Weihnachten steht vor der Tür. Der zweite Lock-down auch. Was ist so schlimm daran? Es sind bald Feiertage, freie Zeit und vielleicht tut es dem ein oder anderen auch mal ganz gut, ein bisschen „besinnlichere“ Weihnacht zu feiern als für gewöhnlich, mit weniger Gästen, weniger Geschenken und weniger Stress. Feiern wir doch stattdessen das Leben. Es steht nämlich noch jemand vor der Tür. Ein Gast, den niemand will und der meistens unangekündigt kommt: Der Tod.

Gestern habe ich im Internet gelesen, dass diejenigen, die sich in diesen Tagen mit dem Virus anstecken, die sein werden, die zu Weihnachten sterben, wenn es zu schlimmen Verläufen kommen sollte. Gruselig, oder? Da kann man sich natürlich fragen, was denn nun wichtiger ist: Fette Geschenke, überbordender Konsum, die kross gebratene Weihnachts-Tierleiche auf dem Tisch und überhaupt viel zu viel zu essen … oder das Leben an sich.

Vielleicht scheint es unpassend, sich in einer Kolumne wie dieser mit einem so „schweren Thema“ zu beschäftigen wie dem Tod, aber ich finde, er gehört dazu. Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt. Während ich diesen nieselig trüben Nachmittag zum Schreiben meines Textes nutze und es mir mit einer Tasse Tee gemütlich mache, ist mein Mann gerade unterwegs zum Altenheim. Er fährt zur Sterbebegleitung von zwei alten Menschen, die ihr Leben hinter sich haben und die nun mehr oder weniger auf dem Weg sind, diese Welt zu verlassen. Ein bisschen hängen sie noch zwischen den Welten, sind noch ein bisschen hier und schon ein wenig drüben, hinter der Tür, die aus dem Diesseits führt. Die 100jährige Dame, die er betreut, freut sich noch immer richtig dolle über den Kaffee, den er ihr gibt. Dann aber taucht sie wieder ab in ihre Zwischenwelt. Und der alte Herr schätzt Gespräche. Solche ohne Scham, Angst und falsche Hoffnung oder die Tränen der Angehörigen, die ihn doch so gerne noch behalten möchten, im Leben. Gespräche über den Tod. Die kann er in aller Ruhe mit meinem Mann führen. Ich finde es großartig, dass er das tut, dass er sich hat ausbilden lassen in der Sterbebegleitung. Das ist sicher kein Weg für jeden von uns, denn das Sterben hat viele Gesichter. Im Rahmen meiner eigenen beruflichen Tätigkeit bin ich damit ebenso konfrontiert worden wie im Privaten. Manchmal war es grausam, unbegreiflich, schockierend oder auch liebevoll, versöhnlich, gütig, erfüllend und bereichernd. Berührt hat es mich immer. Jedes Mal wieder, immer aufs Neue.

Sterben als würdevoller Prozess kann eine tiefe, einzigartige Schönheit entfalten – oder uns seine hässlichste Fratze zeigen.

Und die wollen wir nicht sehen, wenn wir Menschen an Beatmungsschläuchen in kühlen Betten auf Intensivstationen sehen, die alleine sterben, weil sie ansteckend sind. Isoliert. Schnell wegklicken. Im Internet geht so etwas. Im Leben nicht. Es muss uns einfach klar sein: Das, was wir mit unserem Handeln anrichten, bleibt. In uns und in den Kammern unserer Seelen. Es macht etwas mit uns. Für immer. Das ist in beruflichen Entscheidungen so, in Beziehungen und auch, wenn es um den Tod geht. Als ich Anfang November begriffen habe, dass mich dieses Corona-Virus erwischt hatte, war mein erster Gedanke „Oh Gott, wen könntest du angesteckt haben?“. Der Test brachte schnell Klarheit, für mich und für mein Umfeld. Ich hatte meinen Mann und zwei Teilnehmer aus meinem letzten Pilateskurs vor dem „Lockdown light“ angesteckt, obwohl wir auf alle Hygienevorschriften geachtet hatten. Es war und ist ein ekelhaftes Gefühl. Da kann man dann versuchen, sich selber etwas schön zu reden … „ich wusste das nicht“, „vielleicht war ich das ja doch nicht“, „hatte ja selber noch keine Symptome“ usw. Fakt ist, drei Menschen in meinem Umfeld sind krank geworden. Durch mich. Das war einfach belastend. Ich möchte mir nun wirklich nicht vorstellen, wie es sein muss, sagen zu müssen: Da sind Menschen gestorben. Durch mich.

Das ist eine Lebenslast, die ich nicht tragen möchte. Also übernehme ich Verantwortung und versuche auch jetzt, andere zu schützen. Ganz ehrlich? Was wiegt da schon ein etwas anderes Weihnachtsfest als alle die, die wir schon gefeiert haben? Feste kann man ohne Probleme nachfeiern, aber wenn ein Mensch von dieser Erde geht, ist er in seiner Gestalt verschwunden. Dann ist alles, was wir noch haben, die Berührung mit seiner Seele und schöne Erinnerungen … hoffentlich. Denn wer will sich schon ein Leben lang an die Schuld erinnern, diesen geliebten Menschen durch den eigenen Egoismus zu früh aus dem Leben geschupst zu haben? Also ich kann aus diesem Grund auf Besuche, Theater und Konzerte, Feiern und geselliges Beisammensein verzichten. So sehr wie ich das vermisse, denn ich liebe all das wirklich. Aber ich liebe auch die Menschen, mit denen ich zusammen bin.

Und ich wünsche allen, dass sie nicht vor ihrer Zeit gehen müssen.

Schöne Woche noch … und feiert das Leben!