Eine aufregende Zeit – draußen wie drinnen.
Für mich ist sie drinnen aktuell aufregend, weil endlich ein neues Buch druckreif gemacht werden soll. Ich gebe an dieser Stelle unumwunden zu: Ich bin eine Bauch-Schreibschwester, die eine gewisse Struktur schätzt. Was ich da so aufs Papier bringe, ist nie 100 %ig durchstrukturiert. Vieles entsteht eher aus dem Bauch heraus und es passiert mir regelmäßig, dass sich z.B. ein eigentlich nebensächlicher Charakter ungeplant in den Vordergrund drängelt, mehr Platz fordert als gedacht oder ein Tier auftaucht, das mit einer neuen Geschichte daher kommt. Herrlich! Go with the Flow! Das ist Kreativität, das fließt, das liebe ich.
Allerdings führt diese Art der „Schreibe“ auch immer wieder zu logischen Brüchen, abgebrochenen Handlungen, falschen Datenangaben, Lücken und ganz simplen inhaltlichen Fehlern. Die lassen sich natürlich wieder ausbügeln und bei überschaubaren Buchprojekten ist das auch gar kein Problem.

Dieses aktuelle Projekt allerdings, mein Dreiteiler, der eine Fantasy-Geschichte werden möchte, die am Mont-Saint-Michel spielt, ist anders.
Vielschichtig und Vielfältig – schon in Teil I, der jetzt dran ist. Es gibt eine Fülle von Personen, Tieren, Wesen aus der Anderswelt, Geschehnissen, Haupt- und Nebensträngen … da ist das mit Bauch-Schreiben schwierig.
Vor einigen Wochen ähnelte das ganze Projekt dann auch eher einem gigantischen Fischernetz aus verwurschtelten Sätzen als einem schönen Manuskript. Es lag buchstäblich Satz-verheddert am Strand meiner schäumenden Kreativität.

Nun ist das leider so, dass ich das als Autor gar nicht so empfinde, ich hänge an jedem Wort, jedem Charakter und die Handlung ist ganz und gar schlüssig. Klar, ich weiß doch, was ich sagen will! Aber wenn es anfängt, auch für mich ein wenig unübersichtlich zu werden, dann wird es schwierig.

Und was braucht eine Schreibschwester in einer solch aussichtsloser Lage?

Richtig. Einen Retter.
Am besten einen mit Fuchsäuglein, scharfem Geist und logischem Denkvermögen, Freude am Aufspüren von Fehlern und am besten noch gesegnet mit einem Hauch Geduld und Empathie für den zarten Teil der Schriftstellerseele.
Diese Retter werden in der Schreiberszene Lektoren genannt und für solch eine Aufgabe muss man eine Begabung mitbringen. Wirklich. Das kann längst nicht jeder, das ist ein harter Job, der höchste Konzentration erfordert und ein Buch erst richtig lesenswert macht.

Wie gut, dass sich so jemand in meinem Haushalt finden lässt.

Mein mir angetrauter Ehemann, seines Zeichens Jurist und in diese Szene als „scharfer Hund“ bekannt, hat meine Bücher ja bisher alle redigiert.

Bevor ich ihm ein Manuskript in die Hände drücke, verfolge ich immer diese Strategie: Zur Aufmunterung lesen es zuerst zwei Freundinnen aus der Abteilung „Ich liebe alles was du schreibst“, dann bekommt es eine dritte Freundin, die kritisch ist, logische Brücher und inhaltliche Patzer und Tippfehler aufdeckt. Abschließend lese ich selbst noch einmal – und fühle mich ganz gut gewappnet. Schön geworden, jetzt kann er eigentlich nicht mehr viel finden, der Gatte.

Leider hat er bisher IMMER noch was gefunden, immer, jedes Mal! Unglaublich, aber sehr, sehr hilfreich.

Nun sagt man ja, man wächst mit seinen Aufgaben.
Das stimmt im Falle meines aktuellen Projektes mit dem Manuskript UND mit dem Können meines Lektors.
Das verstrickte Wortnetz wurde vor Monaten schon auf dem Tisch ausgebreitet und seine Äuglein flitzten ziemlich lange darüber. Stille, Schweigen, nix. Ich hatte mich schon gefreut. Du meine Güte, war es so gut?
Konnte er nichts finden?
Dann, nach langer Ruhe fegte er los, der Lektorensturm, schwoll zu einem Orkan und ein vernichtender Korrektur-Tsunami traf mich mit voller Wucht. Unvorbereitet. Fassungslos. Zweifelnd. Ich hatte einen Rettungsschirm erwartet und bekam eine kalte Dusche.

Wahrscheinlich kennt ihr alle den Herrn Llambi, seines Zeichens Wertungsrichter und Moderator bei der TV-Show „Lets Dance“, oder?
Dessen mit FREUDE boshaft, vernichtend und niedermetzelnd vorgetragenen Kommentare sind durchaus vergleichbar mit dem, was ich mir als Bauch-Schreibschwester anhören musste, als ich die Kritik meines mir angetrauten Lektors entgegen nehmen durfte.

Und so war der Titel geboren: Der Llambi der Lektoren.

Auf eine ZEHN hoffe ich noch immer, ach was sage ich, ich bin ja froh, wenn ich im Wettbewerb bleiben darf …

Llambi-Lektors Freude am Fehlerfinden ist groß, leider auch meine Fehler– und damit seine Trefferquote. Wäre er ein Hund, mein Lektoren-Llambi, dann würde ich sicher sagen „der meint das nicht so, der will nur spielen“. Aber er, er meint das GENAU SO!!!
Am heimischen Esstisch, dem Korrektur- und Kritik-Hotspot, erklangen Sätze wie diese:
„Was ist das denn? Hier hast du dein Deutsch ja total verloren“.
„Bitte? Das hier, das geht gar nicht. Völlig unlogisch, passt nicht zu der Situation in der ersten Szene“.
„Grausame Übertreibung, das ist je eine INFLATION DER SUPERLATIVE, ich nenn das nur noch IDS, das machst du ja ständig. Muss weg“.
„NEIN; Die Hauptperson soll an der Stelle nicht schon wieder heulen. Die läuft jetzt mal nicht weg sondern stellt sich der Situation“.
„Kürzen. Kürzen. Kürzen oder wolltest du einen Reiseführer schreiben? Das ist nicht Fantasy, das ist Baedeker….“.
„Schon wieder. IDS. Ich kann nicht mehr!“

Das ist doch hilfreich, oder? Pure Empathie, begleitet von Geduld und Freude am Helfen. Labsal für die Autorenseele, eben Hilfestellung in Llambi-Manier.
Er meint es gut, hört man doch sofort raus.
Ich sage ja immer, wenn Kritik im richtigen Ton kommt, kann ich die auch sofort annehmen. Passt schon. Danke Herr Llambi-Lektor Reitz. Ich freue mich auch auf das Buch, das Fischernetz wäre ja nun geordnet ….

Schöne lehrreiche und ruhige Woche noch. Bleibt gesund!

P.S.: Fürs bessere Verständnis: Wir haben Tränen gelacht bei den gemeinsamen Manuskriptbesprechungen – gerade weil die Llambi-Lektorenausdrücke so herrlich drastisch waren. Natürlich bekomme ich jede Menge liebevoller Unterstützung beim „Entwirren“ meines literarischen Fischernetzes. Spaß muss sein – in jeder Lebenslage.