Für Diva, verstorben 9. Juli 2017

Die leise grummelnde Aufregung in ihren Därmen nahm allmählich zu. Martha strich sich zum wiederholten Male den Rock glatt, der ohnehin schon wie frisch gestärkt saß. Wenn man genau hinsah, konnte man an den Stellen, die sie so oft glatt strich, bereits leichte Abnutzungserscheinungen erkennen. Sie hatte das selber schon registriert, es aber kichernd damit abgetan, dass die Jugendlichen ihre funkelnagelneuen Jeans derzeit im topmodischen, sogenannten „used-look“ trugen, was übersetzt so viel wie „gebraucht“ bedeutete. Wer wirklich modisch sein wollte, kaufte stylische Hosen mit Löchern und Flecken, die eigens mit einem Haufen Chemie oder sogar Steinen zusammen verwaschen wurden, damit sie nur ja nicht neu aussahen. Warum sollte also ein wenig Abnutzung nicht auch ein akzeptabler Trend für Lieblingsröcke älterer Damen sein? Und außerdem liebte Martha dieses Kleidungsstück, egal wie es aussah. Dieser Rock hatte in ihrem langen Leben schon so einiges mitgemacht und war ihr alleine deswegen ans Herz gewachsen.
Wieder strich sie ihn glatt, eine Bewegung, die jedes Mal von einem zart knisternden Geräusch begleitet wurde, das ihre Hände auf dem rauen Stoff verursachten, der gegen den feinen Unterrockstoff rieb. Martha lächelte. Das Geräusch beruhigte sie. Dabei gab es noch nicht einmal etwas, was wirklich beunruhigend gewesen wäre. Sie wartete lediglich auf den Boten der Konditorei, der die Törtchen für den Kaffeeklatsch mit den Freundinnen am Nachmittag bringen sollte. Aber es war dreizehn Uhr durch und Martha war müde.
Wenn sie müde war, wurde sie schnell nervös. Immer.
Sie pflegte nach dem Essen gerne etwas zu ruhen und eigentlich war es soweit.
Richtigerweise musste sie zugeben, es war genau jetzt Zeit für den Mittagsschlaf.
Jetzt.
Und keine Spur vom Konditoreiboten. Glattstreichen. Knistern. Beruhigender tiefer Atemzug.

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