Hallo Tag,

du hast uns heute morgen mal wieder mit Regenwetter begrüßt, aber das macht nichts. Nach dem Regen kommt immer auch irgendwann wieder die Sonne, so heißt es doch und darauf freue ich mich schon jetzt. Bis es so richtig schön wird, die Frühlingssonne sich zeigt und uns mit ihren warmen Strahlen voller bunter Lebensfreude kitzelt, bis es grün wird und draußen alles erblüht, dauert es ja sowieso noch lange. Aber immerhin, wir wissen – irgendwann kommt der Frühling!

Auch meine psychotherapeutische Arbeit hat heute nach der Weihnachtspause  begonnen und ich freue mich stets darauf, wieder in die Praxis zu gehen. Es ist sehr berührend, Menschen in den unterschiedlichsten Phasen ihrer Lebens begleiten zu dürfen, ihnen zur Seite zu stehen und gemeinsam nach Lösungen für jene Themen zu finden, die gerade wichtig sind, die anstehen auf dem Lebensweg. Das empfinde ich noch immer voller tiefer Dankbarkeit und als große Gnade und keineswegs als Selbstverständlichkeit.

Heute ging es in mehreren Sitzungen um chronische Schmerzen im Körper, die ein wirklich schweres Los sein können. Der akute Schmerz ist eine Art Wachhund für die Gesundheit, warnt uns und fordert zum sofortigen Handeln auf. Diese -an sich löbliche und lebenswichtige- Funktion hat der chronische Schmerz verloren, er ist immer da, mal mehr mal weniger stark. Er bleibt und begleitet, jeden Tag. Jede Nacht. Den Betroffenen bleibt häufig nur übrig, irgend eine Form von Umgang damit zu finden, zu akzeptieren, dass sie diesen ungebetenen Gast nicht mehr loswerden, so sehr man sich auch wünscht, er möge endlich wieder gehen, ausziehen und einen in Ruhe lassen. Er bleibt. Chronisch, für immer und das muss man akzeptieren.

Diese Akzeptanz des „Ist-Zustandes“ zu erreichen, ist unglaublich schwer.

Auf die Jahreszeiten übertragenen könnten man sich das – als ziemlich abstrakte Idee- in etwa so vorstellen, als müsste man akzeptieren, dass der Frühling nicht mehr kommt. Es bleibt nasskalter Schmuddel-Winter. Egal, was Sie tun oder lassen. Da kann man klagen, jammern, weinen, wüten. Es ändert sich nichts. Gar nichts.

Guter Rat scheint teuer, aber es ist nicht unmöglich, mit dem „Unveränderbaren“ umzugehen und sich für das eigene Leben eine dicke Portion Lebensqualität zurück zu holen.

Regenwetter zum Schöndenken? Vor meinem geistigen Auge sehe ich dabei den einzigartigen Gene Kelly in seinem magischen „Dancing in the rain“, ein Stück überirdisch schöner und überglücklicher Musikgeschichte – im Regen.

Wie aber soll das mit der Akzeptanz in der Realität funktionieren?

Ich glaube, dass die Kunst darin besteht, die MÖGLICHKEITEN zu entdecken, die verdeckt im Schatten des Leidens liegen, die warten, die klein und leise sind. Manchmal sind es regelrechte Schätze, die man erst erkennt, wenn man akzeptiert hat, was ist.

Das gilt für alle Lebensphasen, alle körperlichen oder seelischen Einschränkungen, jedes Lebensalter und jeden Menschen. Niemand hat oder kann alles, ist lebenslänglich quietschgesund und hat das große Glück gepachtet. Wir alle sind hier auf der Erde, weil wir noch etwas zu lernen, zu heilen, zu lösen haben. Was auch immer das ist …

Wir können uns als erstes fragen; Was geht nicht mehr?

Dann aber sollten wir die viel wichtigere, zweite Frage stellen: Was geht denn jetzt NOCH? Woran habe ich Freude? Was könnte mich nun ausfüllen? Was habe ich noch nicht ausprobiert? Wer könnte mit mir gehen, um etwas Neues zu erfahren?

Ich habe im Laufe der Jahre viele schwerkranke Menschen erlebt, die mich unfassbar berührt haben und die es geschafft haben, aus ihrem Leid etwas Neues entstehen zu lassen, das sie als beglückend erlebt haben, hier nur ein paar wenige Beispiele:

  • der Manager mit dem grausam lauten Ohrgeräusch etwa, das sich angehört wie Zikaden zirpen von Abertausenden der kleinen Tierchen und das ihn erst die Konzentration und dann seinen Job gekostet hat. Nach tiefer Verzweiflung hat er in der Kur begonnen zu malen – was er nie zuvor getan hat – und hat sich vorgestellt, er lebe und male mitten in der Provence, wo die Sommermusik der Zirkaden zum Lebensgefühl gehört. Nach eigenen Aussagen stören ihn die Geräusche kaum noch, er freut sich auf seine nächste Ausstellung … und plant für den Sommer einen Malkurs in der Provence! Er ist glücklich.
  • der junge Psychologenkollege, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist und mir zwei Jahre später freudestrahlend erzählt hat, dass er jetzt Rollstuhl-Marathon fährt und sogar schon mal gewonnen hat. Er trainiert nun für die Paralympics und ist glücklich.
  • Die lebenslustige, einst sportliche Frau mittleren Alters, die ihren jetzigen Ehemann spät kennen gelernt hat, MS bekommen hat, nun kaum noch gehen kann, die aber genau diese Einschränkungen akzeptieren konnte und eine so glückliche Ehe führt, dass sie aus ihrem Inneren strahlt. Jeder sieht: sie ist glücklich. Und das sagt sie auch.
  • Die junge Frau von Anfang zwanzig, die ich im letzten Jahr auf dem Kongress der DSO (Deutsche Gesellschaft für Organtransplantation) in Frankfurt kennen lernen durfte – die seit 12 (!) Jahren Herz transplantiert ist – und Leistungssportlerin ist. Sie hat einen Vortrag gehalten, bei dem wir alle geheult haben, denn sie ist dankbar – und glücklich!

Das sind nur wenige, dafür aber leuchtende Beispiele, die als Vorbilder taugen.

Wert zu schätzen, was wir haben, ist ohnehin eine Kunst und die beginnt mit den „richtigen“ Einstellungen und Gedanken. Aus einem guten Ge-danken kommt man schnell zum Dank … und ich finde, es gibt täglich eine Menge Dinge, Erlebnisse, Sinneseindrücke, für die wir dankbar sein können und es sollten. Immer, egal wie es uns geht, auch wenn es manchmal schwer fällt.

Dazu ein schöner Abschluss-Satz von Marc Aurel:

„Das Glück im Leben hängt von den guten Gedanken ab, die man hat“