Einkaufen. Mache ich eigentlich gerne, aber wisst ihr, was ich unglaublich finde? Es gibt da eine kleine Gruppe Menschen, die zu jener Altersklasse gehören, die mir an Lebensjahren doch noch weit voraus sind, die aber nie Zeit haben.

Grundsätzlich mag ich ältere Menschen sehr, ich bin mit Oma, Opa, Großtanten und mehreren Großonkelchen zusammen aufgewachsen und wusste es immer schätzen, dass sie da waren, mich verwöhnt haben, mir zugehört haben und auch schonmal meine Hilfe brauchten, hab ich gern gemacht.

Deswegen stört es mich auch gar nicht, wenn Ältere langsamer sind, im dritten Gang des Supermarktes vergessen haben, dass sie doch nochmal in den ersten müssen – im Gegenteil, erste Anzeichen dieser milden Vergesslichkeit sind meinem Mann und mir mittlerweile ebenfalls bestens vertraut. Entsprechend entzückend finde ich das auch, jedenfalls bei den netten Exemplaren jener Altersstufe.
Tja, da gibt es dann aber leider auch die andere Gruppe, zahlenmäßig klein, vom Effekt des schlechten Images her aber gigantisch groß. Jeder kennt sie, jeder hat schon Erfahrung mit ihnen machen müssen, vor allem beim Einkaufen. Der Laden ist voll, die Schlangen bilden sich vorne und dann ertönt:

„Wir öffnen Kasse vier für Sie“.

Dann geht es los, dann zeigen jene, die zu der ungeduldigen Truppe gehören, ihr wahres Gesicht. Gerade noch friedliebend, ruhig und nett wirkend, mutieren selbst die leicht humpelnden unter ihnen von jetzt auf gleich zu SUV´s in Menschengestalt, zu regelrechten Geschossen, kennen kein Pardon und fahren Kinderwagen, langsame oder gar zaghafterer Wesen ihrer Altersklasse an Rollatoren, gestandenen Männer und ganze Familien über den Haufen. Unfassbar!
Und es geschieht immer wieder, wenn die magischen Worte erklingen „Wir öffnen Kasse vier für Sie“.

Das muss so eine Art Urtrieb sein, tief verankert in den alten Teilen unserer Gehirne, die die Neurologie Reptiliengehirn nennt. Dieser vorsinnflutliche Bereich unseres Denkapparates scheint mit dem höheren Bewusstsein nur lose verknüpft zu sein, anders lässt sich nicht erklären, was sich dem staunenden Auge des Beobachters offenbart.

Sicher, so verhalten sich bei Weitem nicht nur ältere Herrschaften, selbst junge Menschen können das manchmal ziemlich gut. Es scheint an der jeweiligen Persönlichkeit zu liegen, ob der Supermarkt zum Kampfgebiet erklärt wird oder nicht. Manche von uns gehen zur Seite und die anderen halten drauf. Das hat man einfach in den Genen und die sind nur geringfügig veränderbar. Die Wissenschaft spricht von ca 60 Prozent festgelegter und genetisch unveränderbarer Persönlichkeit, für den Rest sind wir selber zuständig.

Ich stelle mir manchmal vor, dass die Persönlichkeit, die ein Menschlein bei seiner Geburt mit in die Welt bringt, ihn wie ein unsichtbarer, viel zu groß geratener Strampelanzug umschließt. Dann kommt das Leben so daher, die Jahre vergehen, wir wachsen und irgendwann passen wir so richtig rein in diesen Persönlichkeitsanzug, dann sitzt der wie maßgeschneidert.
Wenn wir nun weiter wachsen und uns entwickeln, was wir ja alle Gottlob tun, kann es sein, dass dieser Strampler in den späten Lebensjahren ein bisschen „spack“ sitzt. Er wird zu eng, wir haben einfach keine Möglichkeiten mehr, uns geschmeidig darin zu bewegen, uns anzupassen oder formen zu lassen. Das meint wohl der Volksmund mit dem Satz
„Ein Bäumchen biegt sich, ein Baum nimmer mehr“.

Jetzt hat man eindeutig Glück, wenn man sich in den zurückliegenden „jüngeren“ Jahren mit den restlichen 40 Prozent seiner Persönlichkeit auseinandergesetzt hat, die -glaubt man der Wissenschaft- ja durchaus „stylbar“ sein soll. Falls dieser Prozess von Erfolg gekrönt wurde, treffen wir auf jene wunderbaren älteren Wesen, die eine lichtvolle Weisheit ausstrahlen und deren Augen vor Lebensfreude blitzen und die mit geduldiger Art und Weise durch ihr Leben ziehen.

Am anderen Ende der Skala erleben wir dann die, die wir ab und zu beim Einkaufen treffen, also immer dann, wenn Kasse vier öffnet. Dann blitzt der zornig entschlossenen Siegeswille aus den Äuglein, der oder die Erste an dieser neu eröffneten Kasse sein zu müssen, komme wer oder was da wolle. Da wurde nix reflektiert, eingesehen, weggeatmet oder mit Entspannungsübungen beherrschbar gemacht, da wird der Einkaufswagen in alle sich in den Weg stellenden Achillessehnen, Kniekehlen oder schlimmeres gerammt.

Ich. Erster. Alles.

Aber wie immer im Leben; es kann nur Einen geben.
Einen, der es wirklich schafft, der Erste zu sein, wenn es heißt „Wir öffnen Kasse vier für Sie“.
Und vielleicht trifft diese Erkenntnis dann später, beim mauligen Einladen der ergatterten Ware auch die, die es nicht zur Pole-Position an Kasse vier geschafft haben. Vielleicht denken die dann „Warum mache ich das eigentlich?“

Ich habe mir angewöhnt, immer einen netten Kommentar abzugeben, wenn ich meinen Wagen an diesen geknickt wirkenden Verlierern vorbei zu meinem Auto schiebe. Ich sage dann meistens so etwa aufmunterndes wie „Nicht aufgeben, nächstes Mal schaffen Sie das und sind zuerst an Kasse vier!“ oder einfach auch mal „Nicht traurig sein, sind halt die Gene“ und immer lächele ich dabei nett und stelle sie mir in ihren engen Stramplern vor.
„Och herm“, wie der Aachener sagt!

Schöne geduldige Woche noch!