Diese Woche war pickepacke voll mit lauter schönen Dingen, die mich bei aller Freude trotzdem erschöpft haben. Das passiert in meinem Alter schneller als früher. Leider. Mein ehemaliger Professor für Arbeitspsychologie hat übrigens schon während meines Studiums mehrfach erwähnt, dass es dem Körper herzlich egal sei, ob wir nun Eu- oder Disstress erleben würden. Einzig die gedankliche Bewertung sei es, die uns den Stress positiv oder negativ erleben lasse, körperlich spielten sich exakt die gleichen Prozesse ab und nach jeglicher Form von Stress benötige unser System anschließend eine Pause. Im Alter werde das im Übrigen noch wichtiger als in jungen Jahren, denn die Regenerationszeit werde länger. Dä. Am Dienstagabend forderte meine in die Jahre gekommene Körper-Geist-Seele-Einheit also nun genau solch eine Pause und ich landete entsprechend folgsam vor dem Fernseher. Sich selber zu verärgern bringt außer Falten und Psychosomatik gar nix, das habe ich seit geraumer Weile begriffen und höre mittlerweile auf die Bedürfnisse meines Systems. Mein rumänisches Kuschelhündchen landete mit zehnsekündiger Verspätung eiligst neben mir, das zweite Fellwesen ging zu meinen Füßen in Hab-Acht-Stellung, denn Herrchen hatte noch einen späten Termin, da wollte man sich vorsichtshalber eine gute Startposition sichern, um als erster an der Tür zu sein, wenn diese sich öffnen würde. Was verabredungsgemäß in Kürze zu erwarten war.

Unsere Hunde wissen, wann wir nach Hause kommen.

Wir erzählen es ihnen immer, auch wenn sich dabei jedem Hundetrainer die Haare zu Berge stellen würden, egal. Ein Hund im Hause Reitz wird über den Programmablauf des Tages informiert. Manchmal sogar mehrfach, weil wir vergessen haben, dass wir es schon erzählt haben. Passiert auch immer öfter im Prozess des Älterwerdens. Egal, zurück zum Fernsehabend. Wo war ich noch? Ach ja …

Auf VOX läuft am Dienstag schon seit einigen Wochen die Sendung „Sing mein Song das Tauschkonzert“, eine Musiksendung, in der die Teilnehmer die Songs des jeweiligen Künstlers singen, dem der Abend gewidmet ist. Ich mag dieses Format, an jenem Abend war der belgische Singer-Songwriter Milo dran, schöne Stimme, tolle Hits. Alle Zeichen standen auf gemütlich-entspannendem Fernsehabend. Bestens. Musik ist perfekt zum Abschalten und erfreut das Seelchen. Herrlich! Ein Gläschen Wein, etwas Wasser, ein wenig zum Knabbern, alles vorbereitet. Vorauf ich allerdings definitiv nicht vorbereitet war, war die Tatsache, dass mich ausgerechnet Michael Patrick Kelly vollkommen umhauen würde. Jener begabte Musiker mit einer fantastischen Stimme, dem ich früher als Mitglied der Kelly Familie nicht gerade auf social-media „gefolgt“ wäre (hätte es das damals schon gegeben), erwischte mich an diesem Abend, verpasste mir eine volle Gefühlsbreitseite. Das passierte, als er zunächst einen Song von Milo anmoderierte und später derart gefühlvoll sang, dass es mich einfach „ emotional geflasht“ hat. Thema des Songs: Das „unwiederbringliche zu-spät-kommen“ im Leben. Hintergrund: Milo hatte eine E-Mail einer jungen Frau bekommen, die ihn darum bat, ein Mini-Privat-Konzert für ihre schwerkranke Freundin im Krankenhaus zu spielen. Und er wollte hingehen, wollte ihr diese Freude zu machen, einfach so, gerne sogar, war fest entschlossen. Es war nur noch dies und das zu erledigen. Als er zwei Tage später mit jener jungen Frau telefonierte, um einen Termin für den Besuch abzusprechen, meinte diese: „Zu spät. Meine Freundin ist tot“.

Das abgrundtiefe, unfassbare Gefühl, das daraufhin erlebte, hat ihn zu dem Song motiviert. Er durchlebte dieses Gefühl zweimal in seinem Leben –einmal bei der traurigen Geschichte mit der jungem Frau und dann noch einmal, ausgerechnet beim Tod des eigenen Vaters, der plötzlich und viel zu früh an einem Herzinfarkt verstarb, aus dem Leben gerissen wurde. Er hat sich nicht verabschieden können. Zu spät. Nie hat er seinem Papa gesagt, dass er ihn liebt. Zu spät. Wie grausam das Leben doch sein kann.

Zu spät.

Zwei Wörter, in denen die geballte Wucht des Schicksals stecken kann. Obwohl ich das unfassbare Glück gehabt habe, mich von all meinen Lieben verabschieden zu können, bevor sie von dieser Welt gegangen sind, habe ich nur noch weinen können. Auch wenn ich nicht genau DAS erlebt habe, worüber Michal Patrick Kelly da gesungen hat (Danke, seither bin ich ein großer Fan geworden!!!), so gibt  es natürlich andere Dinge, dir mir im Nachhinein leidtun, die ich bereue, die ich im rückblickend gerne anders gestaltet hätte. Mittlerweile bin ich mit diesen Episoden versöhnt, es gibt einfach kein Leben ohne Bedauern. Wir müssen mit den Konsequenzen unseres Verhaltens umgehen, egal ob nun gewollt oder komplett unabsichtlich geschehen. Das Verhalten eines Menschen hat eine Wirkung auf einen anderen oder auf mehrere andere. Immer, so einfach ist das. Weder lässt sich alles entschuldigen noch rückgängig machen. Auch wenn ich etwas NICHT tue, hat das eine Auswirkung. Wie schwer muss solch ein „zu-spät-Erlebnispaket“ auf der Seele lasten und wie leicht könnte es jeden von uns treffen. Irgendwie gehen wir ja alle stilschweigend davon aus, dass es ein „morgen“ gibt. Morgen sage ich es, stelle es richtig, entschuldige ich mich. Morgen besuche ich die Oma, Tante, Mutter, den Vater, Opa oder Onkel. Später. Bald, demnächst, zu Weihnachten oder am Geburtstag. Vielleicht zu spät.

Muss denn das so sein? Eigentlich nicht, denn wir können uns auch dazu entscheiden, nichts schuldig zu bleiben und rechtzeitig zu sagen, was wir sagen möchten: Ich hab dich lieb, du bedeutest mir viel, schön, dass du da bist. Wir können rechtzeitig all jene besuchen, die uns wichtig sind. Wir können im Frieden miteinander sein und auseinander gehen. Jetzt. In der Zeit. Rechtzeitig. Dieser Dienstagabend war ein Wechselbad der Gefühle, ein Moment prallen realen Lebens, pures, emotionales Glück voller Tiefe und unerwartet schmerzlicher Erinnerung. Ein Grund zum Feiern und genau das sollten wir eigentlich an jedem einzelnen Tag unseres Lebens tun: Feiern wir das Leben, egal wie und egal wo, jede Facette. Irgendwann ist es vielleicht sonst wirklich „zu spät.“ Ich wünsche uns allen eine besonders herzliche Pfingst-Woche voller berührender Erlebnisse.