Kathrin Reitz schreibt

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Kategorie: Lesehäppchen

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 09. Juni2019

Diese Woche war pickepacke voll mit lauter schönen Dingen, die mich bei aller Freude trotzdem erschöpft haben. Das passiert in meinem Alter schneller als früher. Leider. Mein ehemaliger Professor für Arbeitspsychologie hat übrigens schon während meines Studiums mehrfach erwähnt, dass es dem Körper herzlich egal sei, ob wir nun Eu- oder Disstress erleben würden. Einzig die gedankliche Bewertung sei es, die uns den Stress positiv oder negativ erleben lasse, körperlich spielten sich exakt die gleichen Prozesse ab und nach jeglicher Form von Stress benötige unser System anschließend eine Pause. Im Alter werde das im Übrigen noch wichtiger als in jungen Jahren, denn die Regenerationszeit werde länger. Dä. Am Dienstagabend forderte meine in die Jahre gekommene Körper-Geist-Seele-Einheit also nun genau solch eine Pause und ich landete entsprechend folgsam vor dem Fernseher. Sich selber zu verärgern bringt außer Falten und Psychosomatik gar nix, das habe ich seit geraumer Weile begriffen und höre mittlerweile auf die Bedürfnisse meines Systems. Mein rumänisches Kuschelhündchen landete mit zehnsekündiger Verspätung eiligst neben mir, das zweite Fellwesen ging zu meinen Füßen in Hab-Acht-Stellung, denn Herrchen hatte noch einen späten Termin, da wollte man sich vorsichtshalber eine gute Startposition sichern, um als erster an der Tür zu sein, wenn diese sich öffnen würde. Was verabredungsgemäß in Kürze zu erwarten war.

Unsere Hunde wissen, wann wir nach Hause kommen.

Wir erzählen es ihnen immer, auch wenn sich dabei jedem Hundetrainer die Haare zu Berge stellen würden, egal. Ein Hund im Hause Reitz wird über den Programmablauf des Tages informiert. Manchmal sogar mehrfach, weil wir vergessen haben, dass wir es schon erzählt haben. Passiert auch immer öfter im Prozess des Älterwerdens. Egal, zurück zum Fernsehabend. Wo war ich noch? Ach ja …

Auf VOX läuft am Dienstag schon seit einigen Wochen die Sendung „Sing mein Song das Tauschkonzert“, eine Musiksendung, in der die Teilnehmer die Songs des jeweiligen Künstlers singen, dem der Abend gewidmet ist. Ich mag dieses Format, an jenem Abend war der belgische Singer-Songwriter Milo dran, schöne Stimme, tolle Hits. Alle Zeichen standen auf gemütlich-entspannendem Fernsehabend. Bestens. Musik ist perfekt zum Abschalten und erfreut das Seelchen. Herrlich! Ein Gläschen Wein, etwas Wasser, ein wenig zum Knabbern, alles vorbereitet. Vorauf ich allerdings definitiv nicht vorbereitet war, war die Tatsache, dass mich ausgerechnet Michael Patrick Kelly vollkommen umhauen würde. Jener begabte Musiker mit einer fantastischen Stimme, dem ich früher als Mitglied der Kelly Familie nicht gerade auf social-media „gefolgt“ wäre (hätte es das damals schon gegeben), erwischte mich an diesem Abend, verpasste mir eine volle Gefühlsbreitseite. Das passierte, als er zunächst einen Song von Milo anmoderierte und später derart gefühlvoll sang, dass es mich einfach „ emotional geflasht“ hat. Thema des Songs: Das „unwiederbringliche zu-spät-kommen“ im Leben. Hintergrund: Milo hatte eine E-Mail einer jungen Frau bekommen, die ihn darum bat, ein Mini-Privat-Konzert für ihre schwerkranke Freundin im Krankenhaus zu spielen. Und er wollte hingehen, wollte ihr diese Freude zu machen, einfach so, gerne sogar, war fest entschlossen. Es war nur noch dies und das zu erledigen. Als er zwei Tage später mit jener jungen Frau telefonierte, um einen Termin für den Besuch abzusprechen, meinte diese: „Zu spät. Meine Freundin ist tot“.

Das abgrundtiefe, unfassbare Gefühl, das daraufhin erlebte, hat ihn zu dem Song motiviert. Er durchlebte dieses Gefühl zweimal in seinem Leben –einmal bei der traurigen Geschichte mit der jungem Frau und dann noch einmal, ausgerechnet beim Tod des eigenen Vaters, der plötzlich und viel zu früh an einem Herzinfarkt verstarb, aus dem Leben gerissen wurde. Er hat sich nicht verabschieden können. Zu spät. Nie hat er seinem Papa gesagt, dass er ihn liebt. Zu spät. Wie grausam das Leben doch sein kann.

Zu spät.

Zwei Wörter, in denen die geballte Wucht des Schicksals stecken kann. Obwohl ich das unfassbare Glück gehabt habe, mich von all meinen Lieben verabschieden zu können, bevor sie von dieser Welt gegangen sind, habe ich nur noch weinen können. Auch wenn ich nicht genau DAS erlebt habe, worüber Michal Patrick Kelly da gesungen hat (Danke, seither bin ich ein großer Fan geworden!!!), so gibt  es natürlich andere Dinge, dir mir im Nachhinein leidtun, die ich bereue, die ich im rückblickend gerne anders gestaltet hätte. Mittlerweile bin ich mit diesen Episoden versöhnt, es gibt einfach kein Leben ohne Bedauern. Wir müssen mit den Konsequenzen unseres Verhaltens umgehen, egal ob nun gewollt oder komplett unabsichtlich geschehen. Das Verhalten eines Menschen hat eine Wirkung auf einen anderen oder auf mehrere andere. Immer, so einfach ist das. Weder lässt sich alles entschuldigen noch rückgängig machen. Auch wenn ich etwas NICHT tue, hat das eine Auswirkung. Wie schwer muss solch ein „zu-spät-Erlebnispaket“ auf der Seele lasten und wie leicht könnte es jeden von uns treffen. Irgendwie gehen wir ja alle stilschweigend davon aus, dass es ein „morgen“ gibt. Morgen sage ich es, stelle es richtig, entschuldige ich mich. Morgen besuche ich die Oma, Tante, Mutter, den Vater, Opa oder Onkel. Später. Bald, demnächst, zu Weihnachten oder am Geburtstag. Vielleicht zu spät.

Muss denn das so sein? Eigentlich nicht, denn wir können uns auch dazu entscheiden, nichts schuldig zu bleiben und rechtzeitig zu sagen, was wir sagen möchten: Ich hab dich lieb, du bedeutest mir viel, schön, dass du da bist. Wir können rechtzeitig all jene besuchen, die uns wichtig sind. Wir können im Frieden miteinander sein und auseinander gehen. Jetzt. In der Zeit. Rechtzeitig. Dieser Dienstagabend war ein Wechselbad der Gefühle, ein Moment prallen realen Lebens, pures, emotionales Glück voller Tiefe und unerwartet schmerzlicher Erinnerung. Ein Grund zum Feiern und genau das sollten wir eigentlich an jedem einzelnen Tag unseres Lebens tun: Feiern wir das Leben, egal wie und egal wo, jede Facette. Irgendwann ist es vielleicht sonst wirklich „zu spät.“ Ich wünsche uns allen eine besonders herzliche Pfingst-Woche voller berührender Erlebnisse.

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 02. Juni 2019

Endlich! Der Juni ist da, der erste jener lang ersehnten Sommermonate. Juni, das bedeutet üppige Rosenblüte, leuchtend bunte Pracht im Blumenbeet und Gemüse satt aus dem eigenen Garten. Eigentlich, denn trotz drohender Ankündigungen, dieser Sommer werde der zweite verheerende Hitzesommer nach jenem aus dem Vorjahr, es könne noch schlimmer werden und so weiter und so fort, war es bisher kalt und nass. Amtlich gesehen war der Mai 2019 sogar der drittkälteste Mai seit 30 Jahren in der Region Aachen. Steht gerade heute in der Zeitung. Dä! Meine Blumen sind entsprechend beleidigt, blühen „Size-zero-dürre“ und auch nicht so bunt wie sonst. Wenn ich an ihnen vorüber schlendere, habe ich das Gefühl, sie drehen die Köpfe zur Seite. Ich kann doch auch nichts dafür!!! Gärtnerin zu sein ist immer wieder ein Trainingslager für die eigene Frustrationstoleranz. Aber nicht nur die schmallippigen Blumenblüten sind schwer zu ertragen, nein, besonders hart hat mich in diesem Frühjahr ein ganz anderer Rückschlag getroffen. Liebevoll hatte ich nämlich kleine Tomatenpflänzchen vorgezogen, sie gehegt und gepäppelt und kaum das sie ein paar Zentimeter gewachsen waren, in größere Töpfe gesetzt, die auf dem Boden im Gewächshaus standen. Tags drauf schlich ich schon morgens früh hinein um zu sehen, ob es allen gut geht. Noch immer spüre ich den Schock, der mir bei diesem Anblick direkt und ohne Umwege in die Glieder gefahren ist. Als ich mein kleines Gewächshaus betrat und auf die Töpfe blickte, war na nämlich:

Nix. Da war nix. Rein gar nix. Nur noch Erde.  

Ich bin vorsichtshalber nochmal rausgegangen aus dem Gewächshaus und dann wieder rein. Die Lage blieb unverändert. Ernst. Alle Setzlinge weg. ALLE.

Leise meinte ich, die üppige Mäusepopulation kichern zu hören, die sich rings um unser Haus vermehrt hat, was mir durch das emsigen Schnüffeln der Hunde schon aufgefallen war und in der Dämmerung hatte ich die ein oder andere sogar flitzen sehen. Niedlich, diese Tierchen, hatte ich immer gedacht. Aber da klang Häme aus den Ritzen! Was für ein Glück, dass ich gegen Chemieeinsatz im Garten bin und Mäuse mag. EIGENTLICH. Aber das geht doch zu weit! Ich kann sie ja verstehen, Bio-Setzlinge sind sicher super lecker, Finger Food für flinke Mäusepfötchen. Aber EINEN hätten sie mir doch wenigstens übrig lassen können, oder?

Wenigstens habe ich noch die andere Sorte Tomaten, die ein bisschen zu spät dran war und deswegen noch nicht umgetopft wurde und nun milde vom metallenen Gewächshaustisch lächelt, der offenbar so etwas wie die Eiger-Nordwand für Mäuse ist. Unbezwingbar. Tja, es ist wohl so – nicht immer bestraft einen das Leben, wenn man zu spät dran ist …. Manchmal rettet es offenbar das eigene Dasein, zumindest im Land der Nachtschattengewächse.

Na dann; schönen Sommer noch. Vielleicht ist der auch bloß spät dran und lebt dann lange bis in den Herbst hinein …. Schön wär es ja schon!

30. Mai 2019. Christi Himmelfahrt. Vatertag

Für Papa und für alle Väter auf Erden und im Himmel

Heute ist ein Feiertag. Solche Tage beginnen meistens mit jener strahlenden Ruhe, die ein Alltagstag nicht zu bieten hat. Normalen Tagen kann man schon früh die beginnende Geschäftigkeit der kommenden Aufgaben anhören. Das Rauschen des Berufsverkehrs übertönt das der Blätter an den Bäumen, statt Vogelstimmen zwitschern Smartphonetöne.

Heute ist anders.

Feiertage können sich herausnehmen, langsam und still zu starten, äußerlich und innerlich. Das sind die Tage, an denen man nach innen hören kann. In mir klingt heute innerlich ein bisschen Melancholie. Heute ist ein persönlicher Tag für mich, neben der Bedeutung des kirchlichen Feiertages hat er für mich schon immer eine besondere Bedeutung gehabt, jener 30igste Mai.

Mein Leben lang.

Der 30 Mai ist der Tag, an dem mein Papa Geburtstag gefeiert hat.

Seit 9 Jahren kann ich an diesem Tag nur noch an ihn denken, an seine wundervollen Seiten und auch an die schwierigen, über die ich heute oft liebevoll lachen kann. Vor 9 Jahren, als er friedlich von dieser Welt gegangen ist, hat er alles mit genommen in den Himmel. Seine Persönlichkeit und seine Seele.

Das Wichtigste aber, das durfte ich behalten. Im Herzen und in meiner Seele:

Die Erinnerung daran, geliebt zu werden.

Für immer Danke Papa.

Pilates ü50 – oder: Fit für die kommenden Lebenskapitel


Pilates ist für mich eine wirkliche Lebensleidenschaft geworden, auch wenn ich es nicht „dogmatisch“ sehen und betreiben möchte. Die Ideen von Joseph Pilates, dem Begründers dieser ganzheitlichen Gymnastikmethode, sind auch heute noch „in“ und irgendwie nie aus der Mode gekommen. Er hielt körperliche Bewegung, frische Luft, gute Ernährung und Körperhygiene für wichtig, daran hat sich auch Jahrzehnte später nichts geändert.

Seit ich ernsthaft und regelmäßig Pilates mache – also erst seit 2016-, habe ICH mich allerdings verändert. Ich bin eindeutig fitter geworden, beweglicher und habe ein viel besseres Muskelgleichgewicht aufbauen können – was ich in dieser Form nicht erwartet hätte.

Ich war zwar mit „ü-50“ die älteste Teilnehmerin in der Ausbildung zum Pilates-Trainer für die Matte, aber ich glaube, dass ich mich gerade deswegen ganz still so sehr darüber freuen konnte, dass mein Körper noch immer trainierbar ist, Fortschritte zeigt und mir bei konsequentem Turnen Übungen ermöglicht, zu denen ich früher schlicht nicht in der Lage gewesen bin. Ein herrliches Gefühl!

Manchmal berührt es mich unendlich, wenn ich in den Kursen sehen, dass auch die Teilnehmer auf einmal Übungen können, die lange nicht möglich waren – und das geht wirklich in jedem Alter bei regelmäßigem Training. Und es macht auch noch Spaß!

Aus meiner Sicht macht Pilates „ganzheitlich“ fit, fit für das Heute und fit für das Morgen, für unsere kommenden Lebenskapitel, die wir auf dem Lebensweg noch schreiben wollen.

Pilates ermöglicht uns dabei auch, zur inneren Ruhe zu finden, führt Geist und Körper in eine Balance und gibt der Seele die Möglichkeit, in Harmonie zu kommen. Diese Art der Bewegung berührt und „bewegt“ – und das nicht nur in körperlicher Hinsicht.

The rhythm of the body,

the melody of the mind

and the harmony of the soul

create the symphony of life.

(B.K.S. Iyengar)

 

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