Jeder Hundebesitzer kennt das: in der dunklen Jahreszeit ist man am frühen Morgen manchmal auf die Helligkeit der Straßenlaternen angewiesen, um den ersten Hundegang absolvieren zu können. Die Gefahr, die dann droht, geht lediglich von rücksichtslosen, selbstmordgefährdeten weil unbeleuchteten Radfahrern aus, ansonsten kann so ein erster früher Gassigang ganz meditativ sein.
In dieser Woche habe ich das auch ein paar Mal machen müssen, weil frühe Termine angestanden haben. Wenn man so durchs Viertel läuft, sieht man bei kurzen Blicken in die Häuser und Wohnungen jener Menschen, die schon aufgestanden sind und Licht angeschaltet haben, zwangsläufig etwas vom jeweiligen Einrichtungsstil. Manchmal genügt ein solch kurzer Blick, um eine alte Erinnerung wachzurufen.
In meinem Fall war es der kurze Blick ins Wohnzimmer einer alten Dame, die ich nur hin und wieder mal sehe. Ich kenne sie nicht, aber ihr antiker Eichenschrank mit den Zinntellern oben drauf, hat mich sofort an meine Oma mütterlicherseits erinnert. Dort gab es genau solch einen Schrank und sofort habe ich mich gefühlt, als würde ich die Eingangsstufen zum ihrem Haus hochhüpfen, nebendran die alte Werkstatt, wo Opa alles repariert hat und wo früher die Kohlen, später das Brennholz gelagert wurde.
Die Zinnteller standen auf dem Eichenschrank im „Alltagswohnzimmer“. In der „guten Stube“, die nur für Geburtstagsfeiern geöffnet und beheizt wurde, gab es noch einen Schrank – für das „gute Porzellan“.

Schön sind sie, diese Erinnerungen.

Meine Gedanken sind dann mit den Hunden weiter gegangen, haben sozusagen mal hier und mal da in meiner Erinnerung geschnuppert. Es ist schon komisch, wie das Leben so läuft. Wenn man jung ist, möchte man etwas erreichen, einen Beruf haben, der Erfüllung ist und genug Geld für ein schönes Leben abwirft, vielleicht eine Familie gründen, ein Haus bauen, schicke Möbel reinstellen, einen Garten haben und und und … später stellt man fest, dass es eine Nummer kleiner auch geht, vielleicht sogar besser wäre. Also setzt man sich kleiner, zieht wieder um und überlässt anderen das große Haus. Dann kommt häufig dieser Satz, den jeder von uns kennt und den ich ehrlich gesagt elendig, schrecklich und sehr negativ finde:

„Solange ich das noch kann.“

An sich ein paar harmlose Worte, die eine gewisse Realität wieder spiegeln, aber mich mag die Realität HINTER diesen Worten nicht. Für mich sind solche Sätze unsinnige Floskeln, Gedankenviren, Glaubenssätze, die uns einschränken. Warum ich das so ablehne? Nun, ich habe meine eigene Geschichte mit solchen Sätzen, wie wohl jeder von uns – und auch die hat mit meiner Oma zu tun.
Meine an sich wunderbare Oma mütterlicherseits liebte mich. Sehr sogar. Obwohl ich ein wildes Kind war. Heutzutage hätte ich bei dem Temperament, das meine Wiege fast zum Kippen brachte, sicher die komplette ADHS-Diagnostik durchlaufen müssen. Ganz sicher! Da fällt den liebenden Altvorderen der ein oder andere Spruch ein, der sicher das ausschließlich gut gemeinte Ziel verfolgt, das Kind zu bremsen und so vor größerem Übel zu behüten.
In meinem Fall meinte meine Oma „Ditt hier (Plattdeutsch für „diese hier“) kriegt nie ´nen Mann ab. Die nimmt keiner, das hält keiner aus.“ Umpf.
Die Moral von der Geschichte war, dass ich a) meiner Oma glaubte und b) mehr als erstaunt war, wenn sich später irgendein erbarmungswürdiges männliches Wesen für mich interessiert hat. Das habe ich nämlich nie ernst genommen. Wie auch?
Der Glaubenssatz zu „Ditt hier …“ war häufig, mit der nötigen Ernsthaftigkeit und nachdrücklich gefallen, nachhaltig würde man heute in Greta-deutsch wohl sagen …
Der saß, meine Neurologie hatte ihn bombenfest verankert.

Der Wendepunkt, der alles zum Wanken bringen und wie ein Orkan an Bäumen an meiner Neurologie rütteln sollte, kam erst viele, viele Jahre später – als ich meinen Mann kennen lernte. Im Skiurlaub. Da war da auf einmal dieser herrlich wuselige, temperament- und humorvolle Kerl, der gleichzeitig reden auch noch zuhören konnte wie ich es bis zu diesem Zeitpunkt noch nie erlebt hatte. Vor allem aber war er eines: SCHNELLER als ich. Er dachte schneller, redete schneller – das auch noch wie gedruckt-, war unfassbar schlagfertig, witzig, auch sachlich zackig unterwegs.
Sorry Oma, das wars dann.
„Ditt hier“ war bis über beide Ohren verknallt, ihm ging es nicht anders und wir zwei haben sofort gewusst: „Das isses!“. Ein Jahr später bin ich dann konsequenterweise von Hamburg nach Aachen gezogen, der Rest ist Geschichte … und meine Neurologie begann sich zu fragen, welchen Mist ich eigentlich sonst noch so mit mir rumschleppe.

Tja, und seither HASSE ich derartige Glaubenssätze.

Deswegen möchte ich Euch sagen: Glaubt nicht alles, was Andere über euch sagen, lasst euch nicht einengen von solchen Floskeln, die gehören bestenfalls innerlich in die neurologische Abteilung des „Museums der persönlichen Geschichte“. Da hängt mein alter Glaubenssatz jetzt auch. Gleich neben „Aus DER wird nie was“, „DIE kann nicht Tanzen“, „Wenn einer studiert, dann sicher die Schwester“ und „Einen grünen Daumen hat sie nun gerade nicht“ … und einigen anderen, unglücklichen Formulierungen vergangener Jahre, die sich sämtlichst nicht bewahrheitet haben.

Warum auch soll ich mich durch die Einschätzungen anderer Menschen begrenzen lassen? Ich kann doch einfach genießen, was ich tue – ohne denken zu müssen „So lange ich das noch kann“. Jedes Alter hat seine Schönheit, jeder Tag will wieder mit dem Morgen begonnen werden und gestaltet werden, egal ob ich dabei Fehler mache, Erfolge feiern darf oder mich frage, wie lange das noch gehen wird …
Vor meinem geistigen Augen habe ich dann immer jene wunderbare und strahlende Tao Porchon-Lynch, die mit 101 Jahren (!!!!) Yogaklassen gibt und quietschgesund ist. Sie sagt:

„There is nothing you cannot do“.

DEN Glaubenssatz habe ich ganz, ganz fest in meiner „neuen“ Neurologie verankert – und das kann ich nur empfehlen.

Glaubt an euch! Schön Woche noch.