Es gibt sicherlich eine Menge großer und wichtiger Themen, über die es sich im Augenblick lohnen würde, zu schreiben. Aber heute geht es mir um etwas ganz anderes, etwas Kleines, etwas, das mich in der zurückliegenden Woche tief berührt hat. Ein Mitbringsel, ein Andenken.

Ihr werdet sicher jetzt fragen: EIN BITTE WAS? Ja. Richtig gelesen, ein Andenken. Ich habe begonnen, eine Schublade aufzuräumen, weil wir für den nächsten Transport des Tierschutzvereins Richtung Rumänien Ende des Jahres Spenden zusammenstellen wollen. In unserem Haushalt gibt es eigentlich von allem zu viel, denn wir mussten in den zurückliegenden Jahren die Haushalte sämtlicher verstorbener Familienmitglieder auflösen. Da wir mitten im Arbeitsleben gestanden haben –und das noch immer tun– war irgendwie nie genug Zeit, um in Ruhe aufzuräumen und auszusortieren. Wir haben alles Mögliche, von dem wir uns noch nicht trennen konnten oder wollten, irgendwo hin gestopft. Selbst während des Lockdowns im Frühjahr waren wir beruflich fleißig, selbst in diesen skurrilen Zeiten hat es nicht geklappt mit dem Aufräumen. Nun also ein neuer Versuch. Ich habe mir vorgenommen, Stück für Stück vorzugehen, Schublade für Schublade. Immer, wenn ein bisschen Zeit ist.

Mit meinen Klamotten sollte es losgehen. Damit bin ich schnell durch, weil ich mich gut trennen kann, insbesondere bei so einem schönen Grund wie Spenden sammeln und ein schneller Erfolg in Form eines gut gefüllten Kartons ist ja enorm motivierend. Für mich jedenfalls. Tatsächlich glitt mir mein Tun leicht von der Hand, zwei Kartons ins einer Viertelstunde. Super! Dann aber stockte alles. Für den Rest des Tages. Ich bin ganz hinten in der Schublade auf eine kleine braune Lederhandtasche zum Umhängen gestoßen, die ich mir im Jahre 1996 in Kalifornien gekauft habe.

Nagelneu, kaum getragen obwohl sie zauberhaft ist.

Erstanden habe ich sie in der malerischen Küstenstadt Carmel-by-the-Sea nahe Monterey. Damals bin ich für eine gut 6-wöchige Fortbildung in Santa Cruz in der San Francisco Bay Area gewesen, eine großartige Erfahrung. Es gab einen (!) freien Tag und den habe ich in meinem Leihwagen für einen Ausflug genutzt. Alleine, denn die Gruppe, mit der ich für gewöhnlich auf dem Uni-Campus zusammen gelernt, gegessen und gelacht habe, zählte gut hundert -höchst unterschiedliche- Leute aus aller Welt. Da tat eine einsame Aktion mal richtig gut. Als ich diese Tasche in den Händen gehalten habe, ist wie auf magische Art und Weise die gesamte Erinnerung an diesen Tag auferstanden: Ich habe mich auf einmal wieder daran erinnert, dass ich ganz früh am Morgen mit meinem lila Leihwagen von meinem Motel in Santa Cruz aus aufgebrochen bin und sehr aufgeregt war. Ich wollte ein Stück der legendären Big Sur Küste in Richtung Los Angeles sehen. Allerdings war es so früh am Morgen total neblig, ich habe so gar nichts von der als so herrlich gepriesenen Natur der Monterey Bay sehen können. Deswegen habe ich auch in Carmel Halt gemacht. Bis zum Big Sur bin ich gar nicht erst gekommen, es war unfassbar anstrengend, durch diesen dichten Nebel zu fahren.

Als ich in diesem zauberhaften Küstenort angekommen war, lichtete sich der Nebel, ein ganz eigener Zauber entstand. Ich bin durch diesen Ort gebummelt und habe den besten Pecannut-Butter-Cookie meines Lebens gefuttert, auch diese Erinnerung ist wieder hoch gekommen. Unglaublich. Sogar den Laden, in dem ich diese Tasche und noch zwei Gürtel erstanden habe, konnte ich vor meinem geistigen Auge sehen. Damals habe ich beschlossen, nicht mehr weiter zu fahren, sondern diesen Ort zu besichtigen und später am Abend einfach wieder zurück zu fahren. Es waren wunderbare Stunden mit netten Begegnungen mit Fremden und ihren Hunden, mit denen ich am Strand gespielt habe, die mir nach und nach wieder eingefallen sind …. Ich war echt tief berührt. Auch der beinahe-Unfall, bei dem ich gleich zu Beginn meiner Rückfahrt fast einen sehr dynamisch fahrenden schwarzen Porsche im Heck hängen hatte, hat mein gnadenlos gründliches Hirn ausgespuckt. Immerhin aber war das das einzige üble Erlebnis des Tages und die restliche Rückfahrt gestaltete sich problemlos mit traumhaftem Wetter …

Ich bin wirklich für eine Weile nicht in Aachen gewesen – sondern in Carmel-by-the-Sea. Das war eine so reale Erinnerung, wie ich sie selten zuvor erlebt habe. Und dazu noch völlig unerwartet! Diese kleine Tasche, dieses unscheinbare Mitbringsel hat mich die Bedeutung des Wortes „An-Denken“ auf ganz sonderbare Weise spüren lassen. Wie schön! Ich habe mich einfach darüber gefreut. Kleine Dinge aus alten Zeiten können uns wirklich in diese vergangenen Lebensphasen zurückführen. Das fühlt sich an, als könne man durch die Zeit reisen … das kennt ihr sicher auch, oder?

Oft werden sie übrigens auch durch die berühmten kleinen Worte „Weißt du noch?“ lebendig. Das sind oft jene wundervollen, freundschaftlich-liebevollen Erlebnisse, die in den Speisekammern der Seele lagern. Eingemachte Erlebnisse, oft prickelnd wie Champagner, die wir vielleicht viel zu selten öffnen und genießen… Es ist berührend, Dinge aus diesen so besonderen Lebenszeiten „mit-bringen“ zu können und später in das Erleben wieder eintauchen zu dürfen. Ich habe nur nicht damit gerechnet, das an manchen dieser Andenken das gesamte pralle Erleben gleich mit dranhängen könnte. Solche Dinge bekommen jetzt einen besonderen Platz – und einen neuen Namen: Andenken oder Mitbringsel werden nun zum „Anfühlsel“. Wenn sie mich glücklich machen, wenn sie sich gut an-fühlen, bleiben sie.

Schöne Woche voller berührender Kleinigkeiten noch!