Die meisten Nachrichten, die man so lesen muss, bewegen sich ja heutzutage auf einer Skala von „milder Frustration über deprimierend, ärgerlich, angsteinflößend bis hin zu zutiefst verstörender Hoffnungslosigkeit“. Selten liest man etwas, das einfach nur schön ist oder gar tief im Inneren berührt, weil es eigene Leidenschaften antriggert.
In der zurückliegenden Woche aber habe ich so einen Artikel entdeckt.
Da steht doch ganz plötzlich auf der Nachrichtenseite von t-online dieser wunderbare Satz:

„Recyclingprozess im Hirn –
Lesen lernen krempelt das Gehirn um“

Als Schreibschwester habe ich den dazugehörigen Artikel im gleichen Tempo verschlungen in dem ich mit einer handelsüblichen Tafel Nuss-Schokolade fertig werde. Und für meine grauen Zellen und die psychische Befindlichkeit war dieses Lesefutter mindestens ebenso lecker.

Bittschön, hier isser:
Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn ein Mensch lesen lernt? Mit dieser Frage haben sich Forscher in einer Studie befasst – und herausgefunden, dass bei diesem Lernvorgang Teile im Gehirn reorganisiert werden.
Lesen ist evolutionär gesehen eine so junge kulturelle Errungenschaft, dass dafür im Gehirn noch kein eigenes Areal vorgesehen ist. Stattdessen werden, wenn ein Kind (oder ein Erwachsener) lesen lernt, andere Hirnregionen zu diesem Zweck umfunktioniert. Forscher des Max-Planck-Instituts (MPI) für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen und des MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben herausgefunden, dass das Gehirn dabei größere Veränderungen durchläuft als bisher angenommen. Im Gehirn kommt es demnach zu einer Art „Recyclingprozess“, wie es in der Pressemitteilung zur Studie heißt: Areale im Gehirn, die ursprünglich von der Evolution für die Erkennung komplexer Objekte konzipiert worden waren, werden für die neue Herausforderung umstrukturiert. Diese Veränderungen reichen bis in den Thalamus und den Hirnstamm hinein – in zwei Regionen also, die evolutionär gesehen recht alt sind.
Die Schriftsprache des Menschen hingegen ist verhältnismäßig jung. Um Buchstaben in Sprache übertragen zu können, werden einige Regionen des visuellen Systems zur Schnittstelle zwischen Seh- und Sprachsystem.
„Die Thalamus- und Hirnstammkerne helfen unserer Sehrinde dabei, wichtige Informationen aus der Flut von visuellen Reizen herauszufiltern, noch bevor wir überhaupt bewusst etwas wahrnehmen“, sagt Michael Skeide, Erstautor der Studie.

Lesefähigkeit ist besser, wenn die Hirnregionen gut zusammenarbeiten

Je stärker sich die Signale der zwei Hirnregionen einander angeglichen hatten, desto besser waren die Lesefähigkeiten der Probandinnen in der Studie ausgeprägt. „Wir gehen deshalb davon aus, dass diese beiden Hirnsysteme mit zunehmenden schriftsprachlichen Fähigkeiten besser zusammenarbeiten“, erklärt Neuropsychologe Skeide.

Für die Studie wurde 21 Analphabetinnen im Alter von 20 bis 40 Jahre in Indien das Lesen beigebracht. Mit Hilfe von Hirnscans wurden die Veränderungen in ihren Gehirnen betrachtet. Bereits nach sechs Monaten Unterricht waren die Probandinnen auf dem Leseniveau eines Erstklässlers. Laut den Wissenschaftlern ist diese Lerngeschwindigkeit bemerkenswert. Obwohl es für einen Erwachsenen sehr schwierig sei, eine neue Sprache zu erlernen, scheine für das Lesen etwas anderes zu gelten, so Studienleiter Falk Huettig.
Studienergebnisse geben Analphabeten Hoffnung
Die Studie gibt damit nicht nur Analphabeten die Hoffnung, Lesen und Schreiben schnell zu erlernen. Sie gibt auch einen Anstoß dazu, Lese-Rechtschreib-Störungen (LRS) anders zu betrachten. Bisher wurden Fehlfunktionen des Thalamus‘ als eine mögliche angeborene Ursache von LRS diskutiert. Diese Hypothese müsse laut den Wissenschaftlern neu hinterfragt werden, da die Studie gezeigt hätte, dass sich der Thalamus bereits nach wenigen Monaten Lesetraining grundlegend verändern könne.
(Verwendete Quellen: Studie: „Learning to read alters cortico-subcortical cross-talk in the visual system of illiterates“ (auf Englisch), Pressemitteilung zur Studie)

Ist das nicht eine gute Nachricht? Da bekomme ich sofort das Bild, wie die einzelnen Buchstaben über die Netzhaut der lesenden Äuglein in die Nervenzellen des Gehirns wandern und aufräumen, Platz schaffen für schöne Worte, herrliche Sätze, ganze Märchen und Geschichten lebendig werden lassen. Einfach so machen sie sich in unserer Neurologie IHREN Platz, schmeißen überflüssiges raus und organisieren ihre eigene Welt, vernetzen sich mit anderen Gebieten und eröffnen demjenigen, der das Lesen gelernt hat, wirklich eine andere Welt. Mitten in unserem Kopf.
Einfach, wenn wir lesen lernen. Wie wunder-wunderschön!

Für mich als Schreibschwester war dieser Artikel geradezu ein Geschenk und da draußen gerade der Herbst anklopft und Lesen drinnen noch gemütlicher wird, spricht so gar nichts dagegen, mal wieder tief in der Welt der Buchstaben zu versinken. Wer lesen kann, dem eröffnen sich unzählige Welten und Abenteuer. Immer wieder.
Also: Wer Kinder oder Enkel hat – einladen, zusammen lesen! Tut nicht nur den Kindergehirnen gut …

Eine schöne lese-reiche Woche noch!