Kathrin Reitz schreibt

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Kategorie: Gedanken zum Tag Seite 1 von 2

Gedanken zum Tag 04.03.2019

Hallo Tag,

es ist Zeit, dass ich mir mal wieder ein paar Gedanken mache. Ich habe viele deiner Tages-Kollegen ziehen lassen, weil ich an anderen Sachen geschrieben habe, unterwegs war oder weil ich etwas anderes zu tun hatte.

Heute ist Rosenmontag im Westen des Landes, also ein hoch heiliger Feiertag hier bei uns. Da ich nicht gebürtig aus dieser „jecken“ Gegend stamme, stehe ich dem Karneval gegenüber wie, na sagen wir es einfach ehrlich – wie ein Nordlicht ohne den dazu notwendigen kulturellen Hintergrund.

Freundliches Unverständnis.

Trotzdem hatte ich heute – und besonders gestern, als der traditionelle Kinderzug unterwegs war -, Mitleid mit all den verkleideten Menschen, die trotz Regen und Sturmböen zu den Zügen unterwegs gewesen sind. Eine beachtliche Leistung, denn das Wetter war wirklich unhöflich zu den Feiernden.

Einem Artikel im Focus habe ich mal entnommen, was Karneval eigentlich so bedeutet:

Den Karneval feiert man traditionell jedes Jahr vor der Fastenzeit, also vor Ostern. Seit dem 19. Jahrhundert beginnt er am „Elften Elften“ (dem 11. November) um 11:11 Uhr.  Der Hintergrund war ursprünglich alle Lebensmittel zu verzehren, auf die man in der Fastenzeit verzichten musste. Darauf verweist auch das Wort Fastnacht: Am Abend vor Beginn des Fastens wollte man noch einmal die Sau rauslassen.

Damit ist Karneval dann also quasi eine lange Periode des prä-Fasten-Feiern mit dem ökologischen Aspekt der Resteverwertung aller ungesunden, aber leckeren Lebensmittel auf Rheinländisch, oder?

Muss man als ehemaliges Nordlicht / Fischkopf / Muschelschupser ja wissen.

Gedanken zum Tag 16.01.2019

Hallo Tag,

heute hast du lustiges Erleben im Gepäck gehabt.  Zunächst habe ich mir morgens Gedanken darüber gemacht, wie sehr mich doch das Zusammenleben mit meinen Hunden prägt. Beim Check-up in der Arztpraxis (diese Woche ist irgendwie meine Arztwoche mit allen möglichen Untersuchungen) stellte der nette Internist fest, dass meine Impfungen dran sind. Das verstehe ich. Die letzten Impfungen hatte ich als Jugendliche und einen Impfausweis besitze ich nicht mehr. Das ist also lange her, quasi jahrzehntelang verjährt. Also meinte ich -ganz ernst- Tollwut würde ich jetzt gleich machen lassen, das sei ja wichtig.

Der Internist legte darauf den Kopf leicht schief, betrachtete mich eine Weile wie einen verwirrten Alien und meinte, dass man Tollwut in Deutschland schon lange nicht mehr impfen würde.

Kam mir erstmal spanisch vor.

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Gedanken zum Tag 15.01.2019

Hallo Tag,

gerade bin ich auf eine neue Titelzeile samt Artikel in den online-Nachrichten gestoßen, über die ich mir an dieser Stelle Gedanken machen möchte:

Viele Menschen benötigen im Alter Schuhe in einer anderen Größe 

Füße verändern sich im Alter. Deshalb müssen sich Senioren oftmals Schuhe in einer anderen Größe zulegen. Viele Senioren bekommen mit dem Alter eine neue Schuhgröße. Denn Sehnen und Bänder verlieren mit der Zeit an Spannung, heißt es in der Zeitschrift „Neue Apotheken Illustrierte“ (Ausgabe 15. Januar 2019) der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Dadurch verflacht der Fuß und verlängert sich. Die Folge: Schuhe müssen plötzlich eine halbe oder eine ganze Nummer größer sein als vorher.

Okay, wir alle im „ü50“ Bereich haben diese Sache mit dem Verlieren von Spannung schon bemerkt. Überall am Körper. Aber mal ehrlich: Ist das jetzt eine Titelzeile wert?

Als Optimistin freue ich mich darüber, dass wir als Seniorinnen nun einen offiziellen Grund haben, um öfter und mit bestem Gewissen neue Schuhe kaufen zu dürfen.

Ich hätte da nur eine klitzekleine Bitte an die Hersteller dieser Schuhe für unsere ent-spannten Seniorenfüße:

Wir sind zwar „gereift“, also älter, möchten aber am Fuß in keinem Fall alt-modisch aussehen! Also bitte, geht das auch in hübsch?

Bitte, Bitte, Bitte!

 

 

Gedanken zum Tag 14.01.2019

Hallo Tag,

was mich heute beschäftigt, sind Gedanken zu der Zeit.

Gestern hatte ich noch so viel Angst vor meinem Zahnarzttermin. Heute ist der schon vorüber und ich wundere mich ein bisschen darüber, wo der Tag geblieben ist. Einfach vorübergezogen ist er und schon wieder ist es Abend geworden. Angenehme dunkle Stille draußen, drinnen beleuchtet von Lampen und Kerzenschein.

Wo bleibt wohl die Zeit, wenn sie vorübergegangen ist? Wandert sie in ein großes Archiv und sammelt dort unser Erleben? Fließt sie einfach davon, auf nimmer Wiedersehen? Wird es vielleicht doch irgendwann möglich sein, durch die Zeit zu reisen und finden wir dann unsere vergangenen Zeiten wieder?

Zeit hat ihre eigenen Regeln, das haben wir alle schon einmal erlebt.

Manchmal rennt sie, manchmal fließt sie zäh, dann wieder leicht dahin, bei unangenehmen Ereignissen ist man froh, wenn die Zeit vorbei ist und manchmal kann man kaum abwarten, bis die Zeit vergangen ist, damit man das Schöne, auf das man sich so sehr gefreut hat, endlich erleben kann.

Eine Stunde ist immer eine Stunde lang, aber das stimmt nur wenn man den Zeiger auf einer Uhr betrachtet. Eine Stunde in unserer Lebenszeit ist immer so lang und so intensiv, wie die Gefühle, das wir in ihr erleben.

 

 

Die Zeit ist selbst ein Element.
Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Gedanken zum Tag 13.01.2019

Hallo Tag,

jetzt ist es schon wieder Abend und es hat heute nicht aufgehört zu regnen! Dabei bist du ein Sonntag gewesen, aber mit Sonne hattest du leider so überhaupt gar nichts zu tun. Jetzt stürmt es auch noch, schönes Wetter ist wirklich etwas anders. Irgendwie hat es mich aber heute nicht gestört, denn ich liege ein bisschen auf der Lauer. In Wartestellung mit leicht ängstlich angelegten Ohren, bin angespannt konzentriert in Erwartung auf den kommenden Morgen.

Warum?

Morgen früh um 8.20 Uhr habe ich einen Zahnarzttermin. Je näher der kommt, desto unruhiger werde ich. Zwei Krönchen müssen neu gerichtet werden, wahrscheinlich nur totale Routine für die Ärztin und ihr Team, es gibt schlimmeres, viel schlimmeres.

Okay, das weiß ich auch.

Ich bin aber leider seit meiner Kindheit ein wenig zahnarztphobisch geworden. Mein Großonkel Siegfried war nämlich auch Zahnarzt, klar dass der mich auch behandelt hat. Er war ein mutiger Mann und sicher auch ein guter Arzt. Das Problem in unserem kleinen Ort im Harzvorland war aber, dass sich dort in die Nähe der ehemaligen Zonengrenze zur DDR auch hin und wieder Menschen aus Russland verirrt haben. Und es hat sich schnell rumgesprochen, dass dieser mutige Zahnarzt die schmerzunempfindlichen Russen sehr gut behandelt hat.

Kleine Mädchen sind aber anders als erwachsene Russen, das hat er dann nicht wirklich auf dem Schirm gehabt. Betäubungsspritzen waren out, durchhalten in, auch wenn Löcher bis auf den Nerv gebohrt werden mussten.

Was habe ich da immer für eine Angst ausgestanden!

Meine Mutter, die auch nicht so wehleidig in Sachen Zahnbehandlung gewesen ist wie ich es bin, hat immer ganz tief in die psychologische Trickkiste gegriffen und für die tapfer durchlittene Sitzung auf Onkelchens Behandlungsstuhl einen anschließenden Besuch im schönsten Spielwarenladen des Ortes in Aussicht gestellt. Dort durfte ich mir immer nach dem Zahnarztbesuch etwas aussuchen und das war wirklich etwas besonders, denn so üppig war das Geld in meiner Familie nicht und der schöne Laden hatte saftige Preise.

Der Laden war ein Kindertraum, ein Paradies.

Eine Eingangstür empfing uns schon mit einer melodiösen Klingel, die pures Kinderglück versprach, ein hölzerner Tresen, in den vorne ein paar Regale hinter Glas eingelassen waren, die voll mit Tier- und Spielfiguren standen empfing uns sofort nach dem Eintreten. Überall aus den vollgestopften Regalen, Körben und Kinderwagen lachten Puppen und Stofftiere. Kasperle und Schaukelpferde schauten auf die kleine Kundschaft herab und schienen uns beinahe zu zuwinken.

In diesem Laden wohnte außerdem ein ganz besonderer Duft, es roch immer ein bisschen süßlich, nach Zuckerwatte und Vanille, aber auch herb nach Holz, Lack und nagelneuem Spielzeug. So riecht Kinderglück mit einer Portion Vorfreude, ganz pur und rein. Das Versprechen auf Spaß lag an diesem Ort in der Luft.

Dorthin durfte ich also gehen, wenn ich mit zittrigen Beinchen endlich aus der Praxis von Onkel Siegfried entlassen wurde und es war immer eine wirklich tiefe Freude. Mami wusste schon, warum wir da sonst nie hingehen durften. So hatte der gruselige Zahnarztbesuch hinterher immer auch eine einzigartige, pralle Freude im Gepäck.

Vielleich sollte ich mir auch mal überlegen, was ich morgen, wenn ich die neuen Krönchen im Mund habe, machen könnte … das wäre doch eine gute Idee.

Gedanken zum Tag 12.01.2019

Hallo Tag,

heute habe ich mich gefragt: Wo kann man eigentlich Wunder bestellen?

Ob es wohl so eine Art kosmisches Amazon im Universum gibt? Vielleicht hinter den Sternen, irgendwo in der Milchstraße oder auf dem Mond?

Ja, ich glaube, am ehesten würde sich der Mond eignen, der beeinflusst uns hier auf der Erde ja ohnehin ganz schön. Außerdem ist er nicht so fürchterlich weit weg und von dort könnten die Bestellungen ins Universum weiter gegeben und fertiggemacht werden, ehe sie zu uns geschickt werden, per kosmischem DHL: Direkter Hell-leuchtender-Lichtstrahl-Transport, Express für dringend benötigte Wunder, einfache Zustellung für die normale Wunderlieferung.

Das wäre doch klasse, dann könnte jeder dort für sich und jene Wesen, die ihm am Herzen liegen, kleine und größere Wunder bestellen, maßgeschneidert am besten. Geliefert immer in Vollmondnächten …

Das wär so unendlich Wunder-schön.

Vollmond.

Wunderlieferzeit.

 

Gedanken zum Tag 11.01.2019

Hallo Tag,

heute habe ich die Sonne wirklich vermisst! Obwohl ich eigentlich kein Mensch bin, der extrem wetterabhängig ist, war das tagesbestimmende grau in grau doch ein bisschen viel. Also habe ich mir Sommer in Tüten bestellt – Samentüten für meine Hochbeete. Ich habe mittlerweile zwei kleinere und ein etwas größeres und die sollen im Sommer und Herbst üppige Ernten bringen – das will vorbereitet sein, was nicht ganz so einfach ist, wie ich mir gedacht habe. Oh nein!

Ich habe angenommen, ich säe mal eben Salate, Bohnen, Erbsen, Kürbis, Kohl und Kapuzinerkresse, Tomaten, Spinat und feine Gürkchen.

Tja, nach dem Studium der einschlägigen Gärtnerhefte habe ich dann aber noch rechtzeitig gelernt, dass man längst nicht jede Pflanze neben irgendeine andere setzen kann, o nein! Und wer nach wem im Beet kommt, wenn die erste Ernte durch ist, muss auch fein durchdacht sein. Dieses Gemüse verträgt sich nicht mit jenem und ein anderes will sowieso kaum Gesellschaft, wieder andere wollen genau das und ganze Grünzeug-Familien sind regelrecht verfeindet mit anderen Sippen … zum guten Ende ist Petersilie ein echter Sonderling, mit sich selbst unverträglich, die darf man nicht an den Standort setzen, wo sie im letzten Jahr schon Wurzeln geschlagen hat.

Aha?

Ich habe nicht gewusst, dass es in der Grünzeugabteilung auf den Beeten genauso zugeht wie bei uns Menschen. Ganz lange hat doch dieses wirklich tolle Buch „Das geheime Leben der Bäume“ von Förster Peter Wohlleben die Bestseller Listen angeführt. Vielleicht sollte Schrebergärtnerin Kathrin Reitz in diesem Jahr mal nachlegen und „Die gemeinen Gefühle im Gemüsebeet“ verfassen, Untertitel „Niedertracht in Grün“, eine Art Psychothriller aus dem Beet. Mordende Nacktschnecken, alles umschlingende schnellwüchsige Ranken und boshafte Blütenbestäuber, Hass unter Pflanzenfamilien, gezielt veranlasste Käferinvasionen … ich glaube, mir würde was einfallen!

Fazit: So ein grauer Tag kann ganz schön die Fantasie anregen!

Aber bei aller Fantasie wäre es doch schön, wenn die Sonne wenigstens ab und zu mal durch die Wolken lächeln könnte. Vielleicht haben wir morgen Glück …

 

 

Gedanken zum Tag 10.01.2019

Hallo Tag,

mir ist ein bisschen übel. Gerade habe ich mein letztes „Saisongebäck“ aufgefuttert. Gute sechs dicke, mit Schokolade überzogene Elisenlebkuchen.

Herrlich waren die!

Aber auch ziemlich üppig. Halt wie Weihnachten so sein soll, duftend, lecker, voller typischer Gewürze , Mandeln und Nüsse, ein bisschen mehr von allem als sonst und auf jeden Fall mit Schokolade. Jetzt aber ist das Fest gefeiert und weil man ja weniger Essen wegwerfen soll, hab ich sie eben auch verputzt. Wär ja auch jammerschade gewesen! Bis zum kommenden Fest hätten sie sicher nicht mehr durchgehalten, was blieb mir also übrig?

Eben.

Leider bin ich mit der süßen Pracht in meinem Magen aber auch ein bisschen denk und schreibfaul. Weißt du was, Tag? Ich genieße jetzt meine satte Trägheit, du bist ein schöner und erfüllter Tag gewesen, es ist schon ziemlich spät, ich lasse dich auf dem Sofa ausklingen.

Vielleicht träume ich ein bisschen von den kommenden Festen, die in diesem Jahr anstehen.

Vielleicht.

Vielleicht auch nicht, denn eigentlich habe ich mir vorgenommen, aus jedem Tag ein Fest zu machen. Heute war ein Festtag mit Lebkuchen … mal sehen, was ich morgen zu feiern habe … mir wird schon etwas einfallen!

Gute Nacht.

Gedanken zum Tag 09.01.2019

Hallo Tag,

heute habe ich dich mit vielen Terminen in meiner Praxis dicht ausgefüllt, dazu kam Schreibtischarbeit und ein kurzer Krankenhausbesuch, am Abend habe ich mir dann aber auch noch eine Stunde „Auszeit“ gegönnt – Pilates, mein Lieblingsgymnastikprogramm. Reines Wohlfühltraining.

Es ist herrlich, wie der Körper nach einem vollen -aber zutiefst erfüllten- Arbeitstag dabei wieder wach wird, Kraft tankt, sich richtig freut und die Akkus prall voll lädt.

Körper und Geist, das gehört wirklich zusammen, ist im besten Fall eine Einheit und so hat sich das heute angefühlt: Ich habe zunächst während der Arbeitszeit tagsüber meinen Geist hochkonzentriert herausgefordert und später durch diese wohltuende Körperarbeit zu einem Gleichgewicht zurück gefunden.

Jetzt fühle ich mich wieder EINS mit mir, in Balance.

Zu diese Einheit gehört allerdings noch ein dritter Teil – die Seele. Und damit die nicht zu kurz kommt, habe ich mir in den letzten Tag angewöhnt, am Morgen und am Abend für eine kleine Mini-Seelenmediation inne zu halten und eine Art Gebet zu sprechen, mich zu verbinden mit dieser Idee einer „unsterblichen“ Seele. Das tut mir gut und „beseelt“ so das ein oder andere Erlebnis in meinem Tagesablauf regelrecht. Besonders spüre ich diese Art der Verbundenheit in der Ruhe des Abends, wenn der Tag so allmählich in die Nacht übergeht. Schön ist das, finde ich.

Richtig wohl, so gefühlsmäßig sattglücklichwohl und wonnezufrieden fühle ich mich allerdings erst, wenn meine gesamte Körper-Geist-Seele-Einheit zufrieden ist – was in meinem Fall ohne Bewegung nicht funktionieren kann.

Ich lasse mich ja nun wirklich von Herzen gerne emotional „bewegen“, berühren und auch begeistern. Körperlich aber will, muss und möchte ich mich täglich „bewegen“, in Bewegung sein und bleiben, manchmal durch Spazieren gehen, Laufen, mit den Hunden spielen, toben, Gymnastik machen oder Schwimmen, vor allem aber durch Tanzen, denn Tanz ist für mich die beseelteste Form von Bewegung, die es gibt. Mehr noch, Tanzen -auf welchem Niveau, in welcher Art auch immer-, ist Leben, ist Rhythmus, ist eine Lebensleidenschaft.

Tanzen ist elegant-kraftvolles Schweben, Springen, Hüpfen, Schwingen, Schweben und Drehen voller Leichtigkeit zwischen Himmel und Erde.

Darf ich bitten zum Tanze des Lebens?
Tanzt du als Single, tanzt du als Paar –
nie ist es vergebens,
nimmst du den Rhythmus des Lebens
mit all deinen Sinnen wahr.
© Helga Schäferling (*1957), deutsche Sozialpädagogin

Gedanken zum Tag 07.01.2019

Hallo Tag,

du hast uns heute morgen mal wieder mit Regenwetter begrüßt, aber das macht nichts. Nach dem Regen kommt immer auch irgendwann wieder die Sonne, so heißt es doch und darauf freue ich mich schon jetzt. Bis es so richtig schön wird, die Frühlingssonne sich zeigt und uns mit ihren warmen Strahlen voller bunter Lebensfreude kitzelt, bis es grün wird und draußen alles erblüht, dauert es ja sowieso noch lange. Aber immerhin, wir wissen – irgendwann kommt der Frühling!

Auch meine psychotherapeutische Arbeit hat heute nach der Weihnachtspause  begonnen und ich freue mich stets darauf, wieder in die Praxis zu gehen. Es ist sehr berührend, Menschen in den unterschiedlichsten Phasen ihrer Lebens begleiten zu dürfen, ihnen zur Seite zu stehen und gemeinsam nach Lösungen für jene Themen zu finden, die gerade wichtig sind, die anstehen auf dem Lebensweg. Das empfinde ich noch immer voller tiefer Dankbarkeit und als große Gnade und keineswegs als Selbstverständlichkeit.

Heute ging es in mehreren Sitzungen um chronische Schmerzen im Körper, die ein wirklich schweres Los sein können. Der akute Schmerz ist eine Art Wachhund für die Gesundheit, warnt uns und fordert zum sofortigen Handeln auf. Diese -an sich löbliche und lebenswichtige- Funktion hat der chronische Schmerz verloren, er ist immer da, mal mehr mal weniger stark. Er bleibt und begleitet, jeden Tag. Jede Nacht. Den Betroffenen bleibt häufig nur übrig, irgend eine Form von Umgang damit zu finden, zu akzeptieren, dass sie diesen ungebetenen Gast nicht mehr loswerden, so sehr man sich auch wünscht, er möge endlich wieder gehen, ausziehen und einen in Ruhe lassen. Er bleibt. Chronisch, für immer und das muss man akzeptieren.

Diese Akzeptanz des „Ist-Zustandes“ zu erreichen, ist unglaublich schwer.

Auf die Jahreszeiten übertragenen könnten man sich das – als ziemlich abstrakte Idee- in etwa so vorstellen, als müsste man akzeptieren, dass der Frühling nicht mehr kommt. Es bleibt nasskalter Schmuddel-Winter. Egal, was Sie tun oder lassen. Da kann man klagen, jammern, weinen, wüten. Es ändert sich nichts. Gar nichts.

Guter Rat scheint teuer, aber es ist nicht unmöglich, mit dem „Unveränderbaren“ umzugehen und sich für das eigene Leben eine dicke Portion Lebensqualität zurück zu holen.

Regenwetter zum Schöndenken? Vor meinem geistigen Auge sehe ich dabei den einzigartigen Gene Kelly in seinem magischen „Dancing in the rain“, ein Stück überirdisch schöner und überglücklicher Musikgeschichte – im Regen.

Wie aber soll das mit der Akzeptanz in der Realität funktionieren?

Ich glaube, dass die Kunst darin besteht, die MÖGLICHKEITEN zu entdecken, die verdeckt im Schatten des Leidens liegen, die warten, die klein und leise sind. Manchmal sind es regelrechte Schätze, die man erst erkennt, wenn man akzeptiert hat, was ist.

Das gilt für alle Lebensphasen, alle körperlichen oder seelischen Einschränkungen, jedes Lebensalter und jeden Menschen. Niemand hat oder kann alles, ist lebenslänglich quietschgesund und hat das große Glück gepachtet. Wir alle sind hier auf der Erde, weil wir noch etwas zu lernen, zu heilen, zu lösen haben. Was auch immer das ist …

Wir können uns als erstes fragen; Was geht nicht mehr?

Dann aber sollten wir die viel wichtigere, zweite Frage stellen: Was geht denn jetzt NOCH? Woran habe ich Freude? Was könnte mich nun ausfüllen? Was habe ich noch nicht ausprobiert? Wer könnte mit mir gehen, um etwas Neues zu erfahren?

Ich habe im Laufe der Jahre viele schwerkranke Menschen erlebt, die mich unfassbar berührt haben und die es geschafft haben, aus ihrem Leid etwas Neues entstehen zu lassen, das sie als beglückend erlebt haben, hier nur ein paar wenige Beispiele:

  • der Manager mit dem grausam lauten Ohrgeräusch etwa, das sich angehört wie Zikaden zirpen von Abertausenden der kleinen Tierchen und das ihn erst die Konzentration und dann seinen Job gekostet hat. Nach tiefer Verzweiflung hat er in der Kur begonnen zu malen – was er nie zuvor getan hat – und hat sich vorgestellt, er lebe und male mitten in der Provence, wo die Sommermusik der Zirkaden zum Lebensgefühl gehört. Nach eigenen Aussagen stören ihn die Geräusche kaum noch, er freut sich auf seine nächste Ausstellung … und plant für den Sommer einen Malkurs in der Provence! Er ist glücklich.
  • der junge Psychologenkollege, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist und mir zwei Jahre später freudestrahlend erzählt hat, dass er jetzt Rollstuhl-Marathon fährt und sogar schon mal gewonnen hat. Er trainiert nun für die Paralympics und ist glücklich.
  • Die lebenslustige, einst sportliche Frau mittleren Alters, die ihren jetzigen Ehemann spät kennen gelernt hat, MS bekommen hat, nun kaum noch gehen kann, die aber genau diese Einschränkungen akzeptieren konnte und eine so glückliche Ehe führt, dass sie aus ihrem Inneren strahlt. Jeder sieht: sie ist glücklich. Und das sagt sie auch.
  • Die junge Frau von Anfang zwanzig, die ich im letzten Jahr auf dem Kongress der DSO (Deutsche Gesellschaft für Organtransplantation) in Frankfurt kennen lernen durfte – die seit 12 (!) Jahren Herz transplantiert ist – und Leistungssportlerin ist. Sie hat einen Vortrag gehalten, bei dem wir alle geheult haben, denn sie ist dankbar – und glücklich!

Das sind nur wenige, dafür aber leuchtende Beispiele, die als Vorbilder taugen.

Wert zu schätzen, was wir haben, ist ohnehin eine Kunst und die beginnt mit den „richtigen“ Einstellungen und Gedanken. Aus einem guten Ge-danken kommt man schnell zum Dank … und ich finde, es gibt täglich eine Menge Dinge, Erlebnisse, Sinneseindrücke, für die wir dankbar sein können und es sollten. Immer, egal wie es uns geht, auch wenn es manchmal schwer fällt.

Dazu ein schöner Abschluss-Satz von Marc Aurel:

„Das Glück im Leben hängt von den guten Gedanken ab, die man hat“

 

 

 

 

 

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