Eine neue Dekade bricht an.
Häufig, wenn etwas Neues beginnt, heißt es Abschied nehmen von etwas Altem.
Etwas Liebgewonnenem.

Wer mich kennt, weiß, dass ich zwar ausgesprochen loyal
Menschen und Tieren gegenüber bin, aber für gewöhnlich keinerlei Probleme habe, mich von Dingen zu lösen. Ich verschenke gerne, trage mit Freude schöne, aber unbrauchbar oder in zu großer Zahl im Haushalt auftretende Dinge in die Sozialkaufhäuser der Stadt, miste gerne aus und schmeiße auch weg, wenn es gar nicht mehr anders geht.

In einem einzigen Fall in meinem Haushalt, da sieht das anders aus. Ganz, ganz, ganz anders!
Hier droht der elementare, unwiederbringliche Verlust der besonders schmerzlichen Art.
Ich fürchte, es ist ernst.
Und es ist lächerlich, aber es droht nichts geringeres als das Ableben eines Gegenstandes, der mich wirklich schon beinahe mein ganzes Leben begleitet. Ich habe ihn nämlich gefunden, als ich fünf Jahre alt war. Fünf Jahre !!!!
Ich entdeckte ihn im Sperrmüll meiner Heimatstadt Wolfenbüttel, als ich noch ein wenig unsicher auf dem Kinderfahrrad fuhr (zu einer Zeit, als das noch möglich war, dass kleine sommersprossige Mädchen alleine und unsicher und natürlich ohne Helm mit dem Rädchen durch die Straßen fahren konnten).

Mein Großonkel Siegfried, der alles repariert hat, was nur möglich war – ein früher Nachhaltiger sozusagen- , hat ihn damals geputzt und wieder flott gemacht. Onkelchen Siegfried war Zahnarzt und als solcher sehr geschickt. Er hasste Verschwendung und setzte Dinge, die man noch gebrauchen konnte, auch schonmal auf artfremden Terrain ein. Hinterher kam dann manchmal der Kurs im Wundern – so etwa, als er die Scheinwerfer seines schlüpferblauen Peugeot nach dem Wechsel der kaputten Glühbirnen mit abgelaufenem Zahnzement wieder festgeklebt hatte. Der war halt drüber, der Zement, aber zu schade zum Wegwerfen und hielt auch länger als die neuen Glühbirnen in den Scheinwerfern …. aber jedenfalls hatte Onkel Siegfried mich verstanden.

Worüber wir hier reden? Ja, äh, nun gut, irgendwann muss ich es ja mal beim Namen nennen. O.k. Also jetzt:
Wir reden über meinen Toaster.

Jetzt ist es raus.

Doch, ehrlich, es geht um meinen alten Toaster! 53 Jahre hat er mein Leben begleitet, alle Höhen und Tiefen mitgemacht und viele von Euch würden ihn als solchen gar nicht erkennen, geschweige denn wissen, wie er zu bedienen ist. Ich aber, ich kenne jedes seiner Glühfädchen als hätte ich es selbst gewoben!
Da hüpft kein Schnittchen automatisch aus geraden Schlitzen hoch in die Luft, oh nein! Da muss sensibel per Hand die Scheibe Brot gewendet werden, da kommt es auf den richten Moment und den richtigen Schwung an. Dann fluppt das.
Eine Diva war er, mein Toaster. Wie viele Toastbrotscheiben sind darin umgekommen, weil ich es wagte, mich anderen Dingen zuzuwenden. So etwas verzieh er nicht, der Retro-Toaster. Er war schnell und effizient und genau das ist er seit heute nicht mehr.

Er ist langsam geworden!!!!!

Über Nacht. Ich ahne, was das zu bedeuten hat. Adieu mon amour … il est mort. … Die neue Dekade muss ohne meinen Klapptoaster auskommen, ich bin noch immer ganz fassungslos. Aber ich muss der Realität ins Auge blicken. Ob ich will oder nicht. Mein ahnungsloser Ehemann meinte noch vor wenigen Tagen, ob er nicht mal ein neues Gerät anschaffen sollte. EIN NEUES GERÄT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Da hatte er doch noch einwandfrei funktioniert, mein alter Toaster. Nun aber, nun sieht alles ganz anders aus, vielleicht hat ihm diese empathielose Frage meines Gatten den Rest gegeben. Nach all den Jahren …. Time to say good-bye.
Das ist hart. Was hätte nur Onkelchen in meiner Lage unternommen? Aber Moment mal, da fällt mir was ein, warum sollte er nicht stromlos auf meinem Schreibtisch zu Ehren kommen? Als beidseitiger Ansichtskarten- oder Notizzettel- oder sogar Smartphone-Halter … ja aber, das ist doch ganz grandios. Artfremdes Terrain, aber beste Lösung, nachhaltig in jedem Fall. Wie Onkel Siegfried in seinen besten Zeiten!
Er wäre stolz auf mich.

In diesem Sinne: Schöne kreativ-nachhaltige Woche noch!