Ich habe so eine kleine Macke. O.k., nicht nur die eine, aber ich schreibe heute nur über DIESE eine. Immer, wenn ich am Abend wirklich erschöpft und müde bin, gucke ich mir vor dem Schlafengehen noch ein YouTube Filmchen aus der Reihe „America`s Got Talent“, kurz AGT, an. Ich mag es sehr, wenn unscheinbare Menschen „von nebenan“ ganz ohne Star-Aufgerüsche tolle Sachen machen, wenn sie ihre Chance ergreifen und der Welt zeigen, was sie können. Und sie können oft wirklich grandiose Dinge!

Gestern Abend war es mal wieder soweit. Ich habe kurz reingeschaut. AGT. Viertelfinale 2020, Teil I. . Und ich wurde bestens unterhalten von einem jungen Mann, der sich als „Mentalist“ vorgestellt hatte. Er kam ganz unaufgeregt daher und bat nach einem kurzen Intro einen Herrn aus der Jury darum, eine Zeichnung zu machen, die niemand sonst sehen konnte. Da auch das AGT Format im Zeichen von Corona steht, gibt es im Aufzeichnungsstudio derzeit keine live-Gäste. Dafür gab es auf ganz vielen kleinen Fernsehbildschirmen im Hintergrund ganz viele Zuschauer zu sehen, die sich bereit erklärt hatten, bei dem Experiment mit zu machen. Auch sie wurden gebeten, eine Zeichnung zu machen. Auf Bitten des smarten Mentalists hin zeigte nun erst der Herr aus der Jury seine Zeichnung und dann hielten alle Zuschauer ihre in die Kamera Ergebnis: Auf allen, ausnahmslos allen Zetteln waren Sonnen gemalt! Das Erstaunen war gewaltig, dann aber kam die Auflösung:

Der Mentalist hatte sich vor seinem Auftritt bei Jury und Publikum in einem kleinen Filmchen vorgestellt. Dort sah man ihn, wie er durch eine Straße ging, in einem Cafe saß usw. Innerhalb dieses Films waren total unauffällig unglaublich viele Sonnen in allen möglichen Farben und Formen versteckt worden – was nun erst so richtig deutlich wurde! Das Unbewusste aller Zuschauer hatte darauf reagiert – und alle hatten eine Sonne gezeichnet, in den unterschiedlichsten Formen. Was so unglaublich klingt, kenne ich schon aus meiner Hypnoseausbildung, die ich vor langer Zeit in Hamburg gemacht habe. Unser Unbewusstes ist höchst empfänglich für versteckte Suggestionen. Das lässt sich als Unterhaltungsmoment nutzen, aber natürlich auch in der Werbepsychologie. Dort versucht man, die Konsumenten dazu zu bringen, alle möglichen Dinge haben zu wollen. Oft mit Erfolg. Interessanterweise gibt es Menschen, die „suggestibler“ sind als andere. Ängstliche und unsichere Charaktere sind einfacher zu beeinflussen als selbstsichere, kritische Menschen. Soweit, so logisch. Nach der netten Unterhaltung durch den smarten Mentalist, der übrigens Max Major heißt, muss man sich aber die Frage stellen:

Wissen eigentlich auch Journalisten um das Phänomen einer solchen Beeinflussung – sei sie denn nun suggestiv oder schlicht penetrant?

Denken die Menschen dieses Berufsstandes zum Beispiel mal darüber nach, was es bei einer gewissen Persönlichkeitsstruktur anrichtet, wenn ich – sagen wir aus aktuellem Anlass- immer wieder Falschinformationen, Übertreibungen oder auch Lügen über das Corona Virus verbreite, um die Auflage meines Mediums zu erhöhen??? Dauerhaft, noch nicht einmal versteckt, sondern offen. Zu häufig. Immer wieder, getreu dem Motto „steter Tropfen höhlt den Verstand“.

Wenn wir bei ca. 80 Millionen Deutschen (gegoogelte Zahl für 2020 genau 81.504.947 Millionen) im Lande einem winzigen Grüppchen von ein paar zigtausende Corona-Leugnern eine derartige Aufmerksamkeit zukommen lassen, sie landesweit in allen Medien zeigen – und das über Tage hinweg … was macht denn dann wohl sowas mit denen, die unsicher und ängstlich und dafür erreichbar sind?

Mensch Journalist – du hast Verantwortung. (Der gute Journalist weiß das, da bin ich mir sicher!!!). Ich finde Demos grundsätzlich super – wenn sie keine schlichte Demonstration der eigenen Intoleranz sind – aber manchmal wäre es besser, gute Aufklärung vor Ort zu betreiben und weniger Öffentlichkeit für solche Minderheiten zu schaffen. Die charakterstarken und kritischen Menschen informieren sich ohnehin und haben eine deutliche, oft gut begründbare Meinung, die sich aus den Informationen mehrerer Quellen zusammensetzt. Diese Leutchen können gut auf sich aufpassen und im positiven Sinne Inhalte verknüpfen, aber auch logische Brüche erkennen. Sie können tatsächlich „querdenken“, bleiben aber nicht plakativ drin stecken, in diesem queren Zustand.

Eine nicht allzu kleine Gruppe von Mitläufern aber, die sich nicht positionieren können oder wollen, wird aber vielleicht durch eine entsprechende -unprofessionelle, reißerische oder subtil suggestive- Berichterstattung auf die falsche Spur gebracht. Muss ja nicht sein, oder? Um sich eine wirklich fundierte Meinung bilden zu können und eben nicht auf jede Suggestion oder fette Titelzeile jener Zeitschrift mit 4 Buchstaben oder auf jeden Facebookfake reinzufallen, braucht es allerdings eine entsprechende Schulung, eine Art Denkanleitung für kritisches Hinterfragen oder den Umgang mit Informationen im allgemeinen … wobei wir wieder beim Mangel im deutschen Bildungssystem wären, dem Fehlen von guten Lehrern, den zu großen Klassen usw. … aber das hatten wir erst letzte Woche. Lassen wir das heute mal weg. Seien wir also achtsam, hinterfragen uns und unsere Einstellungen immer mal wieder, reflektieren wir unsere Denke. All das kann nicht schaden. Im Gegenteil, es führt höchstens zu eigenen Einsichten und zum Respekt dem anderen gegenüber. Denn wenn ich so denke, habe ich mich ja schlau gemacht. Auch über „die Anderen“. Dann ist Max Major auch nur das, was er sein möchte: Tolle Unterhaltung. Danke, Mentalist!

Ich habe übrigens einen lustigen Spruch zu der Berliner Demo gehört: „Covid-Leugner Demo in Berlin? Ich kenne keinen, der dort war. Also hat das auch nicht stattgefunden!“

Schöne reflektierte Woche noch!