Nächste Woche beginnt der richtige Sommer. Zumindest aus kalendarischer Sicht, denn am 21. Juni feiern wir den offiziellen Beginn des Sommers. Dieser Tag, auch Sonnenwende genannt, markiert auf der Nordhalbkugel der Erde den Beginn des Sommers aus astronomischer Sicht. Er gilt als der längste Tag des Jahres und markiert jenen Zeitpunkt, an dem die Tage allmählich wieder kürzer werden, wir uns also so langsam mit der Planung der Weihnachtsgeschenke beschäftigen sollten, denn a-zyklisches Einkaufsverhalten beugt nicht nur Stress vor, es schont auch den Feiertagsgeldbeutel. Die Sonnenwende findet in diesem Jahr bei uns angeblich um genau 17.54 Uhr MESZ statt. Der längste Tag des Jahres ist aber nicht überall gleich lang, oh nein. Er ist zum Beispiel in Hamburg um mehr als eine Stunde länger als in Zürich. Je näher man dem nördlichen Polarkreis kommt, desto länger sind die Tage um die Sonnenwende herum. Dieser Tag, die Sommersonnenwende, die in den nordischen Ländern Mittsommernacht genannt wird und das zweitgrößte Fest des Jahres nach Weihnachten darstellt, wird dort üppig und oft tagelang zelebriert. Dunkel wird es gar nicht mehr, der Sommer hat seinen Höhepunkt erreicht und das muss ordentlich gefeiert werden. Viele Menschen tragen hübsche Trachten, die Mädchen schmücken ihr Haar mit Blumenkränzen und es wird gerne um den eigens für das Fest errichteten Baum getanzt, meistens eine Birke, die ebenfalls fröhlich mit bunten Bändern und Blumen geschmückt ist.

Auch hierzulande, vornehmlich in den schwedischen Möbelhäusern mit dem gelb-blauen Logo, gibt es rund um die Sommersonnenwende Grund zum Feiern. Anläßlich der großen Sommersause bietet man der geschätzten Kundschaft kleine Aufmerksamkeiten an, wie etwa ein „all-you-can-eat-Buffet“ für Besitzer der Familienkarte oder man setzt Möbelstücke mit lustigen Namen, Textilien und Pflanzen ordentlich im Preis herab. All das tut man voller Freude und in der Hoffnung, jenes nette Brauchtum des fröhlich-entspannten Miteinanders aus dem Heimatland auch außerhalb der Landesgrenzen weitergeben zu können.

Ich habe die gut gemeinte Zeremonie des „all-you-can-eat-Buffets“ mehr zufällig als gewollt ein einziges Mal verfolgt, weil ich nach dem Bummel durch die langen Regalreihen ein wenig erschöpft war und nur schnell einen Kaffee trinken wollte. Eine Familienkarte besitze ich mangels Familie ja sowieso nicht. Leider bin ich allerdings ohne den Kaffee getrunken zu haben wieder gegangen, also nein, ich muss zugeben ich bin geflohen. Nicht etwa, weil so viele hübsche Menschen so ausschweifend um einen Baum getanzt wären, dass es für mich keinen Platz mehr gegeben hätte.

Oh nein!

Die Menschen, die ich dort zuhauf sehen konnten, waren geschmückt mit Plastikdosen und Tüten, um Beute zu machen, die man mit nach Hause schleppen konnte, hatte man sich satt gegessen am Buffet. Ausnahmslos alle zeigten von der Anstrengung der Nahrungsaufnahme und der Schlacht am Buffet hochrote Gesichter und hatten höchstens Krümel im Haar, von Blumen keine Spur. Statt sich an der Lebensfreude der Menschen in den nordischen Ländern zu orientieren, gab es für viele der Anwesenden offenbar ganz andere Vorbilder, wie etwa die ehemalige Sendung über das Leben der Tiere: „Grizmeks Welt“, was leider zu einer fatalen Verwechslung geführt haben muss. Die meisten jener Familien verwechselten die Tradition rund um das angebotene Buffet ganz offenbar mit dem Brauchtum der Bären, die sich im Sommer so viel Winterspeck wie nur möglich anfuttern, um gut über den Winter zu kommen. Statt Sommersonnenwende drohte mein Körper spontan mit plötzlicher Magenwende … das musste ich verhindern, da half nur die Flucht. Ohne Schnäppchen, Tüte, Katalog, Maßband oder Bleistift. Einfach raus. Am liebsten hätte ich denen zugerufen: „Leute, es gibt es Grenzen des guten Geschmacks und die sind nicht erst dann erfüllt, wenn die Tupperdose nicht mehr zugeht!!!! BITTE!“

Aber ich konnte nicht mehr reden, nur noch rennen. Zutiefst geschockt habe ich wenig später eine Weile vor der blaugelben Eingangstür auf einem jener Poller sitzen müssen, die für gewöhnlich ein zügiges Einladen länglicher Pakete in davor parkende Autos erschweren, jetzt aber meine Rettung waren. Es dauerte ein wenig, ehe ich mich in der Lage sah, unfallfrei nach Hause fahren zu können. Das war nicht gerade ein schönes Sommererlebnis, ehrlich. Ich hoffe, wir bekommen einen schönen Sommer voller herrlicher Erlebnisse, voller lauer Nächten und voller unvergesslicher, prallsonniger Tage. Wenn der Sommer dann vorüber ist, die Seelen mit der Wärme dieser Jahreszeit satt getankt sind, können wir uns ja zum Schlussverkauf in der Cafeteria dieses Möbelhauses der Schweden treffen. Oder später zur Weihnachtszeit. Zimtschnecken gibt es dann dort wieder, „Kanelbullar“ satt. Wenn die auch „all-you-can-eat“ angeboten werden, gehe ich da nie wieder hin. Versprochen.

Schönen Sommer noch!