Hallo Tag,

jetzt ist es schon wieder Abend und es hat heute nicht aufgehört zu regnen! Dabei bist du ein Sonntag gewesen, aber mit Sonne hattest du leider so überhaupt gar nichts zu tun. Jetzt stürmt es auch noch, schönes Wetter ist wirklich etwas anders. Irgendwie hat es mich aber heute nicht gestört, denn ich liege ein bisschen auf der Lauer. In Wartestellung mit leicht ängstlich angelegten Ohren, bin angespannt konzentriert in Erwartung auf den kommenden Morgen.

Warum?

Morgen früh um 8.20 Uhr habe ich einen Zahnarzttermin. Je näher der kommt, desto unruhiger werde ich. Zwei Krönchen müssen neu gerichtet werden, wahrscheinlich nur totale Routine für die Ärztin und ihr Team, es gibt schlimmeres, viel schlimmeres.

Okay, das weiß ich auch.

Ich bin aber leider seit meiner Kindheit ein wenig zahnarztphobisch geworden. Mein Großonkel Siegfried war nämlich auch Zahnarzt, klar dass der mich auch behandelt hat. Er war ein mutiger Mann und sicher auch ein guter Arzt. Das Problem in unserem kleinen Ort im Harzvorland war aber, dass sich dort in die Nähe der ehemaligen Zonengrenze zur DDR auch hin und wieder Menschen aus Russland verirrt haben. Und es hat sich schnell rumgesprochen, dass dieser mutige Zahnarzt die schmerzunempfindlichen Russen sehr gut behandelt hat.

Kleine Mädchen sind aber anders als erwachsene Russen, das hat er dann nicht wirklich auf dem Schirm gehabt. Betäubungsspritzen waren out, durchhalten in, auch wenn Löcher bis auf den Nerv gebohrt werden mussten.

Was habe ich da immer für eine Angst ausgestanden!

Meine Mutter, die auch nicht so wehleidig in Sachen Zahnbehandlung gewesen ist wie ich es bin, hat immer ganz tief in die psychologische Trickkiste gegriffen und für die tapfer durchlittene Sitzung auf Onkelchens Behandlungsstuhl einen anschließenden Besuch im schönsten Spielwarenladen des Ortes in Aussicht gestellt. Dort durfte ich mir immer nach dem Zahnarztbesuch etwas aussuchen und das war wirklich etwas besonders, denn so üppig war das Geld in meiner Familie nicht und der schöne Laden hatte saftige Preise.

Der Laden war ein Kindertraum, ein Paradies.

Eine Eingangstür empfing uns schon mit einer melodiösen Klingel, die pures Kinderglück versprach, ein hölzerner Tresen, in den vorne ein paar Regale hinter Glas eingelassen waren, die voll mit Tier- und Spielfiguren standen empfing uns sofort nach dem Eintreten. Überall aus den vollgestopften Regalen, Körben und Kinderwagen lachten Puppen und Stofftiere. Kasperle und Schaukelpferde schauten auf die kleine Kundschaft herab und schienen uns beinahe zu zuwinken.

In diesem Laden wohnte außerdem ein ganz besonderer Duft, es roch immer ein bisschen süßlich, nach Zuckerwatte und Vanille, aber auch herb nach Holz, Lack und nagelneuem Spielzeug. So riecht Kinderglück mit einer Portion Vorfreude, ganz pur und rein. Das Versprechen auf Spaß lag an diesem Ort in der Luft.

Dorthin durfte ich also gehen, wenn ich mit zittrigen Beinchen endlich aus der Praxis von Onkel Siegfried entlassen wurde und es war immer eine wirklich tiefe Freude. Mami wusste schon, warum wir da sonst nie hingehen durften. So hatte der gruselige Zahnarztbesuch hinterher immer auch eine einzigartige, pralle Freude im Gepäck.

Vielleich sollte ich mir auch mal überlegen, was ich morgen, wenn ich die neuen Krönchen im Mund habe, machen könnte … das wäre doch eine gute Idee.