Wir haben die fünfte Jahreszeit. Als echtes Nordlicht kannte ich früher weder jene Bezeichnung des Karnevals noch das dazugehörige Brauchtum. In Hamburg zeigte man sich nachhaltig irritiert, wenn verkleidete Kinder durch die Straßen liefen, der Karneval fand hauptsächlich im Fernsehen statt, das die Umzüge der Straßenfeste aus dem Rheinland übertrug, Straßenkarneval gab es überhaupt nicht und selbstverständlich wurde am Rosenmontag gearbeitet.

Mittlerweile hat diese sogenannte fünfte Jahreszeit für mich eine andere Bedeutung und das nicht etwa, weil ich in Aachen lebe, sondern weil ich meinen Mann – gebürtiger Aachener, aber bekennender Karnevalsflüchtling- im Skiurlaub an einem Rosenmontag kennen gelernt habe. Dieser Tag wurde damit eher zum „rosa“ Montag, weil das die einzige Farbe war, die ich damals noch sehen konnte. Entsprechend haben wir es später geschafft, an einem Rosenmontag (vor nun schon 20 Jahren) zu heiraten, unglaublich eigentlich, aber es gab tatsächlich ein Standesamt, das uns trauen wollte, trotz der jecken Zeit.
Auch wenn ich mit dem Karneval als solches nicht sooo viel anfangen kann, finde ich die Vorfreude der Menschen, die lustigen Bilder und oft fantasievollen Kostüme immer wieder nett. Schön, dass Menschen mit so viel Freude bei der Sache sind, das mag ich wirklich – und dann wäre da ja noch der berufliche Aspekt für mich.
Was bedeutet Karneval denn eigentlich aus psychologischer Sicht?? Ich habe mal im Internet nachgeschlagen und einen amüsanten Artikel bei FOCUS-Online gefunden, dem man gar nicht mehr viel hinzufügen muss. Geschrieben von Nicole Lauscher. Hier isser:

„Nicht nur rheinländische Jecken vertrauen auf dieses Rezept: Karneval kuriert – nicht die Leber, wohl aber die Psyche. Er wirkt erholsam, macht ausgeglichen und stärkt das Selbstbewusstsein.

Ein Mann läuft im hautengen Superman-Kostüm schnaufend durch die Straßen und verspricht, die Welt zu retten. Eine Krankenschwester mit roten Strapsen injiziert fremden Menschen aus einer Spritze Schnaps in den Mund. Eine Gruppe Jugendlicher im Strampelanzug verkündet, dass die Karawane weiterziehe, der Sultan sei durstig.
An einem gewöhnlichen Montag würde wahrscheinlich jeder Psychiater den Betreffenden eine Störung attestieren.
Am Rosenmontag ist so ein Verhalten dagegen nicht ungewöhnlich – sondern sogar gesund.

„Das Bedürfnis, sich einmal abseits der Realität und ohne alle Konsequenzen auszuprobieren, steckt in jedem Menschen. Karneval bietet die Gelegenheit dazu“, sagt Wolfgang Oelsner. Der Psychologe hat bereits mehrere Bücher über Karnevalsbräuche geschrieben. Wenn an den jecken Tagen die Tabugrenzen verschoben sind, können Menschen die Sehnsüchte ausleben, die sonst in ihrem Leben keinen Platz haben.
„Alles, was wir heute tun, ist das Ergebnis vieler Kompromisse. Zwar treffen wir die meisten Entscheidungen für unser Leben selbst, aber immer, wenn wir uns zu etwas entschließen, bedeutet das den Verzicht auf etwas anderes. Die zurückgestellten Seiten bleiben als unerfüllte Bedürfnisse zurück. Manche Menschen leben sie am Wochenende aus, wenn sie den Nadelstreifen- gegen den Trainingsanzug tauschen. Andere warten bis zur Rente, um ihr Leben ganz nach ihrem Hobby auszurichten. Und wieder andere verwandeln sich an Karneval von der schüchternen Büroangestellten ins Tanzmariechen im Rampenlicht.“

Ein anderes Argument, warum Fasching wichtig für die Psyche ist, liege in der sogenannten Theorie der sozialen Identität begründet: „Wir nehmen in unserem Leben immerzu gewisse Rollen ein: sind gleichzeitig Vater, Sohn, Ehemann und Angestellter. Jede dieser Positionen verlangt ein gewisses Verhalten von uns. Karneval bietet die Gelegenheit, aus diesen Mustern auszubrechen.“ Zudem lösen Verkleidungen selbst Gruppenhierarchien auf. Im Clown- oder Cowboykostüm spielt es keine Rolle mehr, wer Vorgesetzter und wer Angestellter ist.

Fasching stärkt das psychische Gleichgewicht

„Karneval ist gut für das psychische Gleichgewicht“, bestätigt Rolf van Dick von der Goethe-Universität in Frankfurt/Main. „Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sein Leben frei zu bestimmen. Im Alltag ist das nicht immer möglich.“ Denn in Beruf, Familie und sogar der Freizeit gibt es Regeln, die das Miteinander bestimmen. An Karneval verlieren sie ihre Gültigkeit. Das betrifft die Kleiderordnung, aber auch gewisse Tugenden wie Bescheidenheit und Maßhaltung. „Das Gefühl, heute kann ich machen, was ich will, ist entscheidend“, erklärt der Sozialpsychologe. „Wenn ich möchte, kann ich im Prinzessinnenkostüm zur Arbeit gehen und schon vormittags mit Sekt anstoßen. Selbst wenn ich komplett über die Stränge schlagen will, macht mir an Karneval niemand einen Vorwurf.“

Allein das Gefühl, mal etwas „außer der Reihe“ zu tun, wirkt für viele schon befreiend. „Das ist vergleichbar mit Kindern, für die unerwartet die Schule ausfällt: Diesen freien Tag genießen sie mehr als jedes Wochenende“, so van Dick. In Karnevalshochburgen wie Köln erleben die Menschen ein solches Gefühl noch stärker. Hier herrscht fast die ganze Woche Ausnahmezustand. Am Montag auf eine Behörde zu gehen, ist hier undenkbar.
„Karneval ist eine Erholungsphase vom Kulturbürgertum“, bringt es Wolfgang Oelsner auf den Punkt. Diese Auszeit vom Alltag bedeutet für jeden etwas anderes. Während der Manager es genießt, Pause von seiner Verantwortung zu nehmen, gefällt es dem Arbeiter, einmal zu feiern, ohne aufs Geld zu achten. ….

Also bitte, Karneval tut nicht nur gut sondern stärkt auch noch die Psyche! Sicherlich ein Grund mehr, sich in das närrische Treiben zu stürzen – auch wenn ich ziemlich sicher bin, dass ein waschechter Narr in dieser Zeit keine weiteren Gründe braucht, um fröhlich zu feiern.
Freude genügt und das alleine macht Spaß – beim Zusehen und selber feiern – und es ist auch noch gesund. Haben wir ja gerade gelesen … in diesem Sinne wünsche ich allen Karnevalisten eine schöne Zeit.

Schöne und gesunde fünfte Jahreszeit Euch allen!