu setzen, Lebensziele zu überdenken.

Ihr könnt euch ja zum Spaß mal die Frage stellen: Wie bin denn eigentlich ich durch diese Krise gekommen? Wie bin ich mir selbst begegnet? Welchen Teil meiner Persönlichkeit habe ich durch die Krise kennengelernt? Wäre dieser Teil ein Mensch und käme zu Besuch, was würde er oder sie mir wohl erzählen? Hättet ihr eine gute Zeit miteinander oder müsstet ihr euch Vorwürfe anhören?

Nehmt euch Zeit, werdet oder seid GANZ, habt die Mitmenschen und Tiere liebevoll im Blick und genießt das Leben. Wir leben hier in einem verdammt guten Land und dafür sollten wir dankbar sein – denn eines darf man nicht vergessen: Ich kann mir solche „Selbstentwicklungs-Gedanken“ erst dann machen, wenn mein Überleben gesichert ist, ich zu Essen und sauberes Wasser habe und ein Dach über dem Kopf. Das ist nicht selbstverständlich und Grund genug, das Leben zu feiern und Herausforderungen anzunehmen.
Damit wir später wirklich sagen können: „Wir haben das geschafft, auch wenn es nicht einfach gewesen ist.“

Schöne Woche noch – mit allen erdenklich guten Begegnungen einschließlich einer lohnenden Selbst-Begegnung!

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 10. Mai 2020

Dieser Sonntag ist gleichzeitig auch Muttertag. Deswegen gibt es heute eine alte Geschichte, die ich für meine Mutter in der Phase ihrer schweren Krankheit geschrieben habe – beinahe auf den Tag genau vor 15 Jahren …
Für dich, Mami. Ich vermisse dich. Immer noch.

Stellvertretend für alle Mütter dieser Welt:
Danke, dass es Euch gibt. Habt einen schönen Tag!

Engel für dich, 12.05.2005

Auf der Intensivstation ist es an den Bettenden manchmal ziemlich voll. Da sitzen sie; groß, klein, weiß, schwarz, rot, leuchtend, wunderschön, majestätisch oder auch unauffällig, zurückhaltend, schüchtern. In Menschen oder Tiergestalt. Engel in allen Farben und Formen, die man sich nur vorstellen kann. Der Engel, den ich meiner Mutter geschickt habe und der für gewöhnlich mich im richtigen Leben begleitet, ist strahlend weiß, riesengroß und hat ein gütiges Gesicht. Seine Flügel sind aus weißen Daunenfedern, die ich manchmal, wenn das Leben besonders hart und anstrengend ist, fühlen kann. Richtige Reinkuschelflügel eben. Ganz weich. Genau richtig für Mami für die Zeit vor, während und nach der Operation. Wenn er diese riesigen Flügel um jemanden legt und bewegt, leicht, nur ganz, ganz leicht, gleitet wärmende Energie in jede Zelle der Person, die er gerade beschützt. Jetzt eben in Mamis Körper.
Mami hat mehrere Engel. Vorsichtshalber. Wenn man genau hinsieht und ganz leise ist, kann man sie sehen. Neben dem großen Weißen sitzen ein paar Elfen. Sie wirken winzig und sind immer aufgeregt. Das ist bei Elfen normal. Sie kommen in Energieebenen, wo die anderen Wesenheiten nicht mehr hinkommen, weil sie so klein und wendig sind. Deshalb ist es immer gut, ein paar Elfen im Team zu haben.
Und Mami liebt Tiere.
Neben ihrem eigenen, eleganten und weisen Schutzengel, der sich ein wenig zurückhält und ganz in Nebel gehüllt am Fußende steht, hat sie also noch die Tierengel um sich herum. Drei Rotkehlchenengel sitzen auf dem Infusionsständer, ein Gänse- und ein Hühnerengel hocken schlafend unter dem Bett und der kleine Hundeengel liegt auf ihrem Bauch.
Er ist wattebäuschchenfederleicht, aber trotzdem ein Energiebündel. Und bewegt sich in ihrem Atemrhythmus auf und ab. Sie atmet ganz flach. Er bewegt sich ganz leicht. Aber es ist alles in Ordnung. So sehr in zufriedener Ordnung, dass meine Engel sich ein kleines bisschen langweilen. Ab und zu fächeln sie ihrem Menschen ein wenig Energie zu, dann seufzt der kleine Hundeengel auf Mamis Bauch zufrieden und kuschelt sich auf der Decke enger an sie. Seine durchsichtigen Flügel liegen ganz sanft auf ihrer Hand mit der Infusionsnadel. Damit es nicht so weh tut. Er hat dieses ganz besonders enge Verhältnis zu ihr, deshalb darf er auch auf ihrem Bauch liegen. Das dürfen nur Tierengel mit einer wirklich besonderen Bedeutung. Tiere, die ihre Menschen im richtigen Leben schon einmal getroffen und berührt haben. Das richtige Leben ist übrigens dort, wo Menschen denken, dass sich alles abspielt, was es gibt. Sie nennen das Realität. Es ist ein bisschen so wie bei einem Radiosender. Die meisten Menschen empfangen nur auf einem Kanal und denken, es gibt keine anderen. Weil sie die nicht wahrnehmen. Gibt es aber doch. Und Tiere wissen das. Sie kennen die anderen Frequenzen. Genau wie die Engel, die Elfen und die übrigen Wesenheiten. Und manchmal kommt etwas durch. Dann erreichen die Engel die Menschen. In schwierigen Situationen ist es oft so. Da werden die Menschen ein bisschen durchlässiger für die anderen Schwingungen. Und die Engel mögen das. Alle. Denn dann können sie das tun, was sie am liebsten tun; unser Leben ein wenig freudvoller gestalten, uns behüten und helfen. Menschen wie Mami helfen sie besonders gerne, denn sie ist gutmütig, liebevoll und so mitfühlend, dass sie anderen Menschen und Tieren einfach gut tut. Und sie hat Fähigkeiten, von denen sie noch nicht einmal ahnt, dass sie sie hat. Sie könnte viel mehr aus diesen anderen Welten empfangen, weiß aber noch nicht, wie das geht. Also ist das eine echte Chance. Für Mami und ihre Engel.
Aber im Augenblick ist alles in Ordnung. Die OP ist gut verlaufen und jetzt muss der Körper erst einmal heil werden. So lange heißt es warten.
Der kleine Hundeengel dreht sich im Schlaf auf den Rücken und streckt alle Viere von sich. Er schnarcht ein klitzekleines bisschen. Aber einer seiner beiden Flügel liegt auch weiterhin auf Mamis Hand mit der Infusionsnadel. Die anderen Engel schauen kurz hin, die Elfen kichern und sirren auf und ab. Mein großer weißer Engel sendet einen winzigen, kitzelnden Energiestrahl zu der Engelhundenase. Er hört auf zu schnarchen. Für ein paar Sekunden jedenfalls. Mami geht es so gut, dass sie sich langweilen, meine Engel.

Wussten Sie, was Engel tun, wenn sie sich ein wenig langweilen und alles o.k. ist? Sie schauen erst einmal, wer noch so da ist von den Kollegen und ob es etwas zu helfen gibt an den anderen Betten. Wenn nicht, dann tun sie das, was die Menschen auch tun, wenn sie sich langweilen. Sie machen Unsinn. Liebevoll, weil Engel gute Wesen sind. Aber es bleibt Unsinn. Das sind dann die Momente, in denen uns Dinge passieren, die lustig, unlogisch oder vielleicht ein wenig ungeschickt sind. Da mag ein Mensch eine besonders schöne Muschel am Strand finden und kann nicht wissen, dass ein kichernder Engel sie ihm genau vor seine Füße geworfen hat. Ein anderer, weiblicher Mensch verliert im Wind seinen schicken Hut, der von einem männlichen Menschen aufgefangen wird und eine schöne Liebesgeschichte beginnt. Nur, weil ein Engel diesen Hut dem Kollegen zugeworfen hat. Alles längst geplant und verabredet. Jemand anders stolpert vielleicht im Flur über ein Spielzeug, dass Kinder liegen gelassen haben und findet dabei unter der Kommode Omas geliebte Brosche wieder, die sie so verzweifelt gesucht hat. Wieder ein anderer Mensch findet vielleicht einen Glückscent auf dem Parkplatz des Supermarktes und dann noch einen und noch einen und weiß, heute ist mein Glückstag. Und die Engel wippen vergnügt auf den Wolken hin und her und schütteln die Köpfe, weil doch jeder Tag voller Glück sein sollte. Nur haben wir Menschen das vergessen und weil wir durch jede Art von Glücksspiel so leicht zu erreichen sind, necken die Engel uns gerne damit. Oder ein Tier kommt ganz nahe und berührt einen Menschen. Mit dem Blick, dem Fell oder dem Herzen. Es spielt keine Rolle. Was zählt ist die Magie dieses Augenblicks.
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass wir in solchen winzigen Momenten gar nicht in der Realität zu sein scheinen sondern irgendwo anders?
Wenn Ihnen das nächste Mal etwas ähnliches passiert, wissen Sie; die Engel spielen gerade ein wenig mit Ihnen, voller Licht und Liebe. Und wenn es ernst wird im Leben; rufen Sie Ihre Engel. Die freuen sich darauf und helfen.
Garantiert.
Bis es ein klitzekleines bisschen langweilig wird. Aber bis es soweit ist, werden sie Ihnen gut tun, die Engel. Bestimmt. Dafür sind Engel da. Irgendwie haben Sie das doch auch schon immer gewusst, oder?

Schöne Woche noch, gerne mit Engeln!

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 03.Mai 2020

Wenn ihr mich sucht – ich bin im Wandel.

Diesen großartigen Satz habe ich letzte Woche irgendwo in den sozialen Medien aufgeschnappt. Er ist nicht nur witzig sondern auch noch treffend, finde ich.
Diese Zeit, die wir gerade erleben, zwingt zu Veränderung und zum Umdenken, lässt uns stellenweise überraschend kreativ werden, setzt aber auch Ängste frei und kann zu völliger Überlastung führen.
Wir müssen versuchen, uns der Veränderung anzupassen, gut für uns zu sorgen und trotz sozialem Abstand auf einander zu achten. Irgendwie.
Jeder einzelne muss sich dem Fluss dieses veränderten Lebens auf seine eigene Art und Weise anpassen.
Das ist nicht immer leicht.

Für mich persönlich hat sich in den zurückliegenden Wochen, etwas herauskristallisiert, mit dem ich eigentlich -noch- nicht gerechnet hatte. Es begann mit einem unglaublich profanen Thema: dem langsamen Verblassen meiner Haarfarbe.

Ich liebe dieses kräftige Rotbraun, mit dem mir Naturfrisörin Melissa bisher immer so viel Buntheit auf den Kopf gezaubert hat. Bisher jedenfalls, bisher war das so.
Nun schiebt sich das Grau Millimeter für Millimeter weiter in dieses allmählich verblassende Rot und damit auch in mein Bewusstsein.
Acht Wochen ohne Termin zum Nachfärben sind eine Welt. Und die verändert sich gerade – im Innen und im Außen.

Frauen und Haare, das ist eine Sache für sich, eine wichtige! Meine allererste „Forschungsarbeit“ im ersten Semester Psychologie an der Uni habe ich mit vier Freundinnen zum Thema: „Psychische Bedeutung von Frisurveränderungen bei Frauen“ gemacht. Wir fünf Studentinnen hatten damals alle enorm lange, tatsächlich unbehandelte Haare. Meine waren straßenköterblond mit rötlichem Ton, die meiner Freundinnen blond oder braun. Unser Forschungsergebnis war unspektakulär, man würde es wohl unter der Rubrik „banale Alltagspsychologie“ ablegen:
„Wenn Frau ihre Frisur radikal verändert, sich die Haare deutlich schneiden oder in einem neuen Farbton färben läßt, liegt diesem Verhalten höchstwahrscheinlich ein psychischer Prozess zugrunde. Diese äußere Veränderung markiert quasi eine vorausgegangene, innere Veränderung.“

Tja, so sieht es wohl aktuell auch bei mir aus. Innerlich spüre ich nun schon seit einiger Zeit, dass „etwas“ anklopft. Leise. Zaghaft. Irritierend. Oft auch unerwünscht. Es macht verletzlich, weniger belastbar und zeigt sich in Falten, einer gewissen physischen Dünnhäutigkeit und längeren Regenerationsphasen nach Sporteinheiten.
Dieses etwas heißt Alter.
Alter an sich empfinde ich nun wirklich nicht als Drama sondern als ganz natürlichen Prozess. Wir sollten uns eigentlich darüber freuen, überhaupt ein gewisses Alter erreichen zu dürfen – und das im besten Fall auch noch bei guter Gesundheit. Aber dieses „Alter“ hat eben auch seine Tücken, verhält sich wie eine launische Diva, die ihre Regeln selbst bestimmt. Wir müssen uns ihnen anpassen, ob wir wollen oder nicht.

Die Frage, die ich mir in den letzten Wochen immer wieder gestellt habe, ist folgende: „Bin ich soweit, diese Diva wirklich anzunehmen? Mit allem, was dazu gehört? Ist dieser Prozess des Zögerns und Zauderns mit dem Thema Alter tatsächlich abgeschlossen?“
Die Antwort lautet: „Ja.“
Jetzt bin ich soweit. Und das bedeutet:
Grauweiße Haare.
Sie passen zu meinem Alter. Ich habe beschlossen, nicht mehr zu färben. Eine neue Ära bricht an. Seit ich diese Entscheidung getroffen habe, stellt sich seltsamerweise ein neues Lebensgefühl ein. Es gibt mir Ruhe und eine Art Frieden. Es fühlt sich an, als würde ich Neuland betreten, obwohl das ziemlich übertrieben ist, denn so viel ändert sich ja nicht. Oder doch?

Fakt ist, dass alle meine Haarfarben gewisse Lebens-abschnitte begleitet haben:
Das unbeschwerte Straßenköterblond meiner Kindheit hat mich immerhin durch Jugend und junge Erwachsenenjahre begleitet, dann folgten die ersten blonden Strähnen meiner „wilden Jahre“, verwuchsen sich wieder, das Leben beruhigte sich. Nach ein paar Jahren wurde mir das Normal zu langweilig, es folgten neue Frisuren und seit ich in Aachen lebe, seit über 20 Jahren also, bin ich nun rothaarig. Gewesen.
Jetzt ist die Zeit reif für etwas Neues (aber keine Angst: ich möchte weder wegziehen, noch den Ehemann wechseln!): Kurz schneiden. Rot rauswachsen lassen. Wachsen lassen.
„Silver-Swan“ werden und trotzdem mit der Diva Alter fröhlich durch das Leben tanzen …

Wie gesagt, wenn ihr mich sucht – ich bin im Wandel.

Und wisst ihr was? Ich freue mich riesig auf alles, was noch kommt. Oder, um es mit einem meiner Lieblingssprüche zu sagen:

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. (chinesisches Sprichwort).

Schöne Maiwoche noch. Passt auf euch auf und bleibt gesund – und nutzt den Wind!

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 26. April 2020

Gerade komme ich von einer kleinen Hunderunde durchs Viertel zurück. Wir sind ein bisschen durch Burtscheid flaniert, da gibt es viel zum Schnüffeln für die Fellnasen und viel zum Gucken für mich.
Wie hübsch die Menschen ihre Gärten in Ordnung haben! Bunte Blumen und blühende Bäume überall, es ist eine Freude, diese Farbenpracht zu sehen.
Bei mir zuhause sieht es ein wenig anders aus. Klar, ich hätte auch gerne eine gepflegteren Garten, aber erstens haben wir Hunde und zweitens heißt meine derzeitige Priorität: Schreiben.
Statt Unkraut zupfe ich falsch gesetzte Kommas, statt blühender Blumen sprießt meine Kreativität. Sie meint es derzeit ein bisschen zu gut mit mir und wuchert wie der Beinwell, den ich kaum noch in den Griff bekomme. Unsere Einfahrt hätte es auch mal wieder nötig in Ordnung gebracht zu werden, lieber aber bringe ich Absätze und Inhalte in Ordnung. Blütenstaub von den Gartenmöbeln wischen? Ach was, lieber Worte wegstreichen, die nicht nötig sind.
Herrlich!
Der „authentische, naturbelassene“ Garten liegt doch eh im Trend, nur das junge Gemüse wird noch bekümmert, Schreibschwester ist im Rausch der Sätze gefangen. Und wie ich das Bad in den Buchstaben genieße!

Hach was ist das herrlich – erst recht, wenn so rechtschreibkundige und lesefreudige Freundinnen wie Cordula und Kessy ihre feinen Äuglein haben über das Manuskript flitzen lassen und anschließend nicht nur mit einer Fülle gefundener Fehler zurückkehren, die es auszumerzen gilt – sondern gleich noch mit nagel-neuen Ideen daherkommen, die man einpflanzen könnte.
Ein neuer, spektakulärerer Anfang?
Grandiose Idee. Wird neu geschrieben.
Mädels, ihr seid großartig, ich bin zutiefst berührt über euer Engagement für mein unvollendetes Werk.

Gleichzeitig mache ich mir Sorgen.

Was mir derzeit tiefe innere Befriedigung und Freude bereitet, gehört im weitesten Sinne zur Kunst.
Es gibt Menschen, die sind Farbkünstler und malen die schönsten Bilder, in denen man sich als Betrachter verlieren könnte, andere berühren uns, weil sie Tonkünstler sind und singen oder musizieren, dass uns Tränen der Freude in die Augen hüfen und das Herz weit wird und wieder andere beschreiben die schönsten Geschichten mit den Füßen und dem Körper: das sind die Tänzer, Tanzkünstler, nur um ein paar dieser herrlichen Kunstformen zu nennen.

Meine Form der nebenberuflich, aber leidenschaftlich ausgeübten Form der „Wort-Kunst“ hilft mir enorm, mit den Belastungen der derzeitigen Krise umzugehen. Jede Form der Kunst, des Hobbys, das Freude macht und Erfüllung bringt, tut das.
Kunst egal in welcher Form ist für mich „Überlebens-wichtig“, wird aber derzeit als „nicht systemrelevant“ aufs Abstellgleis geschoben.

Ist das denn wirklich so?

Wer sind wir eigentlich ohne Kunst, ohne all die Künstler, ohne Musik, ohne Lieder und Konzerte, Filme, Fotos, Theater, Tanz, Bilder, Bücher, Skulpturen und so vieles andere?

Wie kann man über-leben in einer stillen Welt ohne Farben und Formen?

Wenn man nach deiner Definition im Netz sucht, steht da zum Beispiel folgendes:

Kunst: Der Versuch einer Definition.
Kunst ist eine wesentliche Ausdrucksform für Gefühle und Gedanken, welche den Menschen bewegen. Kunst ist hierbei weniger das, was Kritiker und Spekulanten für wertvoll und handelbar halten, sondern vielmehr all das, worin der Künstler ein Stück von sich selbst gegeben hat.

Kunst bewegt.
Das weiß jeder, der irgendwie künstlerisch tätig ist. Ich finde, jedes Kind sollte mindestens eine Form von Kunst ausüben, mindestens ein solches Hobby haben, das es mit Leidenschaft betreiben kann. Warum? Weil das in Krisenzeiten eine enorme Hilfe sein kann.
Wenn ich mit Erwachsenen rede, die im Burnout stecken, die Psychosomatik entwickelt haben, weil jahrelang neben dem Beruf nichts anderes mehr möglich war und sie erzählen davon, wie gerne sie als Kind gemalt oder fotografiert, Musik gemacht oder gesungen haben, dann sehe ich oft ein Leuchten in ihren Augen.

Das, was diese Menschen da beschreiben, hat sie mal bewegt. Und das kann ein Schlüssel zum Heilwerden sein. Wieder in den Fluss kommen, sich bewegen lassen – mit und durch Kunst. Kunst tut nicht nur gut, Kunst kann auch heilen.

Und das ist nicht systemrelevant?

Ich wünsche mir inständig, dass wir uns in genau diesem Sinne bald wieder frei bewegen können und dürfen, auch wenn ich grundsätzlich hinter den bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung dieses Virus stehe.
Wenn wir die Kunst und die Künstler verkümmern lassen, lassen wir auch einen ganz wichtigen Teil von uns selbst verkümmern. Und dann? Dann sind wir richtig schlecht dran, finde ich …

In diesem Sinne: Treibt es laut und bunt, singt und tanzt und lacht und bleibt gesund

Schöne kunstvolle Woche noch!

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 19. April 2020

Covid-19 hat die Welt noch immer fest im Griff und ich schwanke zwischen Genervtsein über das Thema und abgrundtiefem Mitleid über das Grauen, das dieses Virus anrichtet.
Die moderate Sozial-Quarantäne bekommt mir momentan nicht so richtig gut, mir ist heute nach „albern-sein“ zumute, das bin ich zwischendurch gerne mal und ganz besonders in lustiger Gesellschaft meiner Mädels. Die fehlen.
Kathrinchen allein Zuhause, traurig. Was tue ich jetzt? Ich schreib mir was. Aber Was? Kurzer Blick in die Nachrichten genügt – da springt die Kreativität doch gleich wieder an.

Bitte, seht selbst (und habt im Hinterkopf, dies ist eine frei erfundene Kolumne, die von völlig überspitzter Darstellung lebt). Aus Lust am Fabulieren kreiere ich heute einfach mal das Kommissariat von Cornelius Onevid. Er ist Hauptkommissar, ein harter Hund, hat chronisch zu viel Testosteron im Blut und übernimmt die Zeugenbefragung (ein chinesischer und ein amerikanischer Landsmann), die nach einem Raubüberfall irgendwo mitten in Berlin ansteht, selber.

Der geschädigte: Der Finanzminister.
Dumme Sache, wird hoch aufgehangen.

Seine Assistentin Corinna Ohnehirn ist strohblond und hat im Himmel bei der Verteilung der Körbchengröße laut HIER; Doppel-D- geschrien, während sie anderer Stelle geschwiegen hat. Sie kocht guten Kaffee, macht Botengänge, Schreibarbeiten und abends oft Überstunden mit dem Chef.

„Corinna, bring den Chinesen rein.“
„Den von gestern?“
„Gibst `nen anderen?“
„Bis jetzt nicht. Warum soll ich denn den überhaupt holen, der war doch gestern und vorgestern schon dran?“
„Aber heute erzählt der wieder ein paar Worte mehr. Ist doch jeden Tag so. Immer ein bisschen mehr.“
„Ach ja Chef, haben Sie ja gestern die Reiskornstrategie genannt. Fand ich meeegaaaa. Jeden Tag ein Körnchen Wahrheit mehr. Bloß nie sagen, dass er lügt und wir das wissen. Ich hol ihn.“
Onevid stöhnte, der Tag war lang gewesen, in der Nacht hatte er kaum geschlafen und die Sache drehte sich im Kreis. Zudem brauchte die Chefin Frau Muckel Ergebnisse. Fakten für die hungrigen Wölfe von der Presse. Schließlich hatte man den Finanzminister beklaut, üble Sache. Er drückte die Zigarette aus, es war sicher seine dreißigste und es war gerade kurz nach Mittag. Die Luft im Verhörraum stand vor Rauch und dem Geruch nach kaltem Schweiß. Corinna brachte den Chinesen. Schon wieder hatte der diesen dämlichen Mundschutz um.
„Das Ding runter“, knurrte Onevid und der Chinese gehorchte. Er huschte auf seinen Stuhl und nickte freundlich. „Ich hoffe, es stört nicht, wenn ich rauche“, raunzte Onevid, ohne die Antwort seines Gegenübers abzuwarten und zündete sich die nächste Zigarette an.
„Oh nein, kein Ploblem. Luhig lauchen. Luft ist wie Zuhause, schön so. Ganz schön schmutzig.“
Ohnevid stöhnte, am liebsten hätte er dem Kerl eine Ohrfeige verpasst. „Okay Kumpel. Und jetzt die Wahrheit von heute. Wo ist die fette Beute aus dem Raub versteckt? Bleibst du dabei, dass der Taxisfahrer sie mitgenommen hat oder fällt dir heute noch `nen winziges bisschen mehr ein?“
„Oh walten bitte. Ich denken, del Taxifalel hat nächstem Gast Beutel gegeben. Große Beutel an gloße Amelikanel. Den aus Zelle neben mil. Hat mil Schläge angekündigt, falls ich lede.“ Ohnevid stutzte. „Was? Der Ami in der Zelle neben dir? Gestern hast du doch noch gesagt, du kennst den nicht. Verflucht“, seine Faust krachte auf die Tischplatte, so dass der volle Aschenbecher einen müden Hopser machte. „Corinna, raus mit dem Chinesen, rein mit dem Ami hier in den Verhörraum. Aber dalli.“
„Ich lauf schon, Chefilein.“ Sie war tatsächlich schneller als erwartet mit dem Amerikaner zurück. Ohnevid hörte ihn schon auf dem Flur. Sicher hatte der Wachmann Corinna geholfen und dem Irren Handschellen angelegt. Er pöbelte und motzte so laut, dass man es durch die geschlossene Tür hören konnte.
„I want a Lawer, sofort! This is a Zumutung!” schrie er, kaum hatte er den Raum betreten. Ohnevid stand wortlos auf, schubste den Kerl in Richtung Stuhl und stieß ihn darauf. „Halts Maul“, knurrte er.
„This is not gerecht. ICH hätte der erste sein müssen to get this Interview. I AM FIRST! Immer, always? Did you get me? Warum haben Sie das not yet verstanden? I AM FIRST!“ „Was? Der ist ein Fürst? Hätte er ja auch gleich sagen können, dann hätte ich mir ein Autogramm geholt, bevor er die Handschellen angelegt bekommen hat.“
„Corinna Schätzchen, halt auch die Klappe, bitte. Hol zwei Kaffee, für Scherze habe ich keine Nerven mehr.“
Beleidigt wackelte sie raus. Ohnevid wandte sich an den Amerikaner. „Okay mein Freund, jetzt zu dir. Der Chinese sagt, das ihr euch kennt. Du bist nach ihm in das Taxi gestiegen und der Fahrer hat dir die Beute gegeben. Was sagst du? War das so?“
„But NOOO. Fake News, ich habe nix damit zu tun. Alle lügen, dabei bin ich the greatest. Ich stehle nie, weil mir schon alles gehört und everybody loves me. I am rich. I am powerful. I am ME!!! Ich verstehe ja auch, dass, jeah you want to protect me. Gute Idee, um mich zu schützen vor den Millionen von Fans hier in Berlintown, hier in dieser -how do you say – Celle?“ „Zelle.“
„Jeah, Celle. And here is the truth: The problem is not the money. Die Chinesen sind the Problem. Ich habe mit den Wachleuten ein Agreement. Wir beginnen mit dem Bau einer Mauer zwischen unserer Cellen. Today! Make my room big again!“
Ohnevid wischte sich über die Augen, der Irre konnte keine Frage beantworten, er konnte nicht mal zuhören, geschweige denn präzise Sätze formulieren, deren Inhalt sich nicht um sein Ego drehte. Seine Sätze ähnelten sich ständig, egal was er gefragt wurde. Die Sache war aussichtslos, er würde rein gar nichts erfahren, was auch nur ansatzweise zur Lösung dieses Falles führen konnte. Der untersuchende Psychiater hatte für den Ami eine derart lange Liste von Verdachts-diagnosen auf einem Zettel hinterlassen, dass Corinna den Wisch für den Einkaufszettel des gesamten Monatseinkaufs des Kommissariats gehalten hatte. Er war froh, dass sie endlich mit dem Kaffee zurückkam. „Eine Tasse ist für Sie, Corinna, haben Sie sich auch mal verdient. Sagen Sie der Wache, die soll den hier wieder abführen hier, das bringt nichts.“
„Oh danke Chefilein, meeegaaaa lieb.“
„Okay, you got it! She loves me too, what was your name? Corine? Jeah. I am great! See you tomorrow for the next Interview. Love you all my fans. Love you Corine. Really do!” Endlich schob die Wache ihn raus, Ohnevid trank seinen Kaffee.
„Komm Schätzchen, wir fassen nochmal zusammen, was wir wissen“, stöhnte er. „Der Chinese hatte die Kohle in diesem Beutel, als er in das Taxis gestiegen ist. Wie er an das Geld gekommen ist, wissen wir immer noch nicht. Aber der Ursprung liegt beim ihm. Als der Ami unbedingt in dieses Taxi wollte und ihm egal war, dass das gefährlich sein könnte, hat er seine Chance gewittert. Der Ami hat einfach nicht kapiert, was da auf ihn zugekommen ist. Da haben ja auch noch ein paar andere Typen rumgestanden, die ne Taxe gewollt haben. Franzosen und Deutsche. Die haben aber sofort begriffen, dass da was schief läuft. Die waren vorsichtig. Nur der Ami, der hat nichts kapiert. Wir sind genauso schlau wie gestern.“
„Oh nein, seit heute wissen wir, dass der Ami ein Fürst ist. Das wussten wir gestern noch nicht.“
Ohnevids Schädel dröhnte. Er wusste, dass alles verloren war, er konnte Frau Muckel auch heute nichts Neues liefern. „Oh Chef, das habe ich fast vergessen. Die Frau Muckel hat ja zwischendurch angerufen.“
Ohnevid wich alle Farbe aus dem Gesicht. „Und das sagen Sie mir erst jetzt Ohnehirn?“
„Ich wollte sie halt nicht unterbrechen, wäre ja unhöflich gewesen …“
„Verdammt. Was hat sie denn nun gesagt? Sie machen mich wahnsinnig?“
„Im Ernst? Ach Chefilein, schon wieder? Ich bin aber auch sowas von aufregend, was? Meeegaaa. ….sieht nach Überstunden aus, waaaaaas?“
„Corinna, die Muckel? Was hat die gesagt?“
„Sie sind echt ein Spielverderber. Die Muckel hat gesagt, der Dr. Trosten hat das Problem im Labor wissenschaftlich lösen, also beweisen können. Der Chinese war der Täter. Wegen der Fingerabdrücke.“
Ohnevid spürte Übelkeit in sich aufsteigen, er spuckte in eine Ecke. „Schon wieder ein Fall für den Dr. Trosten. Es reicht. Ich schmeiß hin.“

Ich auch. Genug für heute …

Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind vollkommen frei erfunden. Diese überspitzt dargestellte Kolumne entbehrt jeglicher Realität, spiegelt nicht meine Meinung über etwaige Nationalitäten wieder und ist nach zwei Gläsern Rotwein fertiggestellt worden, die ich nach dem Joggen getrunken habe. Schlechte Kombi, aber gekichert habe ich ganz still für mich. Vielleicht schreibe ich doch irgendwann mal einen Krimi.
Prost.

Passt auf euch und die anderen auf und bleibt gesund. Und lacht. Allein und zu zweit und mit den Mädels – bald wieder! Schöne Woche noch …

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 12. April 2020

Stell dir vor es ist Ostern und keiner geht raus.

Was vor wenigen Monaten noch als wirklich schlechter Witz durchgegangen wäre, ist heute Alltag.

Ich hatte eigentlich gar nicht vor, in der Ostersonntagskolumne über das allgegenwärtige Virus-Thema zu schreiben. Aber wie heißt es so schön? Das Leben kommt dazwischen, während wir dasitzen und Pläne machen …. und nun schreibe ich doch darüber, weil meine Gedanken doch um diese Thema kreisen. Seit heute früh noch mehr als sonst.
Heute früh ist das Leben zwischen meine Pläne gekommen und zwar in Form einer knappen Nachricht eines guten alten
Freundes. Der Bruder ist verstorben. An Corona.
Alleine im Zimmer, weil niemand zu ihm durfte. Ansteckungsgefahr, schon klar.
Anfang sechzig, ziemlich gesund, ein paar Alterswehwechen. Nichts dramatisches habe er zuvor gehabt.
Die Angehörigen durften sich nicht verabschieden. Das passiert gerade tausendfach auf der Welt. Jeder kennt bald jemanden, der mit diesem Virus zu tun hatte, meine Liste wird immer länger und immer unerträglicher.
Viele können als geheilt entlassen werden.
Viele aber auch nicht.

Und nun ist Ostern. Mit diesem Fest feiern wir doch die Auferstehung von Jesus nach seinem Tod am Kreuz, nicht wahr?
Die Christen glauben daran, dass Gott seinen Sohn zwei Tage nach seinem Tod noch einmal auf die Erde zurückgeschickt hat, dass Jesus auferstanden ist von den Toten.

Genau dieser Satz treibt mir gerade die Tränen in die Augen, denn ich glaube, dass es unzählige Angehörige auf der ganzen Welt gibt, die sich genau das sehnlichst wünschen würden: Ihr an Corona verstorbener Angehöriger möge noch einmal zurückkommen, zurück zu ihnen, um in Ruhe und in Würde Lebewohl zu sagen. Um den Lebenskreis wirklich schließen zu können, wäre so ein Abschied nicht nur traum-schön sondern wichtig.
Wäre es nicht wunderbar -wenn man schon die Erde verlassen muss- sich noch einmal sehen zu dürfen, letzte Worte auszutauschen? Die Kinder oder die Enkel noch einmal zu umarmen, ihnen wichtige Dinge mit auf den Lebensweg zu geben – oder nur eine Tafel Schokolade, um zu sagen: Ich liebe dich. Du bist mein Ein und Alles. Gewesen.

Wie tröstlich wäre es zu wissen, dass es den Seelen gut geht, wenn sie in den Himmel ziehen. Und wie wunderschön wäre ein Abschied in Frieden für genau diese Seelen, die die anderen zurücklassen auf diesem Schlachtfeld, das wir „Erde“ nennen.

Wie verkraftet man solch eine Ungewissheit über die letzten Stunden eines geliebten Angehörigen, der mit hohem Fieber ins Krankenhaus gebracht werden musste und der einfach nicht mehr nach Hause gekommen ist?
Wie ist er denn gestorben? Alleine auf dem Flur, weil Pflegepersonal und Ärzte überlastet sind? War jemand bei ihm? Hatte er Angst? Wollte er noch etwas sagen? War er ruhig, versöhnt? Fragen, auf die man wohl keine Antworten mehr bekommen wird. Nie mehr.

Corona – oder Covid 19, das ist einfach eine Bezeichnung für ein Virus. Welche geballte Ladung Leiden damit zusammen hängt –für die schwer Kranken, die Sterbenden und die Hinterbliebenen– das zeigt sich womöglich erst viel, viel später, wenn die Psyche der Überlebenden, die vor Überlastung einfach zusammengeschnurrt ist, versucht, sich wieder aufzurichten.

Die derzeitige Situation macht mich aus vielerlei Gründen tieftraurig, fassungslos und oft auch unfassbar zornig. Warum? Weil die Art und Weise, WIE dieses Virus überhaupt zu uns Menschen gekommen ist, schone ein Weg war, der voller Qual und Leid gesteckt hat. Die Krankheitserreger gehen von den Tieren auf die Menschen über, sogenannte Zoonosen entstehen. Das klingt nüchtern, bringt empathische Wesen aber mit Lichtgeschwindigkeit an ihre Grenzen.

Auf der Seite von PeTA steht dazu folgendes:
Die WHO hat bestätigt, dass wir uns in einer Pandemie befinden. Jeder sollte nun die Anweisungen des Robert-Koch-Instituts befolgen – es wird aber auch Zeit, dass wir uns der Tatsache stellen, dass es unser Appetit auf Fleisch, Milch und Eier ist, der sogenannte Zoonosen befördert. Zudem sorgt dieses Verhalten dafür, dass wir in immer geringeren Abständen mit neuartigen und schwer kontrollierbaren Viren konfrontiert sein werden.
Was sind Zoonosen?
75 Prozent aller neu auftretenden Krankheitserreger wurden vom Tier auf den Menschen übertragen – diese nennt man Zoonosen. Die Ansteckung vom Tier zum Menschen kann durch direkten Kontakt mit Tieren oder auch durch kontaminierte Lebensmittel erfolgen. COVID-19, die Vogelgrippe H5N1, der hunderte Menschen zum Opfer fielen, die SARS-Pandemie 2002/2003 mit weltweit über 770 Toten, das 2012 erstmals aufgetretene MERS-CoV, das gefährliche Ebolafieber, unzählige Opfer durch multiresistente Keime und sogar Aids – sie alle haben einen gemeinsamen Nenner: Die Gier des Menschen nach Fleisch und anderen tierischen Produkten.
Weltweit pferchen wir Milliarden Tiere in enge und kotverdreckte Ställe – ihr Leben ist eine reine Qual. Diese Agraranlagen, Tiermärkte und auch die Schlachthöfe voller gequälter, verletzter, kranker Tiere sind Brutstätten für tödliche Keime. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Mutationen, antibiotikaresistenten Keimen und Zoonosen – immer mehr Viren springen vom Tier auf den Menschen über, mit nicht absehbaren Konsequenzen für die gesamte Menschheit. Auch der Verzehr von und Handel mit Wildtieren begünstigt die Übertragung von Viren auf uns Menschen. Die Corona-Krise könnte nur ein erster Vorgeschmack sein für das, was in der Zukunft, ausgelöst durch die zunehmende Tierhaltung, immer öfter passieren kann

Im Ernst? Wollen wir das? Oder sollten wir nicht allmählich endlich umdenken?

Für die, die in Käfigen oder verdreckten Ställen ängstlich auf ihr grausames Ende warten – und für die, die alleine auf den Krankenhausfluren elendig sterben. Im Endeffekt sind wir alle gleich, wir sind LEBEWESEN, wenn wir das doch nur endlich einsehen könnten.

Eine Freundin hat mir geschrieben:
„It ist not Corona – it is Karma!“
Vielleicht stimmt das, ich weiß es nicht.

Ich bin sehr gespannt, wie wir „auf (-er-) stehen“ werden nach diesem denkwürdigen „social-distancing“ Osterfest, nach dieser Krise. Ich gebe die Hoffnung nicht ganz auf, dass wir ein bisschen was lernen aus all dem Leid. Dann wäre es wenigstens nicht gänzlich umsonst gewesen …

Bleibt zuhause, bleibt gesund – frohe Ostern Euch Allen.

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 05. April 2020

Der Frühling ist da! Für jeden Gartenfreund eine wundervolle Zeit. Auch mich hat es gerade heute, am sonnigen Samstag wieder in die Beete gezogen – diese Freude ist uns ja noch erlaubt in den Krisenzeiten.
Bestückt mit vielen bunten Samentütchen ging es also los. Ich habe mir zwei neue Hochbeete gegönnt. Jawoll. Dieses Projekt war schon länger geplant und letzte Woche habe ich sie endlich aufgestellt. Nun gehören diese Beete sicher nicht zu den allerdekorativsten Gegenständen im Garten, klobig wie sie sind. Also habe ich sie neben mein Gewächshaus gestellt, auch hier ist der Platz leider überschaubar, aber so bleibt noch ein bisschen was vom schöneren Blick in den Garten, wenn dieser dann wieder hergerichtet ist – die Arbeiten laufen!

Die Hochbeete haben exakt die Maße von Euro-Paletten, das ist eine gute Größe. Nicht zu klein und nicht zu groß. Voller Begeisterung bin ich ans Werk geschritten, habe zwei Europaletten in genügend Abstand zum Säen und Ernten nebeneinander gelegt, Die Beete drauf gestellt (irre einfaches Stecksystem, auch für grüne Daumen ohne Ikea-Führerschein wie mich bestens zu bewältigen), habe Mäusegitter reingelegt und die Wände mit Plastik geschützt, damit das Holz nicht gleich fault. Dann wurden sie befüllt – unten Holz, Strauchschnitt, Blätter, eben was der Garten so hergibt. Erde, Kompost und wieder Erde, Erde, Erde. Ich habe wirklich gestaunt, wieviel da rein passt … Schnäppchen sind sie wirklich nicht, aber trotzdem freuts das Gärtnerherz und wenn wir erst den eigenen Salat auf dem Teller haben, sieht die Welt schon ganz anders aus. Wird dann halt Luxussalat. Bio. Vom eigenen Beet. Schön!

Leider hatte ich „den Salat“ schon heute bei der ersten Bestückung der Beete mit Saatgut. Ich hab ja echt gedacht, dass der Abstand zwischen beiden Beeten groß genug wäre, um sich dort bewegen zu können.
Ich habe aber die Höhe der Beete und die Breite meiner Anatomie oberhalb der Oberschenkel unterschätzt … !

Sagen wir mal so, meine Knöchel, Waden, Knie und Oberschenkel HABEN genug Platz, um sich zwischen den Beeten zu bewegen … alles was dann kommt hat ein Problem.
Tja, das steckte ich nun.

Schreibschwester zwischen zwei Hochbeeten.
Buchstäblich hatte ich ihn, den Salat, obwohl er noch in der Tüte war. Und wie ich dann so vor mich hinsteckte, habe ich mir vorgestellt, was sich wohl die jungen Pflanzen über mich erzählten würden, könnten sie denn reden und wären sie schon ein wenig gewachsen:

„Guck, da kommt sie wieder. Sieht gestreßt aus“. (Zucchini. Starkzehrer Marke Pflanzenmacho mit Sonnenbrille und Lederwestchen überm grünen Ärmelchen, überheblich grinsend).

„Kein Wunder, zunehmen darf die über den Sommer mal kein Gramm mehr, sonst passt die gaaaaaar nicht mehr zwischen die Beete. War ja schon immer eher knapp“. (Böse kicherndes Würzkraut, wuchernd).

„Aber sie gießt ordentlich und versorgt uns gut, ich bekomme immer extra Dünger“. (Ehrgeizige Kürbispflanze, Emporkommling).

„Na, das ist ja wohl das Mindeste! Ich bitte dich, die will doch später unsere süßen Früchte ernten, dafür müssen wir schon zulegen und nur das Beste bekommen. Ich stelle mich manchmal etwas mickrig an, dann tanzt sie ganz aufgeregt um mich rum und schaut, ob es mir auch gut geht.“ (Tomatenpflanze, mehrfach umgetopft und als Keimling auf der Fensterbank verhätschelt worden).

„So ne doofe Helikoptergärtnerin!“ (Eingeschnappter wilder Rukola, robust und mehrjährig).

„Warum lässt die eigentlich auf dem Beet auf ihrem Kopf so einen grauen Streifen wachsen? Kann mir das mal einer erklären?“ (Dummes Bohnenkraut, unwissend).

„Das ist ihr Haaransatz. Ich habe gehört, dass die Menschen im Moment nicht zum Frisör dürfen“. Brüllendes Gelächter aus allen Beeten …. Frechheit in Grün!!!

„Da hätt sie besser mal rote Beete gesät statt uns Rübchen“. Wieherndes grell- freches Gekicher von den Mairübchen.

„Mir ist sympathisch, dass sie mit dem Hinterteil zwischen den Hoch-Beeten hängen bleibt. Ich mag keinen Spargel.“ (Dicke Bohne. Pampig und frühschießend).

„Und faul ist die auch noch, habt ihr gesehen, dass sie SAATBÄÄNDER benutzt hat?“ (Starkzehrermacho mit Hiphop – Geste).

„Nein!“ (Aufmüpfiger Bohnenkeim).

„Doch! Gleich mehrfach. Bei den Salaten und Zwiebeln. Sieht aus wie Klopapier. Nur mit eingearbeiteten kleine Samen. Habs genau beobachtet.“ (Kletternde Kapuzinerkresse, vorwitzig, gerne tratschend).

„Und das hat die vergraben? Ich bin entsetzt.“ (Cocktailtomate, hochnäsig).

„Jawoll. Das soll ja das neue Luxusgut der Menschen sein. Ganz neue Währung. Und Schätze vergraben Menschen schonmal … habe ich gehört.“ (Starkzehrermacho tippt sich an die Sonnenbrille)

„Aber wie wächst das denn, dieses Klopapier?“ (Basilikum, Lichtkeimer, deswegen sehr helle).

„Gibt’s ein- und mehrlagig.“ (Erdmandel, vorgezogen, belehrt gerne).

„Ach so, da bin ich mal gespannt, welches sie angebaut hat ….sagt mal Bescheid, wenn`s keimt.“ Meerrettich von ganz hinten. Sieht nix. Sitzt nicht im Hochbeet, quengelt gerne.

Ich glaube, ich habe das Quarantäne-Syndrom. In schweren Fällen sollen Menschen ja mit ihren Haushaltsgeräten reden, die müssen doch verrückt sein, oder? Also DAS könnte mir ja nicht passieren.

Schöne sonnige Woche noch.
Passt gut auf Euch auf und bleibt gesund!

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