„Wann sind wir denn endlich da?“ Jeder kennt diesen Satz von quengeligen Kindern, die es auf dem Weg in den Urlaub nicht abwarten können, endlich ans Ziel zu kommen, die sich freuen, Schönes zu erleben. So fühlen sich die meisten von uns im Augenblick auch ein bisschen, oder? Keiner von uns weiß, wie lange die Corona-Reise noch andauern wird, wie lange die Einschränkungen noch gelten, ob wir ein paar unbequeme Umwege fahren müssen, gefährliche Tiefen oder sanfte Wege vor uns haben.
Es braucht neben all der Angst und Sorge aber auch Positives, gute Nachrichten und die gab es auch während der letzten Tage. Überwältigende Hilfsbereitschaft, Mitdenken, Organisieren und Musizieren gegen die Krise, aus der wir auf diese Weise Kraft ziehen können – trotz all der Probleme, die sie mit sich bringt. Applaus für alle die, die im Gesundheitssystem zusätzlich gefordert werden, sie hatten schon vorher mehr als genug zu tun und müssen nun an vielen Orten beinahe unmenschliches leisten. Sie würden sich Langeweile und Ruhe wünschen, aber sie können und dürfen nicht. Viele dieser wunderbaren Menschen wollen noch nicht einmal, sie gehen in die Krankenhäuser, um ihre Kollegen zu unterstützen, um den Kranken, um UNS zu helfen. Das ist gelebte Solidarität, das ist zum Weinen berührend und ich frage ich, wann gerade das Pflegepersonal ENDLICH besser bezahlt wird. Das ist mehr als überfällig und da der ein oder andere Politiker nun auch infiziert ist und im Krankenhaus liegen muss, könnte es sein, dass diese Notwendigkeit tatsächlich erkannt wird. Das wäre eine wirklich positive Nachricht. Managergehälter und Banker-Boni, Diäten von Politikern aussetzen und alle Gelder an die Pflegekräfte verteilen …. Fänd ich angemessen, aber ich bin und bleibe wohl ein Träumer.

Als ich gestern früh beim Einkaufen im Supermarkt war, konnte ich neben den panischen Hamstern auch die anderen beobachten. Die stillen, älteren Menschen. Eine sichtlich betagte Dame traf ich mit ihrem Rollator am Eierregal. Sie blickte sich um und wollte mir sofort Platz machen. Als ich ihr sagte „nein, nein, bitte nehmen Sie sich in Ruhe, was Sie haben möchten. Ich warte einfach, Sie waren doch zuerst hier,“ sind wir ins Gespräch gekommen. Angst hat sie. Um sich und die Kinder. Eine kleine Rente, aber es gehe schon. Nur große Einkäufe auf einmal, das könne sie nicht. Die Kinder und die Nachbarn bieten sich an, einkaufen zu gehen, wenn es schwieriger werde, jetzt traue sie sich noch hinaus. Sie wohne um die Ecke.
Ich habe ihr gesagt, dass sie auf sich aufpassen soll. „Tun Sie das auch. Bitte,“ meinte sie. Dieses gütige Lächeln traf mein Herz. Schöner Seelenfunke, Nähe in einer Krise, die „social distancing“ nötig macht.

Wir können uns auch anders berühren, das ist sicher eine der guten Erfahrungen in dieser Krise.

Eine ganz besonders schöne Nachricht hat übrigens der Journalist Jörg Seisselberg aus dem ARD-Studio in Rom verbreitet: „Wer in diesen Tagen eine Injektion Optimismus benötigt, sollte Franco Ferrarotti anrufen. Durch das Telefon ist zu spüren, wie die Augen des Soziologen leuchten, wenn er über seine Erwartungen für die Zeit nach der Coronavirus-Krise spricht. „Ich glaube, wenn die Krise vorbei ist, werden wir eine enorme Wiederkehr von Lebensfreude und Lust am Wiederaufbau erleben. Ähnlich wie am Ende des Krieges wird es in ganz Europa eine unglaubliche Explosion an Lebensfreude geben.“ Mit seinen 93 Jahren hat Ferrarotti schon viele historische Epochen und Krisen erlebt. Der emeritierte Professor gilt als Vater der italienischen Soziologie. Der derzeitige Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus, sagt Ferrarotti dem ARD-Studio Rom, sei eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft – aber auch eine Chance. „Das wird eine grundlegende, positive Erfahrung von Leben sein, gemeinsam die Krise durchzustehen. Für Europa, und, ich würde sagen, für die gesamte Menschheit.“ Krisenerfahrungen, sagt Ferrarotti, führten dazu, dass Gesellschaften enger zusammenrücken. Und dass sie aus dieser Phase neue Kraft schöpften – ungeachtet aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Auch Gianluca Castelnuovo, einer der bekanntesten Psychologen Italiens, schaut mitten in der Krise mit Zuversicht nach vorne. „Aus psychologischer Sicht wird danach eine große Lust da sein, wieder loszulegen. Zu arbeiten und zu feiern. Die zweite Jahreshälfte wird voll sein mit beruflichen Terminen, mit sozialen Ereignissen, mit Konzerten, mit der Lust auszugehen. Es wird diesen Sprungfeder-Effekt geben. Wir wollen dann in die Welt schreien, dass wir zurück sind nach diesem hässlichen Abenteuer.“ Um dieses Abenteuer gemeinsam zu überstehen, sagt Castelnuovo, der an der Universität Cattolica in Mailand lehrt, sei Optimismus psychologisch genauso notwendig wie Angst.
„Es ist wichtig, eine gewisse Dosis Angst zu haben. Angst um sich selbst und um die anderen. Also das Bewusstsein, selbst krank werden, aber auch andere, die vielleicht schwächer sind, anstecken zu können. Diese Angst ist notwendig, aber sollte nicht in Panik abgleiten, sondern zu reflektierten, vernünftigen Entscheidungen führen.“ Die Italiener, sagt Ferrarotti, seien in der Coronavirus-Krise dabei, die Grenzen ihres extremen Individualismus zu erkennen und den Wert der Solidarität wiederzuentdecken. Dies, sagt der Wissenschaftler mit seinen 93 Jahren Lebenserfahrung, tauge als gutes Beispiel auch für andere.

Wenn das so ist, wenn nach Corona eine Explosion an Lebensfreude kommt, dann ist es vielleicht ok, dass wir noch nicht da sind, dass es noch etwas dauert, bis das große Fest beginnt. Bis dahin müssen wir die quengeligen Kinder in uns beschäftigen, sie vielleicht noch einmal lehren, welche Werte auf der Lebensreise besonders wichtig sind ….

Bleibt Zuhause, bleibt gesund und bleibt im „social distancing“ verbunden. Wir sind bald da – vielleicht in einer schöneren Welt als je zuvor!

Gute und gesunde Woche für Euch