Aus gegebenem Virus-Anlass habe ich beschlossen, mich in der heutigen Kolumne mal mit dem Thema Angst zu beschäftigen. Ein Exkurs aus persönlicher Psychosicht, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

Angst gehört zunächst einmal zu unseren fünf sogenannten Grundgefühlen. Die anderen sind übrigens Wut, Trauer, Scham und Freude.
Dabei ist Angst als solche nichts anderes als ein durchaus lebenserhaltendes Gefühl, das sich in bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis (oder Schlimmerem) äußert. Wenn Angst sprechen könnte, würde sie sagen „Pass auf, das hier ist zum Fürchten fürchterlich.“ Kein anderes Gefühl hat uns so im Griff, kann uns derart steuern wie ausgerechnet Angst – und das kann uns ganz schön zum Verhängnis werden. Die Diva Angst kann nämlich herrlich übertreiben, hält wenig von Realismus, liebt dagegen Fantasie und sorgenvolle innere Bilder, gerne mit Katastrophenidee gespickt. Sie kann uns vollkommen vereinnahmen und uns regelrecht in unserer eigenen „Komfortzone“ gefangen halten.
Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen wie etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein.
(Krankhaft übersteigerte Angst wird als Angststörung bezeichnet, um die es hier allerdings nicht gehen soll). Evolutionsgeschichtlich hat die Angst eine wichtige Funktion: sie schärft die Sinne und aktiviert in Sekundenschnell unsere Körperkraft, was ein unglaublich großartiger Schutz- und Überlebensmechanismus ist, der in tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten (Fight-or-Flight, Kämpfen oder Flüchten) einleitet. So weit so gut.

Es gibt aber noch einen weiteren interessanten Aspekt, den ich bei PSYLEX gefunden habe, schaut doch mal hier:

„Angst vor Dingen, die sich nähern“ … ist normal!

In unserem langen Kampf ums Überleben, haben wir Menschen gelernt, dass Dinge, die auf uns zukommen eine Bedrohung darstellen (können). Das macht(e) Sinn, denn ein Löwe, der sich nähert, ist sicherlich eine größere Bedrohung als einer, der sich entfernt.
Obwohl wir modernen Menschen nicht wirklich solche Gefahren fürchten, spielen sie in unserem Alltagsleben immer noch eine große Rolle. Laut Christopher K. Hsee von der University of Chicago haben wir immer noch negative Gefühle hinsichtlich Dingen, die sich uns nähern – auch wenn sie objektiv nicht bedrohlich sind.
„Um zu überleben, haben wir Menschen im Laufe der Evolution gelernt, uns vor Tieren, anderen Menschen und Objekten zu schützen, die uns nahe kommen“, erklärt Hsee.
„Dies gilt für Dinge, die uns physisch näher kommen, aber auch für Ereignisse, die sich zeitlich nähern oder mit der Wahrscheinlichkeit zunehmen.“

Das nennt man Annäherungsvermeidung.

In ihrer Studie „Approach Aversion: Negative Hedonic Reactions Toward Approaching Stimuli“ (etwa: Annäherungsvermeidung: Negative hedonistische Reaktionen gegenüber sich nähernden Stimuli) – vor kurzem in der Zeitschrift Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht – legen die Autoren nahe, dass die Angst der „Annäherungsvermeidung“ tatsächlich ein angeborenes Verhalten sei.

„Annäherungsvermeidung ist eine generelle Tendenz, die wir Menschen in der heutigen Zeit nicht adäquat einzusetzen in der Lage sind: wir scheinen Probleme zu haben, zu unterscheiden, wann sie sinnvoll eingesetzt werden soll und wann nicht“, sagte Hsee und fügt hinzu: „Menschen tendieren dazu, sich nähernde Dinge und sich abzeichnende Ereignisse zu fürchten, selbst wenn sie objektiv nicht furchteinflössend zu sein brauchen“.
© PSYLEX.de – Quellenangabe: Journal of Personality and Social Psychology, University of Chicago, Juni 2014

So – und nun übertragen wir das mal auf die aktuelle Lage:

Es gibt einen neuen Feind, der unsere globale Gesundheit bedroht. Es ist ein Virus und es ist verbunden mit einem sich abzeichnenden Ereignis: es verbreitet sich auf der Welt, kommt also auf uns zu.

Wenn nun unser Gesundheitsminister und Obermedizin-häuptling Herr Spahn als ausgebildeter Banker diesbezüglich eine Annäherungsvermeidung haben sollte (so wie wir ja alle), also aus medizinischer Sicht nicht abschätzen kann, WAS da im Falle dieses neuen Virus auf uns REALISTISCH zukommt, löst das Furcht aus (nicht nur bei ihm).
(Diese Furcht kann man an seiner Körpersprache übrigens herrlich ablesen, auch wenn er ganz andere Dinge sagt, sein Körper spricht irgendwie eine andere Sprache und der lügt nicht, Leute, er hat selber Angst, wovor auch immer).

In zweiter Instanz erklärt der Mechanismus der falsch eingesetzten Annäherungsvermeidung übrigens auch diese horrenden Beraterhonorare, die in unserem Lande auf politischer Ebene notwendig werden:
Wenn ich keine Ahnung von etwas habe, fürchte ich mich, wenn „ETWAS“ auf mich zukommt, logisch, oder? Da ich meinen schönen Job mit den hohen Diäten ja nun nicht aufgeben will, muss ich was tun gegen meine Angst, denn selbst wenn die Dinge objektiv nicht furchteinflößend sind, ich kann das ja gar nicht einschätzen. Eigentlich bin ich zwar eine Fehlbesetzung auf meinem Sessel, aber weil ich mir von vielen teuer eingekauften Fachleuten erklären lasse, was wirklich los ist, fällt das niemandem aus dem Volk auf.
Zack – das beruhigt doch alle und war ganz einfach! Hat ja nur den Steuerzahler ein paar Milliarden gekostet, nicht so schlimm, dafür können die einfachen Leutchen dann ein paar Jährchen länger arbeiten gehen …).

Interessanter Aspekt, diese Annäherungsvermeidung, oder?

Habe ich persönlich selber Angst? Ja.
Denn leider bleibt es voraussichtlich spahnend …

Schöne gesunde Woche noch und verlernt das Lachen nicht – das tut dem Immunsystem gut!