Noch eine Woche. Dann öffnen die meisten der innereuropäischen Grenzen wieder und geben den Touristen die Möglichkeit, kostbare Ferienzeit im Ausland zu verbringen. Die Sehnsucht nach Freiheit, Reisen, dem Unterwegssein zu Freunden oder auch in die Fremde, um Neues zu entdecken ist jetzt schon groß – verständlicherweise.
Was mich derzeit allerdings mehr beschäftigt als die Grenzen zwischen den Ländern sind die, die wir in unseren Köpfen spazieren tragen. Diese Grenzen kann man nicht sofort erkennen und trotzdem sind sie viel gefährlicher als die, die uns zum Halt an Schranken und Schlagbäume zwingen.

Innere Grenzen „begrenzen“ uns wortwörtlich. Es ist immer gut, sich damit auseinander zu setzen.

Warum?

* Weil wir selten Neues über uns lernen, wenn wir in unseren eigenen Komfortzonen stecken bleiben.
Ängstlich, vorsichtig, bequem.
* Weil es gefährlich ist, die Grenze als feindliche Abgrenzung zu sehen. Gut und Böse. Wer ist gut, wer böse?
* Weil es bösartig und gemein ist, innerhalb dieser inneren Grenzen zu meinen, man sei normal. Die anderen sind die, die „anders“ sind, wir doch nicht! Damit hat man quasi das Recht, diese „Anderen“ zu mobben, zu kränken und zu demütigen. Wir schaffen die Grenze höchstpersönlich:
ich bin drin und du bleibst draußen. Basta.
Ausgrenzung ist in vielen Fällen nicht nur widerlich und asozial, sie kann Menschen krank machen, im schlimmsten Fall sogar in den Selbstmord treiben.

Wenn ein Mensch innerhalb einer falsch definierten Grenze selbstherrlich und arrogant agiert – einfach, weil er es kann, weil er Brutalität in seinem Geltungsbereich völlig in Ordnung findet und Menschen schindet statt sie zu beschützen, wie es eigentlich sein Job wäre, dann geschehen solche Tragödien wie die des Todes von George Floyd.
Ein 46 Jahre alter Afroamerikaner, grundlos ermordet bei einem Polizeieinsatz am 25. Mai 2020 von einem „normalen weißen Polizisten“. Normal? Wohl kaum. Er ist ein Mörder.

Seither gehen die Menschen auf die Straße. Auf der ganzen Welt. Meistens friedlich, oft führt der angestaute Hass, den unfaire, herrschsüchtig-dominante Behandlung ohne eine Chance auf Wiedergutmachung, Hilfe und Unterstützung nun einmal nach sich zeigt, aber auch zu Gewalt.
Rassismus ist die schlimmste Ausgrenzung, die es geben kann. Und es gibt sie überall. Ich glaube, wir werden in den kommenden Wochen noch oft darüber staunen, welche Geschichten jetzt an die Öffentlichkeit dringen werden; Wir werden angewidert darüber staunen, denn ähnlich wie bei der „me too“ Bewegung, die sexuelle Übergriffe öffentlich werden ließ, können wir schon erahnen, was nun an die Oberfläche schwappen wird.

Und es reicht tatsächlich. Es ist wirklich an der Zeit, Grenzen zu öffnen, ganz besonders die inneren! Jeder kann mitmachen. Wie beim „stay home, stay safe“ könnte jeder und jeder von uns „stay friendly, stay safe“ sagen – und entsprechend handeln. Wir sind schließlich alle „Fremde“ in anderen Ländern außer dem Heimatland. Im Urlaub, in den wir ja bald alle wieder reisen dürfen, wird es übrigens auch so sein. Da sind wir „Fremde“. Alle. Fremdsein fängt gleich hinter der Grenze an, Anderssein zu verurteilen, gleich hinter der eigenen Stirn.

Ich würde es wirklich begrüßen, wenn die menschliche Gesellschaft endlich mehr Respekt zeigen würde: vor dem Leben aller Mit-Menschen, aller Tiere und Pflanzen, der Natur. Wenn wir alle gemeinsam den Lockdown geschafft haben, warum sollten wir das nicht auch schaffen?
Wann also öffnen wir unsere inneren Grenzen? Damit müssen wir nicht bis zur nächsten Woche warten …. Lasst uns doch gleich damit anfangen! Auf einen Impfstoff, der gegen die Verursacher der inneren Grenzen wirkt, müssen wir nicht warten, der wird nie gefunden werden. Das, was neben Respekt vielleicht noch am besten helfen könnte, wäre vielleicht eine gute Portion Selbsterkenntnis gepaart mit Reflexionsfähigkeit. (Definition: Selbsterkenntnis ist die Erkenntnis einer Person über das eigene Selbst. Selbsterkenntnis ist eng verwandt mit Selbstreflexion, dem Nachdenken über sich selbst (Selbstbeobachtung), und der Selbstkritik, dem kritischen Hinterfragen und Beurteilen des eigenen Denkens, der eigenen Standpunkte und Handlungen).

Also: „stay friendly, stay safe”!
Schöne respektvolle Woche noch.