In dieser Woche habe ich mir mal wieder eine Frauenzeitschrift gegönnt, die ich nach getaner Arbeit genüsslich im Garten auf meiner Liege im Schatten der Bäume lesen wollte. Weit bin ich aber nicht gekommen, denn kaum lag ich, bin ich nach den ersten beiden Seiten auf eine Kosmetikanzeige gestoßen, die mich schon deswegen genervt hat, weil dieses unsägliche kleine Pröbchen mitten auf der Seite klebte, was einerseits immer die Seite zerreißt, wenn man es abpulen möchte und andererseits Plastikmüll pur bedeutet. Ich verabscheue diese Dinger. Aber der Name jener offenbar magischen Probe-Creme, der war das Beste und hat meine Nackenhaare mit sofortiger Wirkung in exakt dieselbe Höhe gebracht wie die meines Terrier beim Sichten eines Eindringlings in den heimischen Garten:

Die Anti-Aging Innovation Cellular Boost

Versprechungen und Erläuterung dazu:

Weniger Falten und mehr Spannkraft in nur 4 Wochen.

Werbebotschaft: Sieh, was möglich ist.

Erklärung des Produktes: Weil Hautalterung von Cellular Burnout kommt (???!?) verspricht dieser Boost Hilfe.

Bitte was? Cellular Boost? Cellular Burnout? Glauben denn die Macher dieses Produktes ernsthaft, dass wir Damen diesen „was-auch-immer-da-drin-ist Boost“ ungefiltert auf unsere Gesichter schmieren, weil wir alleine bei dem kryptischen Wort Cellular Burnout Panik bekommen? Das muss ein Witz sein. Ein flacher, gemacht für Pröbchen.

Da war aber noch etwas, was meinen Argwohn weckte: In pastelliger, kaum lesbarer Schrift standen die Inhaltsstoffe darunter. So nicht! Wer so dünn druckt, hat was zu verbergen. Nicht mit mir. Da ist Schreibschwester erstmal aufgesprungen und reingezischt, hat die Lupe gesucht und sich dann an den PC gesetzt und Dr. Google befragt. Tja, liebe Freundinnen, lest selbst. Das ist drin im Cellular Boost:

HEXINOL: Die Hexanole bilden in der Chemie eine Stoffgruppe von aliphatischen, gesättigten, einfachen Alkoholen (Alkanolen).

Alkohol also?! Klar, DIESE Form von Boost kennen wir natürlich alle. Einen Drink bitte.

RETINOL = Dr. Googles Antwort: Retinol, auch Vitamin A1 oder Axerophthol, ist ein fettlösliches, essenzielles Vitamin. Chemisch gesehen gehört Retinol zu den Diterpenoiden und ist ein einwertiger, primärer Alkohol.

Noch mehr Alkohol? Den hatten wir doch gerade schon! Also noch ein Drink bitte.

HYALURONSÄURE = Hyaluronsäure (nach neuerer Nomenklatur Hyaluronan, Abkürzung HA) ist ein Glycosaminoglycan, das einen wichtigen Bestandteil des Bindegewebes darstellt. Hyaluronsäure ist ein Bestandteil der extrazellulären Matrix (EZM oder ECM) von Wirbeltieren. Sie liegt in vielerlei Geweben als langkettiges, lineares Polysaccharid vor und erfüllt viele Funktionen, die auch auf ihren besonderen chemischen Eigenschaften beruhen, etwa der Eigenschaft sehr viel Wasser zu binden.

Ok, das klingt brauchbar, Wasser bindet, polstert Falten auf.

Aber was sind denn eigentlich langkettige lineare Polysaccaride?

Dr. Goggles Antwort: „Langkettige lineare Polysaccharide sind Kohlenhydrate, die chemisch gesehen Biopolymere darstellen und aus unterschiedlich vielen Einheiten an Einfachzuckern, auch Monosaccharide genannt, aufgebaut sind.

Zucker? Das wird ein süßer Cocktail, Schwestern! Ich sag es euch ….

VITAMIN C DERIVAT = also hier kommt nach längerer Suche auch eine längere Antwort, die ich im Text der Hautärztin Dr. Jetske Ultee gefunden habe. Okay, sie vertreibt ihre eigene Kosmetiklinie, aber die Ansätze klingen gut. Sie schreibt -von mir gekürzt- zu der Frage was bewirkt Vitamin C für die Haut folgendes:

Vitamin C ist einer der am besten erforschten kosmetischen Inhaltsstoffe, der den Hautzustand wirklich verbessert. Vitamin C ist für die Kollagen-Bildung unerlässlich (Bindegewebe). Das Kollagen wird benötigt, um die Haut zu festigen. Fügt man Vitamin C einem Reagenzglas mit Fibroblasten hinzu, sorgt es für eine drastische Kollagen-Bildung. Und auch auf der menschlichen Haut stimuliert Vitamin C diesen Effekt. Außerdem kann es Akne und Pigmentflecken verringern und wirkt gegen Rosazea. Es gibt jedoch einiges zu beachten: Die Verwendung von Vitamin C in Hautpflegeprodukten ist an einige Bedingungen geknüpft: Vitamin C wirkt nur in hohen Konzentrationen (mindestens vier Prozent). Um herauszufinden, ob die enthaltene Menge tatsächlich ausreicht, können Sie sich die Liste der Inhaltsstoffe ansehen: Es muss oben auf der Liste, oder zumindest im oberen Drittel, stehen. Vitamin C wirkt am besten in Kombination mit anderen Antioxidantien. Vitamin C und Vitamin E sind die ideale Kombination. Vitamin C ist sehr instabil und verträgt keine Feuchtigkeit, kein Licht und keinen Sauerstoff. Oxidiertes Vitamin C (Vitamin C, dass mit dem Sauerstoff in der Luft reagiert hat), ist nicht nur unwirksam, sondern kann sogar für die Bildung von Sauerstoffradikalen sorgen, dem entgegengesetzten Effekt. Das macht ein Vitamin-C-Produkt in einem Tiegel oder einer Glasflasche auf keinen Fall sinnvoll. Alternativen:

VITAMIN C DERIVATE: Die Verwendung von Vitamin-C-Derivaten ist eine gute Alternative. Das sind Stoffe, die in ihrer Struktur durch ein zusätzliches Teilchen mehr Stabilität erhalten haben. Diese Varianten sind milder, dringen jedoch auch schwieriger in die Haut ein. Leider ist der Kontakt mit Sauerstoff auch bei den stabilen Formen von Vitamin C problematisch.

Als Nutricosmetic? (Anmerkung Schreibschwester: das meint Ernährung, Essen) Vitamine C hat übrigens auch eine positive Wirkung auf die Haut, wenn es eingenommen wird. Sie können nur nicht die Konzentrationen zu sich nehmen, die erforderlich sind, um die genannten Effekte zu erreichen. Und die Einnahme einer höheren Dosis hilft da leider auch nicht. Bei extrem hohen Mengen oder bei Krankheiten kann es sogar ins Negative umschlagen. Bei Krankheiten kann diese prooxidative Wirkung jedoch nützlich sein. Laut einer Studie der Leicester University ist es ratsam, nicht mehr als 500 mg Vitamin C pro Tag zu sich zu nehmen. Über die Nahrung kann man diesen Wert eigentlich nicht überschreiten. Darum rate ich auch immer dazu, den Vitaminbedarf vor allem durch abwechslungsreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse zu decken.

Viel ist nicht immer viel besser

Auch bei der Hautpflege gilt übrigens, dass „viel“ nicht immer „viel besser“ ist. Extrem hohe Konzentrationen von Vitamin C sind meiner Meinung nach unvernünftig, da dann erst recht ein Ungleichgewicht zwischen Vitamin C (sowie anderen Antioxidantien) und Proxidantien entsteht. Zudem können sie Hautreizungen verursachen, die auch wieder die Bildung freier Radikale stimulieren.

Jetzt sind wir schlauer, liebe Schwestern und mir persönlich gefällt der Ansatz dieser Ärztin „viel hilft nicht immer viel“ sehr. Diese im Boost enthaltenen Vitamin C Derivate sind also im besten Fall nicht schädlich, scheinen aber erst gar nicht von außen dahin zu kommen, wo sie nützlich sein sollen: in die Zellen.

Was lernen wir daraus?

Cellular Boost ist eigentlich keine Creme, sondern eingedicktes süßes Cocktailkondensat, bestehend aus Alkohol und Zucker und unwirksamen Zusatzstoffen. So eine Art Pina Colada zum Einschmieren als Gegenmittel gegen den Cellular Burnout … dann kann ich das doch gleich trinken, Nutricosmetic heißt das dann, haben wir ja gerade gelernt.

Wenn ich -wie empfohlen- solch einen Cocktail 4 Wochen regelmäßig zu mir nehme, um weniger Falten und mehr Spannkraft zu bekommen, also dann kriegt der verheißungsvolle Satz „Sieh, was möglich ist“ sicher eine komplett andere Bedeutung.

Ich glaube, dann ist Cellular burnout noch mein kleinstes Problem.

Schwestern, dann sag ich nur Boost, äh ne, Prost. Oder auch „Sieh, was möglich ist“. Und nächste Woche schreib ich was zum Thema „Cocktails aus dem Thermomix – mit und ohne Alkohol“. Diese Broschüre gibt es tatsächlich … ich glaube, jetzt brauch ich wirklich einen Drink.

Schöne Woche noch!