Kathrin Reitz schreibt

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Monat: Juli 2019

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 30. Juni 2019

In dieser Woche habe ich mir mal wieder eine Frauenzeitschrift gegönnt, die ich nach getaner Arbeit genüsslich im Garten auf meiner Liege im Schatten der Bäume lesen wollte. Weit bin ich aber nicht gekommen, denn kaum lag ich, bin ich nach den ersten beiden Seiten auf eine Kosmetikanzeige gestoßen, die mich schon deswegen genervt hat, weil dieses unsägliche kleine Pröbchen mitten auf der Seite klebte, was einerseits immer die Seite zerreißt, wenn man es abpulen möchte und andererseits Plastikmüll pur bedeutet. Ich verabscheue diese Dinger. Aber der Name jener offenbar magischen Probe-Creme, der war das Beste und hat meine Nackenhaare mit sofortiger Wirkung in exakt dieselbe Höhe gebracht wie die meines Terrier beim Sichten eines Eindringlings in den heimischen Garten:

Die Anti-Aging Innovation Cellular Boost

Versprechungen und Erläuterung dazu:

Weniger Falten und mehr Spannkraft in nur 4 Wochen.

Werbebotschaft: Sieh, was möglich ist.

Erklärung des Produktes: Weil Hautalterung von Cellular Burnout kommt (???!?) verspricht dieser Boost Hilfe.

Bitte was? Cellular Boost? Cellular Burnout? Glauben denn die Macher dieses Produktes ernsthaft, dass wir Damen diesen „was-auch-immer-da-drin-ist Boost“ ungefiltert auf unsere Gesichter schmieren, weil wir alleine bei dem kryptischen Wort Cellular Burnout Panik bekommen? Das muss ein Witz sein. Ein flacher, gemacht für Pröbchen.

Da war aber noch etwas, was meinen Argwohn weckte: In pastelliger, kaum lesbarer Schrift standen die Inhaltsstoffe darunter. So nicht! Wer so dünn druckt, hat was zu verbergen. Nicht mit mir. Da ist Schreibschwester erstmal aufgesprungen und reingezischt, hat die Lupe gesucht und sich dann an den PC gesetzt und Dr. Google befragt. Tja, liebe Freundinnen, lest selbst. Das ist drin im Cellular Boost:

HEXINOL: Die Hexanole bilden in der Chemie eine Stoffgruppe von aliphatischen, gesättigten, einfachen Alkoholen (Alkanolen).

Alkohol also?! Klar, DIESE Form von Boost kennen wir natürlich alle. Einen Drink bitte.

RETINOL = Dr. Googles Antwort: Retinol, auch Vitamin A1 oder Axerophthol, ist ein fettlösliches, essenzielles Vitamin. Chemisch gesehen gehört Retinol zu den Diterpenoiden und ist ein einwertiger, primärer Alkohol.

Noch mehr Alkohol? Den hatten wir doch gerade schon! Also noch ein Drink bitte.

HYALURONSÄURE = Hyaluronsäure (nach neuerer Nomenklatur Hyaluronan, Abkürzung HA) ist ein Glycosaminoglycan, das einen wichtigen Bestandteil des Bindegewebes darstellt. Hyaluronsäure ist ein Bestandteil der extrazellulären Matrix (EZM oder ECM) von Wirbeltieren. Sie liegt in vielerlei Geweben als langkettiges, lineares Polysaccharid vor und erfüllt viele Funktionen, die auch auf ihren besonderen chemischen Eigenschaften beruhen, etwa der Eigenschaft sehr viel Wasser zu binden.

Ok, das klingt brauchbar, Wasser bindet, polstert Falten auf.

Aber was sind denn eigentlich langkettige lineare Polysaccaride?

Dr. Goggles Antwort: „Langkettige lineare Polysaccharide sind Kohlenhydrate, die chemisch gesehen Biopolymere darstellen und aus unterschiedlich vielen Einheiten an Einfachzuckern, auch Monosaccharide genannt, aufgebaut sind.

Zucker? Das wird ein süßer Cocktail, Schwestern! Ich sag es euch ….

VITAMIN C DERIVAT = also hier kommt nach längerer Suche auch eine längere Antwort, die ich im Text der Hautärztin Dr. Jetske Ultee gefunden habe. Okay, sie vertreibt ihre eigene Kosmetiklinie, aber die Ansätze klingen gut. Sie schreibt -von mir gekürzt- zu der Frage was bewirkt Vitamin C für die Haut folgendes:

Vitamin C ist einer der am besten erforschten kosmetischen Inhaltsstoffe, der den Hautzustand wirklich verbessert. Vitamin C ist für die Kollagen-Bildung unerlässlich (Bindegewebe). Das Kollagen wird benötigt, um die Haut zu festigen. Fügt man Vitamin C einem Reagenzglas mit Fibroblasten hinzu, sorgt es für eine drastische Kollagen-Bildung. Und auch auf der menschlichen Haut stimuliert Vitamin C diesen Effekt. Außerdem kann es Akne und Pigmentflecken verringern und wirkt gegen Rosazea. Es gibt jedoch einiges zu beachten: Die Verwendung von Vitamin C in Hautpflegeprodukten ist an einige Bedingungen geknüpft: Vitamin C wirkt nur in hohen Konzentrationen (mindestens vier Prozent). Um herauszufinden, ob die enthaltene Menge tatsächlich ausreicht, können Sie sich die Liste der Inhaltsstoffe ansehen: Es muss oben auf der Liste, oder zumindest im oberen Drittel, stehen. Vitamin C wirkt am besten in Kombination mit anderen Antioxidantien. Vitamin C und Vitamin E sind die ideale Kombination. Vitamin C ist sehr instabil und verträgt keine Feuchtigkeit, kein Licht und keinen Sauerstoff. Oxidiertes Vitamin C (Vitamin C, dass mit dem Sauerstoff in der Luft reagiert hat), ist nicht nur unwirksam, sondern kann sogar für die Bildung von Sauerstoffradikalen sorgen, dem entgegengesetzten Effekt. Das macht ein Vitamin-C-Produkt in einem Tiegel oder einer Glasflasche auf keinen Fall sinnvoll. Alternativen:

VITAMIN C DERIVATE: Die Verwendung von Vitamin-C-Derivaten ist eine gute Alternative. Das sind Stoffe, die in ihrer Struktur durch ein zusätzliches Teilchen mehr Stabilität erhalten haben. Diese Varianten sind milder, dringen jedoch auch schwieriger in die Haut ein. Leider ist der Kontakt mit Sauerstoff auch bei den stabilen Formen von Vitamin C problematisch.

Als Nutricosmetic? (Anmerkung Schreibschwester: das meint Ernährung, Essen) Vitamine C hat übrigens auch eine positive Wirkung auf die Haut, wenn es eingenommen wird. Sie können nur nicht die Konzentrationen zu sich nehmen, die erforderlich sind, um die genannten Effekte zu erreichen. Und die Einnahme einer höheren Dosis hilft da leider auch nicht. Bei extrem hohen Mengen oder bei Krankheiten kann es sogar ins Negative umschlagen. Bei Krankheiten kann diese prooxidative Wirkung jedoch nützlich sein. Laut einer Studie der Leicester University ist es ratsam, nicht mehr als 500 mg Vitamin C pro Tag zu sich zu nehmen. Über die Nahrung kann man diesen Wert eigentlich nicht überschreiten. Darum rate ich auch immer dazu, den Vitaminbedarf vor allem durch abwechslungsreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse zu decken.

Viel ist nicht immer viel besser

Auch bei der Hautpflege gilt übrigens, dass „viel“ nicht immer „viel besser“ ist. Extrem hohe Konzentrationen von Vitamin C sind meiner Meinung nach unvernünftig, da dann erst recht ein Ungleichgewicht zwischen Vitamin C (sowie anderen Antioxidantien) und Proxidantien entsteht. Zudem können sie Hautreizungen verursachen, die auch wieder die Bildung freier Radikale stimulieren.

Jetzt sind wir schlauer, liebe Schwestern und mir persönlich gefällt der Ansatz dieser Ärztin „viel hilft nicht immer viel“ sehr. Diese im Boost enthaltenen Vitamin C Derivate sind also im besten Fall nicht schädlich, scheinen aber erst gar nicht von außen dahin zu kommen, wo sie nützlich sein sollen: in die Zellen.

Was lernen wir daraus?

Cellular Boost ist eigentlich keine Creme, sondern eingedicktes süßes Cocktailkondensat, bestehend aus Alkohol und Zucker und unwirksamen Zusatzstoffen. So eine Art Pina Colada zum Einschmieren als Gegenmittel gegen den Cellular Burnout … dann kann ich das doch gleich trinken, Nutricosmetic heißt das dann, haben wir ja gerade gelernt.

Wenn ich -wie empfohlen- solch einen Cocktail 4 Wochen regelmäßig zu mir nehme, um weniger Falten und mehr Spannkraft zu bekommen, also dann kriegt der verheißungsvolle Satz „Sieh, was möglich ist“ sicher eine komplett andere Bedeutung.

Ich glaube, dann ist Cellular burnout noch mein kleinstes Problem.

Schwestern, dann sag ich nur Boost, äh ne, Prost. Oder auch „Sieh, was möglich ist“. Und nächste Woche schreib ich was zum Thema „Cocktails aus dem Thermomix – mit und ohne Alkohol“. Diese Broschüre gibt es tatsächlich … ich glaube, jetzt brauch ich wirklich einen Drink.

Schöne Woche noch!

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 23. Juni 2019

Wie alt werden Sie? Machen Sie diesen Test und wir geben Ihnen die Antwort.

Gerade bin ich mal wieder über eine dieser reißerischen Testankündigungen im Internet gestolpert. Diese Dinger sind und bleiben offenbar ein nachgefragtes Thema, mal in Horoskop-Form, mal zu dem „welcher Typ sind Sie- Inhalt“. Dort kann man dann herausfinden, welcher Partner und oder Hund, welcher Garten oder welche Farben für die Wohnraumgestaltung am besten zu einem passt. Interessant und meist völlig neben der Realität liegend, aber unterhaltsam. Ich gebe gerne zu, dass ich solche Tests gelegentlich auch schon mal anklicke. Aus purer Neugier, damit kriegen einen die Macher dieser Dinger, mich jedenfalls … hin und wieder.

Wie die Frage, wie alt ich denn wohl werde, in diesem Artikel beantwortet wird, hat mich ebenfalls interessiert. Bisher dachte ich eigentlich, die Antwort ergibt sich aus meiner Genetik und meinem Lebensstil. Wir alle kennen ja hinlänglich die Fakten, die zu einem langen Leben dazugehören sollen; nicht rauchen, wenig Alkohol trinken, gesund essen und sich bewegen usw.  LANGWEILIG.

Dieser Test, der in dem Artikel vorgestellt wurde, klang ein bisschen schräg und hat damit prompt wieder meine Neugier geweckt:

Laut der Studien eines brasilianischen Arztes gibt es nämlich einen ganz simplen Test, mit dem sich feststellen lässt, ob man so richtig alt wird oder eher nicht. Echt jetzt! Der Test heißt: SRT – heißt Sitting-Rising-Test.

Er funktioniert so: im Schneidersitz hinsetzen und aus diesem Sitz aufstehen, OHNE die Hände zu benutzen und wieder hinsetzen, ebenfalls ohne die Hände zu benutzen.

Ich mache keine Witze.

Bei Interesse könnt ihr mal in die Website schauen, ist echt lustig:

https://www.bigfm.de/buzzhaltestelle/8964/dieser-test-soll-zeigen-wie-lange-man-lebt

Und so funktioniert die Auswertung:

  • Man bekommt 5 Punkte, wenn man sich aus dem Stand in den Schneidersitz setzen kann, ohne Hände oder Knie zu benutzen.
  • Man bekommt wieder 5 Punkte, wenn man ohne Hände und Knie zu benutzen wieder aus dem Schneidersitz aufstehen kann.
  • Jedes Mal, wenn man sich abstützen muss (mit Hand, Arm, Ellenbogen, Knie, etc.), wird 1 Punkt abgezogen.
  • Verliert man die Balance, werden 0,5 Punkte abgezogen

 Ergebnis (Vorsicht, Sarkasmus)
8 – 10 Punkte: Alles super, du hast noch ne Weile!
6 – 7,5 Punkte: Gut. Erstmal kein Grund zur Sorge.
3,5 – 5,5 Punkte:  Naja… Besser keine großen Pläne mehr schmieden
0 – 3 Punkte: Wir werden Dich nie vergessen!

Egal ob das nun stimmt oder nicht, in meinen Pilateskursen ermuntere ich die Teilnehmer jedenfalls ab jetzt immer mal wieder, aufzustehen, ohne die Hände zu benutzen. Kann ja nicht schaden und Spaß macht es obendrein. Also; bleibt elastisch und bewegt Euch.

Schöne Woche noch!

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 16. Juni 2019

Nächste Woche beginnt der richtige Sommer. Zumindest aus kalendarischer Sicht, denn am 21. Juni feiern wir den offiziellen Beginn des Sommers. Dieser Tag, auch Sonnenwende genannt, markiert auf der Nordhalbkugel der Erde den Beginn des Sommers aus astronomischer Sicht. Er gilt als der längste Tag des Jahres und markiert jenen Zeitpunkt, an dem die Tage allmählich wieder kürzer werden, wir uns also so langsam mit der Planung der Weihnachtsgeschenke beschäftigen sollten, denn a-zyklisches Einkaufsverhalten beugt nicht nur Stress vor, es schont auch den Feiertagsgeldbeutel. Die Sonnenwende findet in diesem Jahr bei uns angeblich um genau 17.54 Uhr MESZ statt. Der längste Tag des Jahres ist aber nicht überall gleich lang, oh nein. Er ist zum Beispiel in Hamburg um mehr als eine Stunde länger als in Zürich. Je näher man dem nördlichen Polarkreis kommt, desto länger sind die Tage um die Sonnenwende herum. Dieser Tag, die Sommersonnenwende, die in den nordischen Ländern Mittsommernacht genannt wird und das zweitgrößte Fest des Jahres nach Weihnachten darstellt, wird dort üppig und oft tagelang zelebriert. Dunkel wird es gar nicht mehr, der Sommer hat seinen Höhepunkt erreicht und das muss ordentlich gefeiert werden. Viele Menschen tragen hübsche Trachten, die Mädchen schmücken ihr Haar mit Blumenkränzen und es wird gerne um den eigens für das Fest errichteten Baum getanzt, meistens eine Birke, die ebenfalls fröhlich mit bunten Bändern und Blumen geschmückt ist.

Auch hierzulande, vornehmlich in den schwedischen Möbelhäusern mit dem gelb-blauen Logo, gibt es rund um die Sommersonnenwende Grund zum Feiern. Anläßlich der großen Sommersause bietet man der geschätzten Kundschaft kleine Aufmerksamkeiten an, wie etwa ein „all-you-can-eat-Buffet“ für Besitzer der Familienkarte oder man setzt Möbelstücke mit lustigen Namen, Textilien und Pflanzen ordentlich im Preis herab. All das tut man voller Freude und in der Hoffnung, jenes nette Brauchtum des fröhlich-entspannten Miteinanders aus dem Heimatland auch außerhalb der Landesgrenzen weitergeben zu können.

Ich habe die gut gemeinte Zeremonie des „all-you-can-eat-Buffets“ mehr zufällig als gewollt ein einziges Mal verfolgt, weil ich nach dem Bummel durch die langen Regalreihen ein wenig erschöpft war und nur schnell einen Kaffee trinken wollte. Eine Familienkarte besitze ich mangels Familie ja sowieso nicht. Leider bin ich allerdings ohne den Kaffee getrunken zu haben wieder gegangen, also nein, ich muss zugeben ich bin geflohen. Nicht etwa, weil so viele hübsche Menschen so ausschweifend um einen Baum getanzt wären, dass es für mich keinen Platz mehr gegeben hätte.

Oh nein!

Die Menschen, die ich dort zuhauf sehen konnten, waren geschmückt mit Plastikdosen und Tüten, um Beute zu machen, die man mit nach Hause schleppen konnte, hatte man sich satt gegessen am Buffet. Ausnahmslos alle zeigten von der Anstrengung der Nahrungsaufnahme und der Schlacht am Buffet hochrote Gesichter und hatten höchstens Krümel im Haar, von Blumen keine Spur. Statt sich an der Lebensfreude der Menschen in den nordischen Ländern zu orientieren, gab es für viele der Anwesenden offenbar ganz andere Vorbilder, wie etwa die ehemalige Sendung über das Leben der Tiere: „Grizmeks Welt“, was leider zu einer fatalen Verwechslung geführt haben muss. Die meisten jener Familien verwechselten die Tradition rund um das angebotene Buffet ganz offenbar mit dem Brauchtum der Bären, die sich im Sommer so viel Winterspeck wie nur möglich anfuttern, um gut über den Winter zu kommen. Statt Sommersonnenwende drohte mein Körper spontan mit plötzlicher Magenwende … das musste ich verhindern, da half nur die Flucht. Ohne Schnäppchen, Tüte, Katalog, Maßband oder Bleistift. Einfach raus. Am liebsten hätte ich denen zugerufen: „Leute, es gibt es Grenzen des guten Geschmacks und die sind nicht erst dann erfüllt, wenn die Tupperdose nicht mehr zugeht!!!! BITTE!“

Aber ich konnte nicht mehr reden, nur noch rennen. Zutiefst geschockt habe ich wenig später eine Weile vor der blaugelben Eingangstür auf einem jener Poller sitzen müssen, die für gewöhnlich ein zügiges Einladen länglicher Pakete in davor parkende Autos erschweren, jetzt aber meine Rettung waren. Es dauerte ein wenig, ehe ich mich in der Lage sah, unfallfrei nach Hause fahren zu können. Das war nicht gerade ein schönes Sommererlebnis, ehrlich. Ich hoffe, wir bekommen einen schönen Sommer voller herrlicher Erlebnisse, voller lauer Nächten und voller unvergesslicher, prallsonniger Tage. Wenn der Sommer dann vorüber ist, die Seelen mit der Wärme dieser Jahreszeit satt getankt sind, können wir uns ja zum Schlussverkauf in der Cafeteria dieses Möbelhauses der Schweden treffen. Oder später zur Weihnachtszeit. Zimtschnecken gibt es dann dort wieder, „Kanelbullar“ satt. Wenn die auch „all-you-can-eat“ angeboten werden, gehe ich da nie wieder hin. Versprochen.

Schönen Sommer noch!

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 09. Juni2019

Diese Woche war pickepacke voll mit lauter schönen Dingen, die mich bei aller Freude trotzdem erschöpft haben. Das passiert in meinem Alter schneller als früher. Leider. Mein ehemaliger Professor für Arbeitspsychologie hat übrigens schon während meines Studiums mehrfach erwähnt, dass es dem Körper herzlich egal sei, ob wir nun Eu- oder Disstress erleben würden. Einzig die gedankliche Bewertung sei es, die uns den Stress positiv oder negativ erleben lasse, körperlich spielten sich exakt die gleichen Prozesse ab und nach jeglicher Form von Stress benötige unser System anschließend eine Pause. Im Alter werde das im Übrigen noch wichtiger als in jungen Jahren, denn die Regenerationszeit werde länger. Dä. Am Dienstagabend forderte meine in die Jahre gekommene Körper-Geist-Seele-Einheit also nun genau solch eine Pause und ich landete entsprechend folgsam vor dem Fernseher. Sich selber zu verärgern bringt außer Falten und Psychosomatik gar nix, das habe ich seit geraumer Weile begriffen und höre mittlerweile auf die Bedürfnisse meines Systems. Mein rumänisches Kuschelhündchen landete mit zehnsekündiger Verspätung eiligst neben mir, das zweite Fellwesen ging zu meinen Füßen in Hab-Acht-Stellung, denn Herrchen hatte noch einen späten Termin, da wollte man sich vorsichtshalber eine gute Startposition sichern, um als erster an der Tür zu sein, wenn diese sich öffnen würde. Was verabredungsgemäß in Kürze zu erwarten war.

Unsere Hunde wissen, wann wir nach Hause kommen.

Wir erzählen es ihnen immer, auch wenn sich dabei jedem Hundetrainer die Haare zu Berge stellen würden, egal. Ein Hund im Hause Reitz wird über den Programmablauf des Tages informiert. Manchmal sogar mehrfach, weil wir vergessen haben, dass wir es schon erzählt haben. Passiert auch immer öfter im Prozess des Älterwerdens. Egal, zurück zum Fernsehabend. Wo war ich noch? Ach ja …

Auf VOX läuft am Dienstag schon seit einigen Wochen die Sendung „Sing mein Song das Tauschkonzert“, eine Musiksendung, in der die Teilnehmer die Songs des jeweiligen Künstlers singen, dem der Abend gewidmet ist. Ich mag dieses Format, an jenem Abend war der belgische Singer-Songwriter Milo dran, schöne Stimme, tolle Hits. Alle Zeichen standen auf gemütlich-entspannendem Fernsehabend. Bestens. Musik ist perfekt zum Abschalten und erfreut das Seelchen. Herrlich! Ein Gläschen Wein, etwas Wasser, ein wenig zum Knabbern, alles vorbereitet. Vorauf ich allerdings definitiv nicht vorbereitet war, war die Tatsache, dass mich ausgerechnet Michael Patrick Kelly vollkommen umhauen würde. Jener begabte Musiker mit einer fantastischen Stimme, dem ich früher als Mitglied der Kelly Familie nicht gerade auf social-media „gefolgt“ wäre (hätte es das damals schon gegeben), erwischte mich an diesem Abend, verpasste mir eine volle Gefühlsbreitseite. Das passierte, als er zunächst einen Song von Milo anmoderierte und später derart gefühlvoll sang, dass es mich einfach „ emotional geflasht“ hat. Thema des Songs: Das „unwiederbringliche zu-spät-kommen“ im Leben. Hintergrund: Milo hatte eine E-Mail einer jungen Frau bekommen, die ihn darum bat, ein Mini-Privat-Konzert für ihre schwerkranke Freundin im Krankenhaus zu spielen. Und er wollte hingehen, wollte ihr diese Freude zu machen, einfach so, gerne sogar, war fest entschlossen. Es war nur noch dies und das zu erledigen. Als er zwei Tage später mit jener jungen Frau telefonierte, um einen Termin für den Besuch abzusprechen, meinte diese: „Zu spät. Meine Freundin ist tot“.

Das abgrundtiefe, unfassbare Gefühl, das daraufhin erlebte, hat ihn zu dem Song motiviert. Er durchlebte dieses Gefühl zweimal in seinem Leben –einmal bei der traurigen Geschichte mit der jungem Frau und dann noch einmal, ausgerechnet beim Tod des eigenen Vaters, der plötzlich und viel zu früh an einem Herzinfarkt verstarb, aus dem Leben gerissen wurde. Er hat sich nicht verabschieden können. Zu spät. Nie hat er seinem Papa gesagt, dass er ihn liebt. Zu spät. Wie grausam das Leben doch sein kann.

Zu spät.

Zwei Wörter, in denen die geballte Wucht des Schicksals stecken kann. Obwohl ich das unfassbare Glück gehabt habe, mich von all meinen Lieben verabschieden zu können, bevor sie von dieser Welt gegangen sind, habe ich nur noch weinen können. Auch wenn ich nicht genau DAS erlebt habe, worüber Michal Patrick Kelly da gesungen hat (Danke, seither bin ich ein großer Fan geworden!!!), so gibt  es natürlich andere Dinge, dir mir im Nachhinein leidtun, die ich bereue, die ich im rückblickend gerne anders gestaltet hätte. Mittlerweile bin ich mit diesen Episoden versöhnt, es gibt einfach kein Leben ohne Bedauern. Wir müssen mit den Konsequenzen unseres Verhaltens umgehen, egal ob nun gewollt oder komplett unabsichtlich geschehen. Das Verhalten eines Menschen hat eine Wirkung auf einen anderen oder auf mehrere andere. Immer, so einfach ist das. Weder lässt sich alles entschuldigen noch rückgängig machen. Auch wenn ich etwas NICHT tue, hat das eine Auswirkung. Wie schwer muss solch ein „zu-spät-Erlebnispaket“ auf der Seele lasten und wie leicht könnte es jeden von uns treffen. Irgendwie gehen wir ja alle stilschweigend davon aus, dass es ein „morgen“ gibt. Morgen sage ich es, stelle es richtig, entschuldige ich mich. Morgen besuche ich die Oma, Tante, Mutter, den Vater, Opa oder Onkel. Später. Bald, demnächst, zu Weihnachten oder am Geburtstag. Vielleicht zu spät.

Muss denn das so sein? Eigentlich nicht, denn wir können uns auch dazu entscheiden, nichts schuldig zu bleiben und rechtzeitig zu sagen, was wir sagen möchten: Ich hab dich lieb, du bedeutest mir viel, schön, dass du da bist. Wir können rechtzeitig all jene besuchen, die uns wichtig sind. Wir können im Frieden miteinander sein und auseinander gehen. Jetzt. In der Zeit. Rechtzeitig. Dieser Dienstagabend war ein Wechselbad der Gefühle, ein Moment prallen realen Lebens, pures, emotionales Glück voller Tiefe und unerwartet schmerzlicher Erinnerung. Ein Grund zum Feiern und genau das sollten wir eigentlich an jedem einzelnen Tag unseres Lebens tun: Feiern wir das Leben, egal wie und egal wo, jede Facette. Irgendwann ist es vielleicht sonst wirklich „zu spät.“ Ich wünsche uns allen eine besonders herzliche Pfingst-Woche voller berührender Erlebnisse.

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 02. Juni 2019

Endlich! Der Juni ist da, der erste jener lang ersehnten Sommermonate. Juni, das bedeutet üppige Rosenblüte, leuchtend bunte Pracht im Blumenbeet und Gemüse satt aus dem eigenen Garten. Eigentlich, denn trotz drohender Ankündigungen, dieser Sommer werde der zweite verheerende Hitzesommer nach jenem aus dem Vorjahr, es könne noch schlimmer werden und so weiter und so fort, war es bisher kalt und nass. Amtlich gesehen war der Mai 2019 sogar der drittkälteste Mai seit 30 Jahren in der Region Aachen. Steht gerade heute in der Zeitung. Dä! Meine Blumen sind entsprechend beleidigt, blühen „Size-zero-dürre“ und auch nicht so bunt wie sonst. Wenn ich an ihnen vorüber schlendere, habe ich das Gefühl, sie drehen die Köpfe zur Seite. Ich kann doch auch nichts dafür!!! Gärtnerin zu sein ist immer wieder ein Trainingslager für die eigene Frustrationstoleranz. Aber nicht nur die schmallippigen Blumenblüten sind schwer zu ertragen, nein, besonders hart hat mich in diesem Frühjahr ein ganz anderer Rückschlag getroffen. Liebevoll hatte ich nämlich kleine Tomatenpflänzchen vorgezogen, sie gehegt und gepäppelt und kaum das sie ein paar Zentimeter gewachsen waren, in größere Töpfe gesetzt, die auf dem Boden im Gewächshaus standen. Tags drauf schlich ich schon morgens früh hinein um zu sehen, ob es allen gut geht. Noch immer spüre ich den Schock, der mir bei diesem Anblick direkt und ohne Umwege in die Glieder gefahren ist. Als ich mein kleines Gewächshaus betrat und auf die Töpfe blickte, war na nämlich:

Nix. Da war nix. Rein gar nix. Nur noch Erde.  

Ich bin vorsichtshalber nochmal rausgegangen aus dem Gewächshaus und dann wieder rein. Die Lage blieb unverändert. Ernst. Alle Setzlinge weg. ALLE.

Leise meinte ich, die üppige Mäusepopulation kichern zu hören, die sich rings um unser Haus vermehrt hat, was mir durch das emsigen Schnüffeln der Hunde schon aufgefallen war und in der Dämmerung hatte ich die ein oder andere sogar flitzen sehen. Niedlich, diese Tierchen, hatte ich immer gedacht. Aber da klang Häme aus den Ritzen! Was für ein Glück, dass ich gegen Chemieeinsatz im Garten bin und Mäuse mag. EIGENTLICH. Aber das geht doch zu weit! Ich kann sie ja verstehen, Bio-Setzlinge sind sicher super lecker, Finger Food für flinke Mäusepfötchen. Aber EINEN hätten sie mir doch wenigstens übrig lassen können, oder?

Wenigstens habe ich noch die andere Sorte Tomaten, die ein bisschen zu spät dran war und deswegen noch nicht umgetopft wurde und nun milde vom metallenen Gewächshaustisch lächelt, der offenbar so etwas wie die Eiger-Nordwand für Mäuse ist. Unbezwingbar. Tja, es ist wohl so – nicht immer bestraft einen das Leben, wenn man zu spät dran ist …. Manchmal rettet es offenbar das eigene Dasein, zumindest im Land der Nachtschattengewächse.

Na dann; schönen Sommer noch. Vielleicht ist der auch bloß spät dran und lebt dann lange bis in den Herbst hinein …. Schön wär es ja schon!

30. Mai 2019. Christi Himmelfahrt. Vatertag

Für Papa und für alle Väter auf Erden und im Himmel

Heute ist ein Feiertag. Solche Tage beginnen meistens mit jener strahlenden Ruhe, die ein Alltagstag nicht zu bieten hat. Normalen Tagen kann man schon früh die beginnende Geschäftigkeit der kommenden Aufgaben anhören. Das Rauschen des Berufsverkehrs übertönt das der Blätter an den Bäumen, statt Vogelstimmen zwitschern Smartphonetöne.

Heute ist anders.

Feiertage können sich herausnehmen, langsam und still zu starten, äußerlich und innerlich. Das sind die Tage, an denen man nach innen hören kann. In mir klingt heute innerlich ein bisschen Melancholie. Heute ist ein persönlicher Tag für mich, neben der Bedeutung des kirchlichen Feiertages hat er für mich schon immer eine besondere Bedeutung gehabt, jener 30igste Mai.

Mein Leben lang.

Der 30 Mai ist der Tag, an dem mein Papa Geburtstag gefeiert hat.

Seit 9 Jahren kann ich an diesem Tag nur noch an ihn denken, an seine wundervollen Seiten und auch an die schwierigen, über die ich heute oft liebevoll lachen kann. Vor 9 Jahren, als er friedlich von dieser Welt gegangen ist, hat er alles mit genommen in den Himmel. Seine Persönlichkeit und seine Seele.

Das Wichtigste aber, das durfte ich behalten. Im Herzen und in meiner Seele:

Die Erinnerung daran, geliebt zu werden.

Für immer Danke Papa.

Schreibschwesters Kolumne zum Sonntag, 26. Mai 2019, Europawahl in Deutschland

Europa wählt, Deutschland ist am Sonntag dran. Es geht um viel – es geht um Europa. Hoffentlich geben viele Menschen ihre Stimme für ein friedliches Zusammensein. Das ist es doch, was wir uns alle wünschen. Ich bin absolut für Europa, fühle mich ohnehin schon europäisch. Ich lebe mit meinem Mann in Aachen und in Belgien an der Küste, wo wir uns den lang geträumten Traum eines Zweitwohnsitzes am Meer erfüllen konnten. Na gut, das ist Mini-Europa, weil Aachen und Belgien nun jetzt auch nicht sooooo weit auseinander liegen … aber immerhin. Mein Mann spricht außerdem ziemlich gut „Europa“: perfekt Englisch und sehr gut Niederländisch, ein bisschen Französisch und ein paar Brocken Spanisch. Auf allen Flohmärkten in Europa kann er seltsamerweise in jeder Sprache fließend handeln, ein cleverer Europäer eben, mit scharfem Blick und wachem Geist. Ich bin da nicht ganz so flott unterwegs, die englische Sprache geht sehr gut, Niederländisch eher noch sehr, sehr wenig und mit meinen französischen Sprachbrocken könnte ich immerhin den Alltag bestreiten, genügt mir. Als Frau kann man ja auch noch lächeln, wenn man nicht mehr weiter weiß. Funktioniert grenzüberschreitend und vollkommen ohne Worte. Gut, diese Wirkung verblasst mit zunehmendem Alter leider so sehr wie die natürliche Farbe der Haare, besonders bei den Damen, die mit Botox versuchen, der Auswirkung ihrer Mimik Grenzen zu setzten, aber lassen wir das an dieser Stelle, es geht ja um Europa … Übrigens leben auch die beiden Fellnasen, die unser Leben teilen, seit zwei Jahren  perfekt den europäischen Geist: deutscher Cairnterrier aus dem Münsterland trifft auf rumänische Hundedame aus dem Tierschutzprojekt, die 2017 ins Rudel gekommen ist. Passt. Diese beiden Hunde lieben sich, es gab von Beginn an keinerlei Verständigungsprobleme, offenbar ist „hündisch“ Weltsprache für alle Fellnasen. Kommunikation unter Hunden erstaunt mich immer wieder, denn ob ich nun auf ehemalige Straßenhunde aus aller Herren Länder treffe, auf Rassehunde aller Größen, Farben und Formen – entweder zeigt man schwanzwedelnd „Du bist ok, dich mag ich“ oder erklärt grollend, bellend und dezent zähnefletschend „Hau ab, mit dir will ich nichts zu tun haben“, respektiert aber im gesunden Hundeverhalten stets das Gegenüber. Hund geht einfach, wenn er den andern nicht mag. Diejenigen, die neurotisch und wesensgestört sind, die sind das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch den Menschen geworden, wurden nicht artgerecht gehalten, misshandelt oder im schlimmsten Fall beides zusammen. Tierschutz in Europa, das ist noch immer ein sehr, sehr trauriges Kapitel und wenn ich eine Partei finde, die die Tiere vor den Menschen schützt –denn das ist ja leider der Inhalt von „Tierschutz“ -, kriegt die meine Stimme. Sofort. Egal bei welcher Wahl. Tiere verdienen jede Stimme und ein gutes Leben, in Europa und auf der ganzen Welt. Sie können leider nicht einfach so gegen ihre Haltungsbedingungen demonstrieren, auf ihre Qualen aufmerksam machen oder zum Anwalt gehen. Halt, da fällt mir ein, unsere Hunde gehen täglich zum Anwalt, zu meinem Mann, wenn der mit den beiden durch den Wald marschiert, Stöckchen wirft und Leckerchen verteilt. Klage hat von denen noch keiner eingereicht …

Ich selber versuche auch immer, mit offenen Augen für die Tiere durch die Welt zu gehen. Im letzten kalten Winter habe ich auf der Fahrt zum Supermarkt an der Küste eine kleine beigefarbene, alleine umherirrende Hündin aufgelesen und zur Polizei gebracht, um ihre Halter ermitteln zu lassen. Und als ich mich gestern bei den Nachbarn zur rechten an unserem neuen Ferienhaus vorgestellt habe -na, wer kam mir da entgegengerannt? Genau. Jene kleine beige Hundedame, die mich sofort stürmisch begrüßt hat. Ich erfuhr, dass sie eine ehemalige italienische Straßenhündin ist und leider öfter mal ungenehmigte Ausflüge macht, wenn sich die Gelegenheit bietet. 

Europa? Läuft bei uns. Friedlich. Miteinander. Füreinander. Auf zwei und vier Füßen.

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