Gerade komme ich von einer kleinen Hunderunde durchs Viertel zurück. Wir sind ein bisschen durch Burtscheid flaniert, da gibt es viel zum Schnüffeln für die Fellnasen und viel zum Gucken für mich.
Wie hübsch die Menschen ihre Gärten in Ordnung haben! Bunte Blumen und blühende Bäume überall, es ist eine Freude, diese Farbenpracht zu sehen.
Bei mir zuhause sieht es ein wenig anders aus. Klar, ich hätte auch gerne eine gepflegteren Garten, aber erstens haben wir Hunde und zweitens heißt meine derzeitige Priorität: Schreiben.
Statt Unkraut zupfe ich falsch gesetzte Kommas, statt blühender Blumen sprießt meine Kreativität. Sie meint es derzeit ein bisschen zu gut mit mir und wuchert wie der Beinwell, den ich kaum noch in den Griff bekomme. Unsere Einfahrt hätte es auch mal wieder nötig in Ordnung gebracht zu werden, lieber aber bringe ich Absätze und Inhalte in Ordnung. Blütenstaub von den Gartenmöbeln wischen? Ach was, lieber Worte wegstreichen, die nicht nötig sind.
Herrlich!
Der „authentische, naturbelassene“ Garten liegt doch eh im Trend, nur das junge Gemüse wird noch bekümmert, Schreibschwester ist im Rausch der Sätze gefangen. Und wie ich das Bad in den Buchstaben genieße!

Hach was ist das herrlich – erst recht, wenn so rechtschreibkundige und lesefreudige Freundinnen wie Cordula und Kessy ihre feinen Äuglein haben über das Manuskript flitzen lassen und anschließend nicht nur mit einer Fülle gefundener Fehler zurückkehren, die es auszumerzen gilt – sondern gleich noch mit nagel-neuen Ideen daherkommen, die man einpflanzen könnte.
Ein neuer, spektakulärerer Anfang?
Grandiose Idee. Wird neu geschrieben.
Mädels, ihr seid großartig, ich bin zutiefst berührt über euer Engagement für mein unvollendetes Werk.

Gleichzeitig mache ich mir Sorgen.

Was mir derzeit tiefe innere Befriedigung und Freude bereitet, gehört im weitesten Sinne zur Kunst.
Es gibt Menschen, die sind Farbkünstler und malen die schönsten Bilder, in denen man sich als Betrachter verlieren könnte, andere berühren uns, weil sie Tonkünstler sind und singen oder musizieren, dass uns Tränen der Freude in die Augen hüfen und das Herz weit wird und wieder andere beschreiben die schönsten Geschichten mit den Füßen und dem Körper: das sind die Tänzer, Tanzkünstler, nur um ein paar dieser herrlichen Kunstformen zu nennen.

Meine Form der nebenberuflich, aber leidenschaftlich ausgeübten Form der „Wort-Kunst“ hilft mir enorm, mit den Belastungen der derzeitigen Krise umzugehen. Jede Form der Kunst, des Hobbys, das Freude macht und Erfüllung bringt, tut das.
Kunst egal in welcher Form ist für mich „Überlebens-wichtig“, wird aber derzeit als „nicht systemrelevant“ aufs Abstellgleis geschoben.

Ist das denn wirklich so?

Wer sind wir eigentlich ohne Kunst, ohne all die Künstler, ohne Musik, ohne Lieder und Konzerte, Filme, Fotos, Theater, Tanz, Bilder, Bücher, Skulpturen und so vieles andere?

Wie kann man über-leben in einer stillen Welt ohne Farben und Formen?

Wenn man nach deiner Definition im Netz sucht, steht da zum Beispiel folgendes:

Kunst: Der Versuch einer Definition.
Kunst ist eine wesentliche Ausdrucksform für Gefühle und Gedanken, welche den Menschen bewegen. Kunst ist hierbei weniger das, was Kritiker und Spekulanten für wertvoll und handelbar halten, sondern vielmehr all das, worin der Künstler ein Stück von sich selbst gegeben hat.

Kunst bewegt.
Das weiß jeder, der irgendwie künstlerisch tätig ist. Ich finde, jedes Kind sollte mindestens eine Form von Kunst ausüben, mindestens ein solches Hobby haben, das es mit Leidenschaft betreiben kann. Warum? Weil das in Krisenzeiten eine enorme Hilfe sein kann.
Wenn ich mit Erwachsenen rede, die im Burnout stecken, die Psychosomatik entwickelt haben, weil jahrelang neben dem Beruf nichts anderes mehr möglich war und sie erzählen davon, wie gerne sie als Kind gemalt oder fotografiert, Musik gemacht oder gesungen haben, dann sehe ich oft ein Leuchten in ihren Augen.

Das, was diese Menschen da beschreiben, hat sie mal bewegt. Und das kann ein Schlüssel zum Heilwerden sein. Wieder in den Fluss kommen, sich bewegen lassen – mit und durch Kunst. Kunst tut nicht nur gut, Kunst kann auch heilen.

Und das ist nicht systemrelevant?

Ich wünsche mir inständig, dass wir uns in genau diesem Sinne bald wieder frei bewegen können und dürfen, auch wenn ich grundsätzlich hinter den bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung dieses Virus stehe.
Wenn wir die Kunst und die Künstler verkümmern lassen, lassen wir auch einen ganz wichtigen Teil von uns selbst verkümmern. Und dann? Dann sind wir richtig schlecht dran, finde ich …

In diesem Sinne: Treibt es laut und bunt, singt und tanzt und lacht und bleibt gesund

Schöne kunstvolle Woche noch!