Die meisten Menschen, mit denen ich dieser Tage spreche, reden davon, wie sie bisher durch die Krise gekommen sind. Bei den vollkommen unterschiedlichen Schilderungen dieser persönlichen Glücks- und Leidensgeschichten ist mir etwas aufgefallen, was ich aus psychologischer Sicht höchst interessant finde:
Jeder Konflikt, jede Krise, die im Außen stattfindet, triggert etwas zutiefst Persönliches im Inneren des Einzelnen an, das beachtet werden möchte.

„Jede Krise ist Selbstbegegnung und dient der Selbstvervollständigung“.
(Ein Zitat von Dr. Reinhard Sprenger, der ein großartiger Denker und Verfasser mehrerer erfolgreicher Bücher ist).

Jede Krise ist Selbstbegegnung – wie wahr! Das erlebe ich tatsächlich gerade, denn ich habe das große Glück, mich mit Menschen befassen zu dürfen, die mit mir ihre Lebensgeschichten und Aufgaben teilen, um gemeinsam nach Lösungen, nach Heil-Werden, nach Selbstvervollständigung zu suchen.
Und wirklich jeder „begegnet“ sich in dieser Krise auf andere Art und Weise. Das kann beglückend oder schmerzvoll sein.
In der Zurückgezogenheit des „social-distancing“ werden wir tatsächlich mehr oder weniger gezwungen, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Diese Auseinandersetzung ist nicht einfach, kostet Mut und gute Reflexionsfähigkeit, lohnt sich aber. Warum?
Weil jeder Mensch, jedes Wesen „heil“ werden und sein möchte, GANZ sein möchte.
(Gut, bis auf die Verschwörungstheoretiker, die nicht nach innen gucken wollen, sondern die Verantwortung lieber an „das Böse“ abgeben, das ist leichter als Arbeit am Selbst).

Um aber nun tatsächlich GANZ sein zu können, sollte jeder einzelne Anteil der eigenen Persönlichkeit Beachtung finden, da das große Ganze sonst aus der Balance zu geraten droht. Eine Weile kann jede Persönlichkeit eine Disbalance, ein Leben auf einer Art schiefen Ebene kompensieren, dauerhaft aber drohen Burnout und andere Krankheiten. Wer z.B. nur Power im Job gibt, ein Schneller-Höher-Weiter-Prinzip ohne Rücksicht auf die leisen, erholungsbedürftigen Seiten des eigenen Ich lebt, der bekommt irgendwann die Quittung.

Um deutlicher werden zu lassen, was ich damit meine, wenn ich von einer ausgeglichenen Persönlichkeit rede, benutze ich manchmal das Bild eines Chores, bei dem es auf jede Stimme ankommt, damit das Ganze harmonisch klingt, miteinander schwingt und keine Misstöne entstehen.
Manchmal wähle ich auch das Beispiel eines einfachen runden Tisches mit drei Beinen. Diese Beine haben Bedeutungen: eines steht für das soziale Leben, das andere für die Arbeit und das dritte für Hobbies und Ausgleich.

Wenn ich zum Beispiel das berufliche Tischbein „höher“ stelle, ihm also mehr Bedeutung zumesse, kommt meine Tischplatte automatisch in eine Schieflage. Das wird eine Weile funktionieren, dann aber wird es anstrengend. Gesund wäre es, dieses Tischbein wieder auf das normale Niveau zurückzuschrauben und vielleicht das Private für eine Weile bewusster wahrzunehmen, „höher zu stellen“. Bewegung innerhalb dieser Standbeine des Tisches ist vollkommen okay. Das Leben stellt uns immer wieder vor Herausforderungen, in denen es turbulent zugeht, wir unsere Kräfte auf einen Bereich unseres Lebens konzentrieren müssen, das ist auch gut so. Wir wachsen und entwickeln uns schließlich nur dann weiter, wenn wir unsere Komfortzone auch mal verlassen. Kompletter Stillstand ist ebenfalls nicht das Wahre.
Manche Menschen versuchen aber sogar, auf einem Tisch mit zwei Beinen zu „performen“, wie es neudeutsch so schön heißt und wundern sich, warum das nicht klappt, warum sie später, in der Mitte ihres Lebens (manchmal auch erst mit Einsetzen der Rente oder Pension) aufwachen, krank, einsam oder unglücklich sind.

In einer Krise haben wir die Chance, wieder in eine gesunde Balance zu kommen – wenn wir uns die Zeit nehmen, um uns mit dem auseinander zu setzen. Es ist ein bisschen wie eine Diagnose, bei der ich feststellen kann, was überhaupt in „Schieflage“ gekommen ist, hinschaue, welcher Teil von mir deutlich mehr Beachtung braucht, welchem es ein wenig zu gut geht, welcher zu kurz gekommen ist.
Diese Selbstbegegnung ist eine Art persönliche Bilanz und gleichzeitig eine Chance dazu, Prioritäten neu zu setzen, Lebensziele zu überdenken.

Ihr könnt euch ja zum Spaß mal die Frage stellen: Wie bin denn eigentlich ich durch diese Krise gekommen? Wie bin ich mir selbst begegnet? Welchen Teil meiner Persönlichkeit habe ich durch die Krise kennengelernt? Wäre dieser Teil ein Mensch und käme zu Besuch, was würde er oder sie mir wohl erzählen? Hättet ihr eine gute Zeit miteinander oder müsstet ihr euch Vorwürfe anhören?

Nehmt euch Zeit, werdet oder seid GANZ, habt die Mitmenschen und Tiere liebevoll im Blick und genießt das Leben. Wir leben hier in einem verdammt guten Land und dafür sollten wir dankbar sein – denn eines darf man nicht vergessen: Ich kann mir solche „Selbstentwicklungs-Gedanken“ erst dann machen, wenn mein Überleben gesichert ist, ich zu Essen und sauberes Wasser habe und ein Dach über dem Kopf. Das ist nicht selbstverständlich und Grund genug, das Leben zu feiern und Herausforderungen anzunehmen.
Damit wir später wirklich sagen können: „Wir haben das geschafft, auch wenn es nicht einfach gewesen ist.“

Schöne Woche noch – mit allen erdenklich guten Begegnungen einschließlich einer lohnenden Selbst-Begegnung!