Der Weihnachtsmarkt ist geöffnet, mein Zuckerkonsum nimmt dank der ersten himmlischen Plätzchen allmählich wieder ordentlich zu … Zeit für eine meiner alten Geschichten, die ich vor einigen Jahren schon geschrieben habe.

Die Mandelmännchen
Ein Weihnachtsmärchen

Es war einmal ein altes Ehepaar, das vor langer, langer Zeit, als die Erde noch dünn besiedelt war, auf einer großen sonnenverwöhnte Insel lebte. Die beiden alten Leute betrieben eine kleine Bäckerei und bewirtschafteten noch immer ihren riesigen Garten. Sie waren bescheidene und fleißige Leute und ihre Gemüsepflanzen, die Obstbäume, die Mandel- und die Olivenbäume bedankten sich für die Mühen, die sie ihnen jedes Jahr angedeihen ließen, mit einer üppigen Ernte.
In diesem besonderen Jahr nun hatten die Mandelbäume eine geradezu prächtige Ernte erbracht, schon die weißrosafarbenen Blüten hatten den Garten im Frühjahr in ein wahrhaft sinnlich duftendes Blütenmeer verwandelt und die Früchte hatten sich prall und dick wie nie zuvor entwickelt.
Nachdem das Erntedankfest gefeiert und all die Früchte eingebracht waren, zog allmählich die kühlere Jahreszeit ein und ließ das flirrende Leben des Sommers leiser werden. Die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück und bereiteten sich auf den Winter vor, der auch auf der ansonsten warmen und sonnenverwöhnten Insel kalt, ungemütlich und stürmisch sein konnte.
Die beiden Eheleute hatten nun gut zu tun, um all die Früchte zu verarbeiten und einzukellern, die Mandeln aus ihren Schalen zu lösen, die Kerne zu knacken und den köstlichen Inhalt heraus zu holen, ihn zu schneiden, zu malen oder auch zu rösten und zu Gebäck weiter zu verarbeiten. Deren Spezialität schlechthin aber, die sie aus den Mandeln zuzubereiten verstanden und für die sie auf der ganzen Insel berühmt waren, war ein Marzipan, so weich und so voller Mandelaroma, dass es im Munde beinahe von selbst auf der Zunge zerlief und den Gaumen regelrecht zu verzaubern verstand.
Jene Köstlichkeit bereiteten sie stets nur für das Weihnachtsfest zu und die Menschen aus allen Teilen der Insel kamen eigens angereist, um dieses Marzipan zu erstehen.
An dem Tag, als die Frau die Mandeln gemahlen und den Zucker feinstaubig zerschlagen und all die anderen Zutaten bereitgestellt hatte, um den feinen Marzipanteig zu bereiten zu können, war ihr schwer ums Herz. Als ihr Ehemann in die kleine Backstube kam, sah er sofort, dass es ihr nicht gut ging.
„Ach liebe Frau,“ seufzte er, „ich weiß, was du denkst. Mir geht es genauso.“ Er lächelte sie liebevoll an und beide gaben die Zutaten in die große steinerne Wanne, in der sie gemeinsam begannen, das Marzipan zu kneten.
Die Frau aber begann zu weinen und sagte leise, „ach lieber Mann, warum nur war es uns nicht vergönnt, Kinder haben. Wie in jedem Jahr stelle ich mir vor, dass ihre leuchtenden Augen um die Weihnachtszeit an Glanz noch zunehmen, sie das Haus mit ihrer Fröhlichkeit erfüllen und wie sie es kaum abwarten können, das Fest zu feiern, das Marzipan zu naschen und die Geschenke auszupacken.“
Ihr Mann gab ihr einen Kuss und begann ebenfalls, zu weinen. „Ich weiß es auch nicht, meine Liebe, wir werden es niemals wissen, aber sei gewiss, sie fehlen mir ebenso wie dir, unsere Kinder, die wir nie hatten und nie haben werden.“
Und beide weinten stille Tränen über dem Marzipan, das nun zu kleinen Figuren geformt wurde und an der Luft bis zum nächsten Morgen trocknen musste.
Spät abends schlossen die traurigen Eheleute die Backstube zu und gingen eng umschlungen in ihr Haus, wo sie im Kamin ein Feuer schürten und sich still mit einem Glas Wein davor setzten und in die Flammen sahen, die dort fröhlich vor sich hin tanzten und sie wärmten.

Am nächsten Morgen, als die zwei noch immer müde und traurig in die Backstube zurück kehrten, fanden sie die Bretter, auf denen sie die liebevoll geformten Figuren zum Trocknen zurück gelassen hatten, zum großen Teil leer.

Alle Mandelmännchen waren fort.

Der Bäcker rieb sich die Augen und starrte auf die leeren Stellen. Die Früchte, Tierfiguren und die Herzen und Rauten, die jedes Jahr traditionell geformt wurden, waren komplett an Ort und Stelle.

Aber keines der Mandelmännchen war zu sehen.

Dabei waren sie in diesem Jahr so besonders gut gelungen. Er verstand die Welt nicht mehr und gerade, als er nach seiner Frau rufen wollte, um ihr mitzuteilen, dass es einen Einbruch gegeben haben musste, erschien diese mit Tränen in den Augen und bat „komm schnell in die Küche.“
Er folgte ihr und als er an der Schwelle zur Küche anlangte, machte seine Frau ihm ein Zeichen, still und vorsichtig zu sein.
„Sieh nur,“ flüsterte sie und lächelte ihn an.
Und ihr Mann sah in die Küche und meinte zu träumen.
Dort saßen die Mandelmännchen.
Aber nicht so, wie er sie gestern verlassen hatte.

Sie saßen dort mitten auf dem Tisch und naschten Puderzucker, einige hüpften auf und ab und lachten, andere schlugen Purzelbäume und bewarfen sich mit Mehlresten.

Sie lebten.
Die Mandelmännchen lebten.

„Das gibt es doch gar nicht,“ entfuhr es ihm und alle Mandelmännchenköpfe flogen herum. „Ach ihr seid, es. Schön, euch zu sehen, uns geht es guu-hut.“ Rief das dickste von allen erfreut. Die Eheleute sahen sich an und traten langsam in die Küche. Sie ließen sich nebeneinander auf einer kleinen Bank nieder, die zum Ausruhen nach der schweren Backarbeit gleich neben dem Herd stand.
„Ihr lieben Mandelmännchen, wie kann das sein, dass ihr lebendig seid?“ fragte die Bäckerin, die Tränen in den Augen hatte.
„Oh, das ist einfach,“ erwiderte das Dickste. „Ihr habt gestern eure Herzen in uns hinein gegeben, als ihr den Teig geknetet habt. Wir haben all die Wärme bekommen, die ihr nur allzu gern euren Kindern gegeben hättet. Und mit diesen tiefen Gefühlen habt ihr Liebe erschaffen, neues Leben. Und jetzt sind wir da und werden eure Liebe weitergeben.“
„Genau-au,“ rief ein anderes Mandelmännchen vom Küchentisch, das Puderzucker schleckte, „wir geben eure Liebe weiter.“
„Und wie soll das gehen?“ fragte die Bäckerin noch immer ganz perplex.
„Soooo einfach,“ ein weiteres Mandelmännchen winkte lachend von der Mitte des Tisches, ehe es einen übermütigen Purzelbaum schlug und mitten im Mehlrest landete, „ihr müsst jeder Familie, die zu Weihnachten kommt, um euer berühmtes Marzipan zu kaufen, eines von uns schenken. Jedes Mandelmännchen muss ein Geschenk sein, weil man die Liebe nur verschenken kann, sie lässt sich niemals verkaufen. Sie werden wir uns zunächst über die ganze Insel verteilen und später sogar noch viel viel weiter und wir werden dafür sorgen, dass die Kinder der ganzen Welt spüren, wie sehr sie geliebt werden. Denn wir verströmen eure Liebe auf all euer Gebäck und übertragen sie später auch auf alle andere Süßigkeiten. So versüßen wir den Menschen das Leben und geben eure Herzenswärme weiter. Jedes süße Geschenk, dass so überreicht wird, trägt irgendwann einen Teil eurer Liebe für die Kinder dieser Welt in sich. Und so werdet ihr mehr Kinder haben, als ihr je vermuten konntet.“
Die Eheleute sahen sich lachend an, schüttelten die Köpfe und taten, wie ihnen geheißen.

Zur Weihnachtszeit steckten sie jeder Familie ein Mandelmännchen in die Tüte mit dem duftenden Gebäck, den Keksen, Kuchen und Törtchen. Ihre lächelnden Augen trafen sich immer und immer wieder und als sie kurz vor dem Fest in ihrem komplett ausverkauften Laden standen und ihn glücklich zusperrten, um die Festtage in Ruhe feiern zu können, sagte der Mann zu seiner Frau „wer hätte das gedacht. Nun feiern wir doch noch mit unseren Kindern zusammen. Mit all den Kindern dieser Welt.“
Und seine Frau lachte und gab ihm einen Kuss und hob vorsichtig die zwei Mandelmännchen vom Tresen, die unbedingt bei ihnen hatten bleiben wollen.
„Vergiss nicht, die Schokolade mit nach Hause zu nehmen,“ sagte sie liebevoll, „ich habe ihnen versprochen, dass sie zu Weihnachten in Schokolade baden dürfen.“
„Oh ja, oh ja, ein Schokoladenbad, suuuper“ schrieen die beiden Mandelmännchen aufgeregt und hüpften auf und ab.
„Bloß gut, dass die Kerlchen so klein sind, da reicht eine Tasse voll,“ lächelte der gütige Mann und packte alles in einen Korb. Während sie sich nun auf ein ganz persönliches Weihnachtsfest vorbereiteten, das das Schönste von allen wurde, das sie je gefeiert hatten, verteilten sich die Mandelmännchen und sorgten dafür, dass es überall Liebe und Wärme gab, die man in den Geschenken und in den Süßigkeiten spüren konnte, die die Menschen einander überreichten.
Besonders aber waren es die Kinder, die von dieser Zeit an auf der ganzen Welt so gerne naschten und Süßigkeiten aßen. Allerdings wusste keines von ihnen, dass das an den Mandelmännchen lag, in deren Teig vor langer, langer Zeit so viel Wärme und noch mehr Liebe eingebacken worden war.

Frohe Vor- Weihnachtszeit!