Ich mag Rituale. Sie geben dem Leben an bestimmten Alltagsecken eine verlässliche Struktur. Für mich sind sie wo etwas wie kleine Freunde im Alltag, die oft für einen Glücksmoment sorgen und immer wieder vorbeikommen.
Einfach so.
Ja, ich gebe gerne zu, dass sich gewisse Rituale in meinem Leben so gemütlich anfühlen, wie gut eingelaufene Puschen. Manche machen einfach Freude (etwa unserer ehemaligen Straßenhündin ein Leckerchen ans Bett bringen, wenn sie noch ein bisschen länger liegen bleibt als der Rest des Rudels – muss man als Nicht-Hundehalter übrigens nicht verstehen), andere machen herrlich munter (der erste Kaffee am Morgen) und an einem ganz altmodisch-langweilig-unspektakulärem Ritual hänge ich aus purer Nostalgie:
Lotto spielen.
Jedes Kind weiß, dass ein sogenannter „Sechser im Lotto“ eine absolut unwahrscheinliche Angelegenheit ist.
Das weiß ich auch. Schon lange – und die Hoffnung auf einen Gewinn ist auch nicht der Grund, warum ich es tue. Irgendwie ist das Lottospielen eine schöne alte Erinnerung, die mit meinem Vater zusammenhängt.
In seinen letzten 5 Lebensjahren, die er in Aachen verbracht hat, war er viel alleine, todunglücklich bis hin zu depressiv über den viel zu frühen Tod seiner Frau und manchmal auch unausstehlich. Immer aber gab es auch diese Momente, in denen er absolut liebenswürdig war, sogar ein bisschen „zum Knuddeln“.
Solche Momente habe ich z.B. mit ihm erlebt, wenn er seinen Lottoschein abgeben hatte und nach der Ziehung feststellte, dass er eine kleine Summe gewonnen hatte. Dann konnte ich in seinen traurigen alten Äuglein den fröhlichen kleinen Jungen entdecken, der er einmal gewesen sein muss. Voller Begeisterung meinte er dann jedes Mal zu mir: „Kind, wir haben was gewonnen!“

Meistens hatte der Gewinn nicht einmal die Höhe des Spieleinsatzes, aber das war vollkommen egal. Seine Rente war ok., er hatte genug für sein Leben. Es ging nicht um die Summe, es ging um diese Freude. Seltene Momente waren das, Sternschnuppenaugenblicke, aber sie waren voller tiefer und unerwarteter kindlicher Freude für ihn – und für mich.

Diese Erinnerungen bewahre ich ganz tief in meinem Herzen auf. Sie sind kostbar, gerade weil es nicht soooo viele davon gab.
Aus lauter Nostalgie habe ich nach seinem Tod selber angefangen, Lotto zu spielen. Online natürlich. Papa ist ja immer noch persönlich zum Kiosk getippelt, um den Schein abzugeben. „Dann habe ich ein Ziel für den Spaziergang“, meinte er immer.
Ich habe bisher ab und zu ein bis drei Richtige gehabt. Immer, wenn ich die Email lese, die mir ankündigt, dass ich etwas gewonnen habe, höre ich ihn wieder, diesen Satz:
„Kind, wir haben was gewonnen!“.

Dann bin ich mir ganz, ganz sicher, dass Papa da oben in seinem himmlischen Wolkenlotto-Kiosk sitzt und das sagt.

Vielleicht hilft er auch nach, damit ich hin und wieder eine richtige Zusatzzahl habe … wer weiß!
Auch mir geht es nicht um Geld (ich wüsste ohnehin schon, dass ich bei einer größeren Summe wieder sofort für die Tiere spenden würde) sondern um diese Erinnerung.

So geht es mir jetzt immer am Samstag.

Gleich ist es wieder soweit … Nach der Ziehung der Lottozahlen gucke ich ganz schnell in die Emails. Vielleicht, vielleicht kommt er ja heute, dieser Satz ……

Schone Woche voller liebgewonnener Gewohnheiten noch!