Ich habe festgestellt, dass man älter werden kann, ohne es zu bemerken. Nun werden Sie fragen „Wie soll das denn gehen?“

Antwort: Ganz einfach, man braucht es nur so zu machen, wie es mir in diesem Jahr an meinem Geburtstag gelungen ist. Einen Tag vorher bin in einen unsichtbaren, gemeinen und hinterhältig lauernden Virenschwarm gelaufen und zack, da lag ich.

Grippe.

Geburtstag mit Viren. Nicht eingeladen, aber alle sind gekommen.

Also, nicht, dass wir uns missverstehen. Das war kein jämmerlicher kleiner grippaler Infekt, nein, das war eine richtig ausgewachsene, gemeine Grippe der Sorte mutierter Virus der neuen Saison ohne Schnupfen und Husten. Sicher eine entfernte Verwandte der Stämme der Schweine- und Vogelgrippe.

Das Gute an so einer echten Grippe ist übrigens, dass man derart platt ist, dass einem zum Lamentieren, Jammern, sich selber Bedauern und Verzagen die Energie fehlt. Alles was geht ist Liegen. Tagelang.

In der Hoffnung neue und schnell wirkende Linderungstipps zu erhalten, habe ich -als ich wieder ein bisschen aus meinen Augen schauen konnte- das Internet durchforstet. Es gab leider bei Dr. Google und Co. nichts, was ich nicht schon gekannt hätte, aber anlässlich meines Geburtstages bin ich auf eine unglaubliche dänische Übersetzung für die Bezeichnung gestoßen, die man wohl, nun ja – ich sage es ungerne –  für eine weibliche Person mit 56 Jahren zutreffenderweise wählen könnte: Ältere Dame.

„Ältere Dame“, auf dänisch:  Gammel Dame.

Ist eben doch nicht alles nur Hygge, was von unseren Freunden aus dem hohen Norden kommt, aber genauso habe ich mich gefühlt, in meiner Grippephase mit all den ungebetenen Virengästen. Gammel Dame.

Der Körper gammelt vor sich hin, die Muskeln werden schlapp, alles tut einfach nur weh, das Gehirn schaltet auf Watte-Wahrnehmungs-Modus und hinter diesen nebulösen Wolken verschwinden die üblichen, für gewöhnlich so unglaublich wichtigen Dinge wie To-Do-Listen, Emails und sonstige Nachrichten, Termine, Wochentage, ja und eben auch Geburtstage.

Ich habe quasi nicht einmal bemerkt, dass ich überhaupt älter geworden bin, auch wenn mein liebevoller Ehemann mit Blumen und Geschenken tapfer versucht hat, dagegen zu halten.

Und irgendwie finde ich sowieso, dass Geburtstage überschätzt werden.

Viel wichtiger ist es doch eigentlich, darüber nach zu denken,  wie man sich allgemein in der aktuellen Phase seines Lebens fühlt. Bin ich zufrieden? Oder möchte ich etwas ändern? Nachdem ich die körperlichen Einschränkungen einigermaßen überwunden hatte, die Mehrzahl jener ungebetenen Virengäste also wieder abgereist war, gab es ja nun Zeit zum Denken in Hülle und Fülle.

Also habe ich rumgelegen und nachgedacht.

Über das zurück liegende Jahr, über wunderbare Freunde, die ich tragischerweise verloren habe, über bestehende und über neue, zart wachsende Freundschaften und schließlich auch über mein Alter. Das passiert ja ganz automatisch, wenn man nach Tagen der Abwesenheit sein Handy wieder einschaltet. Die ganzen Glückwünsche erinnern beinahe zwangsläufig an den -in meinem Fall verpassten-  „Ehrentag“. Eigentlich ist das auch richtig schön. Ich freue mich an den Menschen und Tieren in meiner Umgebung und ich mag es, im Augenblick zu leben. Und manchmal mag ich es auch, älter zu werden, zurück schauen zu können auf das gelebte Leben und sich zu fragen, was wohl noch kommen mag.

Generell ist das Thema Älterwerden aber eine zwiespältige Angelegenheit, nicht gerade einfach, manchmal berührend, manchmal komisch und oft eine echte Tortur.  Es ist ein bisschen wie eine Abenteuerreise mit sehr, sehr unterschiedlichen Etappen. Mal geht es super, alles läuft wie am Schnürchen, die Etappe führt über seichte Hügelchen in idyllischer Wiesenlandschaft oder am Strand entlang, man genießt, alles ist wunderbar. Ohne Anstrengung. Dann plötzlich ändert sich etwas, ein wenig nur, vielleicht der Luftdruck, eine Steigung, nicht viel. Dennoch bricht eine neue Etappe an, ungeahnte Herausforderungen ziehen auf, der eigene Körper braucht mehr Aufmerksamkeit, fordert Behandlung, Pausen, oder will nur ganz bestimmte Bewegung. Kaum ist das erledigt, zieht wie aus dem Nichts Sturm auf. Wetterumschwung, schon wieder. Und schon benimmt sich das Gehirn wie eine verwöhnte Prinzessin, vergisst das ein oder andere oder verdreht ein wenig die erlebten Inhalte, damit alles in die eigene Wahrnehmung passt … und weiter geht die Reise. Vielleicht kommt nun eine sonnige Etappe durch liebliche Landschaft, vielleicht steht auch eine Exkursion in die Antarktis auf dem unsichtbaren Reiseplan des Schicksals. Wer weiß.

Da bleibt uns nur, anzunehmen was ist. Im Hier und Jetzt.

Das aller-aller-aller wichtigste ist Akzeptanz und Zufriedenheit, finde ich. Und das gilt für jedes Alter und auch für jeden körperlichen oder seelischen Zustand.

Beeindruckenderweise habe ich ausgerechnet von schwer kranken Menschen, die ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit begleiten durfte, gelernt, dass weder Jugend, Gesundheit, Erfolg oder Reichtum automatisch dazu führen, dass Menschen voll und ganz zufrieden sind.

Es ist wohl eher der dankbare und auch achtsame Blick auf das, was jetzt gerade ist, was wir erleben und genießen können, was uns zufrieden sein lässt; die kleinen Dinge des Alltags, Ein Lächeln etwa, eine liebevolle Berührung, ein nettes Wort mit besonderer Bedeutung, schöne Begegnungen oder auch sinnliche Momente, ein atemberaubender Blick in die Natur, Meeresrauschen mit dem Gesang der Möwen, ein Regenbogen, leise tröpfelnder Regen im Sommerwald oder der Duft von frisch gebackenem Brot und süßem Kuchen.

Was zählt, ist das Er-leben eben jener kleinen Schönheiten im Alltag. Jeden Tag. Das ist die Feier des Lebens, um die es geht, weniger dabei wohl um die Zahl der Jahre, die wir schon hier sind auf der Erde.

Es gibt diesen wunderbaren Spruch : „Man sollte versuchen, den Jahren mehr Leben zu geben, nicht dem Leben mehr Jahre.“

Passt doch geradezu perfekt, oder?

Also dann: Feiern wir doch das Leben jeden Tag, dann haben wir auch jeden Tag einen Grund, um uns zu gratulieren – nicht nur an Geburtstagen.

Herzlichen Glückwunsch – für das Erleben jeden Tages, für die kleinen wertvollen Momente und die Partys … auch wenn man sich die Gäste nicht immer aussuchen kann.