Hallo Tag,

eigentlich müsste ich dich mit „hallo Abend“ begrüßen, denn du bist schon fast vorbei. Aber immerhin habe ich heute viel geschafft. Es gibt am Jahresbeginn immer Dinge zu erledigen, die eher lästig sind, die aber auch erledigt werden wollen. Dazu gehört das Einreichen meiner gesammelten Krankenkassen-Rechnungen, der Jahresabschluss der Praxis, die Vorbereitung der Steuererklärung für den Steuerberater und so weiter. Und von genau diesen staubtrockenen Erledigungen habe ich einiges schon weggeschaufelt, was ja auch immer in gutes Gefühl ist. Der Rest muss am Wochenende fertig werden, das kriege ich irgendwie schon hin.

Wie an fast jedem Tag, so gab es auch heute wieder eine bunte Mischung aus schönem und weniger schönem Erleben. Zu der Rubrik `schön` gehörte eindeutig das Spielen mit den Hunden, der leckere Nachmittagskaffee mit den belgischen Pralinen, die ich mir extra mitgebracht habe und: ein Frisörbesuch.

Das gemeine am Älterwerden ist ja – unter Anderem-, dass man irgendwie im Laufe der Zeit an Farbe verliert und sich auf so einen mausgraubeigegelblichen Farbton reduziert.

Manchmal stelle ich mir das bildlich vor. Dann sehe ich hinter jedem Menschen eine dünne Spur aus abnehmender Buntheit, die im Laufe der Jahre immer fahler wird. Wie eine Art platt gewordener Regenbogen, den das Sonnlicht einfach auflöst. Irgendwann sind die Haare grau geworden, die Haut beige, die Zähne gelblich, also wirklich, da muss man gegen halten, finde ich. Und Farbe in die Haare zu bringen ist einfach.

Da saß ich also nun, einen schlammfarbenen Turm aus Haaren und ökologischer Tönungspackung auf meinem Kopf und blätterte in einer Zeitschrift. Zunächst fiel mir auf, dass ich bald mal wieder meine Lieblingsoptikerin besuchen muss, denn die alte billig-Brille, die für gewöhnlich im Auto liegt und die für den Frisörbesuch immer herhalten muss, falls etwas Farbe an die falsche Stelle geraten sollte, tut es nicht mehr. Also, die Brille schon, aber meine Äuglein dahinter nicht mehr.

Komisch oder? Irgendwie altert man immer in Schüben.

Nicht genug, dass ich mittlerweile jeden Abend ein bisschen Gymnastik machen muss, um meine körperlichen Zipperlein mit Entspannung und Dehnung zu gutem Schlaf zu überreden, nein, auch die Sicht ändert sich.

Gott hab Dank ändert sich diese Sicht hin und wieder auch im Hinblick AUF die Dinge, so mancher Blick in die Welt wird im Laufe der Zeit ja doch milder, mitfühlender, verzeihlicher, gütiger. So geht es mir auch und das kann ich genießen, aber das meine ich an dieser Stelle nicht. Hier und heute bei meinem Frisörbesuch ging es um nichts anderes als um schnöde Dioptrien. Und da brauche ich Nachbesserung, denn ohne die wird es anstrengend. Zumindest auf Dauer. Und lesen wollte ich nun unbedingt, denn was ich da in den Zeitungen gefunden habe, war teilweise hinreißend und Mut machend und einfach nur schön! Zwar war es wieder mal eine Frauenzeitschrift, die ich zu fassen bekam, aber in diesem Fall ging es nicht um „Diäten und Neujahrsvorsätze“, hier hat man sich in der Redaktion mal ganz andere  Gedanken gemacht und sich getraut, Geschichten zu erzählen, die glücklich machen.

Zum Beispiel:

Die Geschichte über einen Buchladen in Südengland, der wegen steigender Mietpreise geschlossen werden sollte – und das haben die Kunden verhindert. Sie haben ihn gerettet!

Oder der Bericht über einen Chip, der Tierversuche ersetzt! Mein Herz hat gejubelt, als ich das gelesen habe. Im Dresdener Frauenhofer Institut haben clevere und mitfühlende Ingenieure so etwas entwickelt und an der Uniklinik wird es bereits eingesetzt. Danke, ihr Engel!

Die Geschichte über die Flasche, die aus Müll besteht.

Die über die Wildblumen, die Pestizide ersetzen.

Und die über Superhelden, die kranken Kindern Glück bringen. Also bei der musste ich heftig schlucken, denn hier wurde darüber berichtet, dass sich Seiltechniker der Polizei und Feuerwehr in Wien als Spiderman oder Batman verkleidet haben und an der Fassade der Kinderklinik herabgeklettert sind, um die Kinder zu überraschen, die sich unendlich darüber gefreut haben. Was für eine herzerwärmende Aktion. Bitte mehr davon!

Und zum Schluss stand irgendwo in einer anderen Zeitschrift noch dieses Zitat von Christa Wolf, dass das Motto für all diese Geschichten sein könnte, die ich heute lesen durfte:

„Einmal im Leben, zur rechten Zeit,

sollte man an das Unmögliche geglaubt haben.“

Diejenigen, die diese schönen Geschichten möglich gemacht haben, die ich gerade erwähnt habe, haben das sicherlich getan – und; was noch viel besser ist: Sie haben es wahr GEMACHT, das Unmögliche!

Schön, dass man sagen kann: Manchmal wird das Unmögliche möglich.

Wirklich.

Schön! Beinahe un-wirklich schön ist das!