Herbst 2020. Wir wussten, dass er kommt. Genau so, wie er sich jetzt präsentiert. Draußen trüber grauer Himmel, leuchtend buntes Laub an den Bäumen, Nebel auf den Wiesen am Morgen und: Masken auf Mündern und Nasen. Trotzdem ist die Empörung groß, die Sorge und vielleicht auch die Angst noch viel größer. Verständlich. Mir ist auch ein bisschen mulmig zumute.

Die, die im weiteren Umfeld des Gesundheitswesens arbeiten, kennen die Menschen, die am Virus leiden oder gelitten haben. Sie kennen die, die wieder gesund geworden sind und auch die, die noch immer Symptome haben, obwohl sie als „geheilt“ gelten. Sie kennen auch jene, die trotz invasiver Beatmung gestorben sind. Die Mitbürger, die an anderen Orten arbeiten, kennen das vielleicht nicht und einige meinen aus diesem Grund, dass es ein Covid-19 Virus nicht gibt. Soweit die bekannten Fakten.

Ich stelle mir seit Freitag, seit die Stimmung aufgrund der massiv steigenden Infektionszahlen irgendwie „gefühlt düsterer, besorgter“ geworden ist, eine ganz andere Frage:

Können eigentlich Menschen, die nachweislich durch Rücksichtslosigkeit oder Ignoranz anderer krank geworden sind, so etwas verzeihen? Muss man denn überhaupt immer alles verzeihen? Will ich denn z.B. persönlich im aktuellen Fall den Chinesen ihren Umgang mit Tieren auf elenden Märkten -und dem Versuch des Vertuschens einer „neuen Lungenkrankheit“-, verzeihen, der zu der Pandemie geführt hat? Ehrlich gesagt: Nein. Will ich nicht!

Was sagt denn die Literatur zum Umgang mit „Verzeihen oder nicht?“ Ich hab mal wieder ein bisschen herumgeschaut und bin auf ein sehr interessantes Buch gestoßen: „Die zweite Chance -Warum wir nicht alles verzeihen sollten“. Die Philosophieprofessorin Susanne Boshammer gibt uns Anregungen zu diesem Thema. In der Kolumne von Ildiko´von Küthy, die in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Brigitte abgedruckt ist, wird Frau Boshammer interessanterweise auch zitiert, das Thema ist offensichtlich von Allgemeininteresse. Neben all dem, was wir schon über das Thema Vergeben und Verzeihen kennen, u.a. die sicherlich wunderbare, psychologisch heilsame Wirkung einer echten Vergebung, haben wir sicher schon einmal Situationen erlebt, die „Drüber“ waren. Unverzeihlich. Nicht wieder gut zu machen. Ich habe so etwas auch schon erlebt, mehrfach. Leider.

Frau Boshammer dazu: „In der Verweigerung von Vergebung zeigt sich Größe – auch wenn das in unserer allgemeinen Verzeihenskultur unpopulär ist. An dem, was Menschen und Gesellschaft nicht verzeihen, erkennt man ihre sittliche Kultur.

Wo verlaufen die Grenzen zum Unverzeihlichen?

Um diese Frage beantworten zu können, darf man nicht nachsichtig sein. Man muss genau hinschauen, das Unrecht, das einem widerfahren ist, benennen, Verletzungen zeigen, Konfrontation aushalten. Das ist ein Prozess, an dessen Ende das Verzeihen oder eben auch das Nichtverzeihen stehen kann.“

Sie ist einerseits der Ansicht, dass Vergebung Entlastung bedeutet, die sicherlich gut tun kann. Aber sich selber und dem anderen eben diese Entlastung NICHT zu liefern, kann andererseits auch ein Akt der Selbstachtung und Solidarität mit sich selber sein.

Wow! Ein starker Satz, oder?

Sie meint weiter, dass es manchmal hart sei, an den eigenen Prinzipien festzuhalten – denn nicht zu vergeben muss erst einmal ausgehalten werden. Die Autorin: „Letztlich geht es beim Verzeihen und auch beim Nicht-Verzeihen darum, die Regie über die eigenen Affekte zu übernehmen, darum, selbst zu entscheiden, wie man mit den Folgen des erlittenen Unrechts umgeht, darum, Autorität zurückzugewinnen und zur Autorin der eigenen Geschichte zu werden.“

Ihre Worte haben mich sehr nachdenklich gemacht … Mann kann das Thema allerdings auch kürzer beschreiben. Etwas so, wie es der verstorbene Karl Lagerfeld getan hat: „Wer mich hintergeht, muss wissen, dass `Vergebung` nicht zu meinem Wortschatz zählt“.

Klares Statement, Herr Lagerfeld!

Wir können ja nochmal überlegen, wie sich das so im Einzelfall darstellt und genau das muss jeder für sich selbst entscheiden. In jedem einzelnen Fall. Sicher ist es grundsätzlich großartig, Vergeben zu können. Aber manchmal -ganz selten, hoffentlich-, ist es das eben nicht. Dann sollten wir wohl Größe zeigen.

Und zu uns stehen, uns selbst achten.

Schöne Woche noch und bleibt gesund!