Mein Weihnachtsurlaub ist zu Ende, das Neue Jahr wurde gemütlich und ruhig begrüßt, ich fühle mich erholt und gestärkt. Nun bin ich wieder zuhause. Am Samstag zurückgekehrt aus einer ruhigen Welt am Meer, die einerseits trotz Regen und Wind ganz herrlich war und uns und den Hunden schöne einsame Strandspaziergänge ermöglicht hat, die aber auch traurig stimmte wegen all der geschlossenen Restaurants und Cafés. Dort, wo sonst das unbeschwerte, fröhlich bunte, „normale“ Leben tobt, herrscht jetzt Stille. Es ist nicht diese ruhige Winterruhe der vergangenen Jahre. Es ist eine Ruhe voller Sorge und Angst. Die Welt ist spürbar eine andere geworden in den letzten Monaten und die Nachrichten mag ich eigentlich schon gar nicht mehr schauen. Dabei mag ich Veränderungen generell, empfinde sie als „Impulsgeber“, die uns zwingen, unsere Komfortzone ein bisschen auszudehnen. Gegen Herausforderungen habe ich auch nichts. Es muss nur eines stimmen: Man muss in sich selbst genügend Ressourcen finden, um den Mut zu haben, anzufangen – und am besten findet man dann im Außen auch noch Freunde, Gleichgesinnte, die mit anpacken. Wie sehr die menschliche Welt in diesen Wochen und Monaten allerdings auseinanderdriftet, macht mich traurig und sprachlos. Egoismus, Ausbeutung, Krieg und Tod. Im Augenblick ist es mir allerdings ein bisschen zu viel des „un-Guten“. Vor einem Jahr, als das Corona Virus seinen Zug um die Welt angetreten hat, war das alles noch nicht absehbar, zu ahnen vielleicht schon. Heute wissen wir es besser, aber wir machen es nicht besser.

Persönlich habe ich vor einem Jahr eine „Frauenentscheidung“ getroffen, wie sie so typisch ist für die Zeit nach den Wechseljahren: Meine Haare sollten in natürlichem Grau wachsen dürfen. Kein Herbstrot mehr. Ich hatte mich dazu entschieden, weil ich die Färberei irgendwie satthatte und der Scheitel während des ersten Lockdowns anzeigte, wie meine Haar-Natur aussah. Authentisch grau. Fand ich gar nicht mal so schlecht. Corona bzw. der Lockdown, war also nur ein Stupser in eine Richtung, in die ich eh wollte, spätestens in zwei Jahren, wenn ich 60 werde. Nun sind sie grau, meine Haare, so wie ich das gewollt habe – und trotzdem hat diese an sich unwichtige Tatsche bei mir eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Thema Alter angetriggert. Graue Haare stehen für „das reife Alter“, für „Alt sein“.

Ob das nun „in“ ist oder nicht, es ist eine Tatsache. Zu altern, heißt, gewissen Prozesse zu akzeptieren. All das hat mich nachdenklich gemacht. Anders als früher, die Gedanken bekamen quasi eine andere „Tönung“. Es gibt tausend gute Gründe, die für eine Akzeptanz des Alters sprechen, die uns wissen lassen, dass es großartig ist, überhaupt so alt werden zu dürfen usw. Ich kenne die alle und kann ihnen größtenteils auch zustimmen. Nur nicht immer. Vorgestern habe ich am menschenleeren Strand die kleine weiße Hundefreundin unserer Hunde getroffen. Sie kam auf einmal überraschenderweise zu uns geflitzt und hat ihre Freunde begrüßt, lange bevor irgendwann das Frauchen zu sehen war. Gemeinsam sind wir lange und genüsslich am Strand spaziert, mit drei freilaufenden, spielenden Hunden. Wir Frauen hatten ein sehr schönes, inniges Gespräch über das Alter. Sie, die sie in diesem Jahr 65 Jahre alt wird, allerdings um Jahre jünger wirkt, klagte über die lästigen Pfunde, die nicht erst seit dem Lockdown so gemütlich auf den Hüften hängen, über die geringere Belastbarkeit und die normalen Alltagsmühen, die das halt so mit sich bringt. Und ich über die Vergesslichkeit, die zunehmende Brillenstärke und die Rückenschmerzen, die ich immer mal wieder habe. Alles Themen, die das Meer ertragen musste, an diesem nieseligen Tag. Viel gelacht haben wir und uns noch mehr an den Hunden gefreut. Bis jede wieder ihrer Wege gegangen ist. Schön war das. Verbunden. Durch die Lebensphase und die Hundefreundschaft.

Auf der Autobahn am Samstag, zurück vom Meer nach Aachen, hatte ich zeitweise unfassbar dicken Nebel. Grau in Grau. Die Umgebung hat sich nicht vom Himmel, der Erde oder Fahrbahn unterschieden. Alles floss ineinander. Pure Melancholie lag in dieser Einheitswelt. Und die passte zu meiner Gefühlswelt. Ein bisschen melancholisch, traurig, wehmütig vielleicht, wie so oft beim Abschied vom Meer. An diesem Januartag aber auch mit Blick auf das vor uns liegende Jahr. Was wohl kommen wird, in diesem Jahr, in dem wir alle wieder ein bisschen älter, „reifer“ werden, wenn wir Glück haben … Vorfreude? Vielleicht, aber sehr verhalten. Ein bisschen, ja. Verborgen im Nebel.

Grau in Grau. Der Nebel. Das Alter. Die grauen Haare. Es macht etwas mit Einem, wenn man eine solch radikale Typveränderung durchläuft. Das Äußere wird stiller – ich genieße das. Der Blick auf die Welt und das Leben ändert sich. Auch eine längere Phase mehr oder weniger erzwungener Ruhe verändert die Wahrnehmung im Innen und Außen. Genau das ist die Chance darin. Denn in Zeiten des Rückzugs, der inneren Einkehr, kann man auch mal Gedanken zulassen, die das laute Getöse des bunten Alltags normalerweise erstickt. Ich mag das, dieses „zur Ruhe kommen“, wurde mit Beginn des Lockdowns light Ende Oktober letzten Jahres allerdings ein bisschen brutal dazu gezwungen – und wieder war es dieses Virus. Corona positiv. Zack. Voll ausgebremst aus fittem, körperlichem Zustand, raufgeschmissen auf das Sofa. Aber es hätte noch viel schlimmer kommen können. Die Krankheitsphase an sich muss man einfach durchstehen, das gilt wohl für jede Krankheit. Danach, wenn man den Kopf wieder ein bisschen frei hat und klarer denken kann, der Körper wieder ein bisschen heiler ist, dann kommen oft die Einsichten. Bei mir ist das jedenfalls so. Es fühlt sich an, als würde meine Seele in der Krankheit irgendwelche Ideen empfangen, die wie Erde Blumensamen aufnimmt. Jede Saat – sei sie nun irdisch oder mental – geht später auf. Sie braucht erst einmal ein bisschen, um sich zu entwickeln. Meistens kommt etwas Schönes dabei raus, etwas zum Lachen, zum Spaß haben mit ein paar Flausen gespickt und viel Lebensfreude, die ich spüren möchte. Alleine, zu zweit und mit anderen Menschen. Privat und im Beruf. Am liebsten immer.

Wenn die mentalen Samen Früchte tragen, ist man immer ein bisschen anders als vorher. Eine Andere. Und das ist gut so. Denn wir können nicht stehenbleiben. Die Welt verändert sich, wir verändern uns, wir verändern die Welt – und ich wünsche mir von dieser Zeit, dass wir Anfang des kommenden Jahres sagen können: War nicht einfach, aber es hat sich gelohnt. Wir haben die Herausforderungen angenommen und uns verändert, die Welt verändert. Zum Besseren. Ein Wunsch? Realität? Mal sehen, welche Saat aufgehen wird. Schöne Winterwoche noch und bleibt gesund.